Spanischer Staatsangehöriger wegen Drogenhandels mit 590 g Kokain verurteilt: Siebenjährige Landesverweisung nach Art. 66a StGB bleibt bestehen, FZA steht nicht entgegen (Art. 66a StGB)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 145 IV 364 · ATF 145 IV 364 · DTF 145 IV 364
- Datum
- 22.05.2019
- Geschäftsnummer
- 6B_378/2018
- Abteilung
- Strafrechtliche Abteilung
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Art. 112 BGG Art. 5 BV Art. 13 BV Art. 121 BV Art. 19 BetmG Art. 8 EMRK Art. 1 FZA Art. 5 FZA Art. 7 FZA Art. 16 FZA Art. 66a StGB Art. 66d StGB Art. 31 VRK
Zusammenfassung
Ein spanischer Staatsangehöriger wurde wegen qualifizierten Drogenhandels mit rund 590 g Kokain verurteilt und zu einer siebenjährigen Landesverweisung verurteilt. Er erhob Beschwerde beim Bundesgericht und rügte, die Landesverweisung verletze Art. 66a StGB sowie das Freizügigkeitsabkommen (FZA), da er als EU-Bürger ein Recht auf Aufenthalt und Erwerbstätigkeit in der Schweiz habe. Er machte geltend, seine Bindungen zur Schweiz seien hinreichend, eine günstige Legalprognose bestehe und die Landesverweisung sei unverhältnismässig. Die Vorinstanz hatte die Landesverweisung bestätigt und auf die Schwere der Tat sowie die fehlenden Bindungen zur Schweiz abgestellt.
Das Bundesgericht wies die Beschwerde ab und bestätigte die siebenjährige Landesverweisung. Es stellte fest, dass der Beschwerdeführer wegen einer Katalogtat nach Art. 66a Abs. 1 lit. o StGB verurteilt wurde, weshalb die Landesverweisung zwingend vorgesehen ist. Die Härtefallklausel nach Art. 66a Abs. 2 StGB greift nicht, weil der Eingriff in das Privat- und Familienleben nach Art. 13 BV und Art. 8 EMRK nicht von einer solchen Tragweite ist, dass ein Härtefall vorliegt. Der Beschwerdeführer hat keine nennenswerten Bindungen zur Schweiz: Er spricht keine Landessprache, lebt seit Ende 2014 hier, seine Familie lebt in der Dominikanischen Republik oder Spanien, sein einjähriger Sohn lebt dort, und seine einzige Beziehung in der Schweiz ist eine Verlobung mit einer dominikanischen Staatsbürgerin. Der Drogenhandel mit 590 g Kokain stellt eine schwere Gefährdung der öffentlichen Ordnung im Sinne von Art. 5 Abs. 1 Anhang I FZA dar, weshalb das FZA der Landesverweisung nicht entgegensteht. Das FZA gewährt kein absolutes Aufenthaltsrecht, sondern setzt rechtskonformes Verhalten voraus, das der Beschwerdeführer durch den Drogenhandel verletzt hat. Die Vorinstanz hat ihr Ermessen nach Art. 66a StGB nicht überschritten, da die siebenjährige Dauer innerhalb des gesetzlichen Rahmens von 5 bis 15 Jahren liegt und die Schwere der Tat dies rechtfertigt. Das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege wurde gutgeheissen, weil die finanzielle Situation des Beschwerdeführers nicht klar ausgeschlossen war und die Rechtslage zum FZA noch nicht gefestigt ist; der Anwalt wird daher nach Art. 64 Abs. 2 BGG entschädigt. Diese Entscheidung klärt, dass strafrechtliche Landesverweisung und FZA nicht automatisch kollidieren, sondern dass die Schwere der Tat und die individuelle Abwägung nach Art. 5 Abs. 1 Anhang I FZA massgebend sind.
Regeste
Art. 5 Abs. 2, Art. 189 Abs. 1 lit. b BV; Art. 66a StGB; Art. 5 Abs. 1 Anhang I FZA; Art. 31 Abs. 1 VRK; strafrechtliche Landesverweisung von EU-Bürgern und Freizügigkeitsabkommen. Das Bundesgericht beurteilt auch Streitigkeiten wegen Verletzung des Völkerrechts (E. 3.3). Mit dem Freizügigkeitsabkommen (FZA) hat die Schweiz Staatsangehörigen der Mitgliedstaaten der EU im Wesentlichen ein weitgehendes und reziprokes Recht auf Erwerbstätigkeit eingeräumt. Das FZA hat keinen Einfluss auf die Gesetzgebung im Bereich des Strafrechts. Die Schweiz hat jedoch bei der Auslegung gesetzlicher Bestimmungen die völkerrechtlichen Verpflichtungen zu beachten (E. 3.4.1). Die aufgrund des FZA eingeräumten Rechte dürfen nach Art. 5 Abs. 1 Anhang I FZA nur durch Massnahmen, die aus Gründen der öffentlichen Ordnung, Sicherheit und Gesundheit gerechtfertigt sind, eingeschränkt werden (E. 3.5). Bei der strafrechtlichen Landesverweisung ist deshalb - soweit Staatsangehörige der Mitgliedstaaten der EU betroffen sind - im konkreten Einzelfall zu prüfen, ob die Massnahme zum Schutze der öffentlichen Ordnung und Sicherheit verhältnismässig ist (E. 3.9). Regeste Art. 5 al. 2, art. 189 al. 1 let. b Cst.; art. 66a CP; art. 5 par. 1 annexe I ALCP; art. 31 par. 1 de la Convention de Vienne sur le droit des traités; expulsion pénale de ressortissants européens et accord sur la libre circulation des personnes. Le Tribunal fédéral est également compétent pour connaître de la violation du droit international (consid. 3.3). Par l'accord sur la libre circulation des personnes (ALCP), la Suisse a en substance accordé aux ressortissants des Etats membres de l'Union européenne un droit étendu et réciproque à l'exercice d'une activité lucrative. L'ALCP n'a aucune influence sur la législation en matière pénale. La Suisse doit toutefois prendre en considération ses obligations de droit international dans l'interprétation des dispositions légales (consid. 3.4.1). En vertu de l'art. 5 par. 1 annexe I ALCP, les droits accordés sur la base de cet accord ne peuvent être limités que par des mesures justifiées par des raisons d'ordre public, de sécurité publique et de santé publique (consid. 3.5). Lorsque le prononcé d'une expulsion pénale est envisagé - et pour autant que des ressortissants des Etats membres de l'Union européenne soient concernés -, il doit être concrètement examiné si la mesure est proportionnée au but de protection de l'ordre public et de la sécurité publique (consid. 3.9). Regesto Art. 5 cpv. 2, art. 189 cpv. 1 lett. b Cost.; art. 66a CP; art. 5 par. 1 Allegato I ALC; art. 31 par. 1 della Convenzione di Vienna sul diritto dei trattati; espulsione penale di cittadini UE e accordo sulla libera circolazione delle persone. Il Tribunale federale giudica anche le controversie per violazione del diritto internazionale (consid. 3.3). Con l'accordo sulla libera circolazione delle persone (ALC) la Svizzera ha in sostanza conferito ai cittadini degli Stati membri dell'UE un diritto ampio e reciproco a esercitare un'attività economica. L'ALC non ha alcun influsso sulla legislazione in materia di diritto penale. Nell'interpretazione delle disposizioni legali la Svizzera deve tuttavia tener conto degli obblighi previsti dal diritto internazionale (consid. 3.4.1). Secondo l'art. 5 par. 1 Allegato I ALC, i diritti conferiti dall'ALC possono essere limitati soltanto da misure giustificate da motivi di ordine pubblico, pubblica sicurezza e pubblica sanità (consid. 3.5). Nel contesto dell'espulsione penale - per quanto riferita a cittadini di Stati membri dell'UE - occorre pertanto esaminare nel caso concreto se la misura è proporzionata allo scopo di tutela dell'ordine e della sicurezza pubblici (consid. 3.9).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
Verwandte Entscheide
- Mann tötet Ex-Ehefrau nach Scheidungswunsch und ausserehelicher Beziehung: Mordqualifikation und 20-jährige Freiheitsstrafe bestätigt (Art. 112 StGB)
- Anerkannter Flüchtling aus dem Iran wegen Kokainhandels verurteilt: Landesverweisung unwirksam, da Rückkehr in den Iran aufgrund stabiler politischer Verhältnisse weiterhin unmenschlich (Art. 66d StGB)
- Mutter aus Kosovo beantragt Familiennachzug zu Sohn mit italienischer Staatsangehörigkeit: Grenzüberschreitender Bezug bejaht, aber Unterhaltsnachweis für Familiennachzug nach Art. 3 Abs. 1 und 2 lit. b Anhang I FZA nicht erbracht
- Beschwerdeführer verlangt strafmildernde Berücksichtigung der Landesverweisung bei der Strafzumessung: Ablehnung, weil Landesverweisung keine Strafe ist, sondern sichernde Massnahme (Art. 47, 54 und 66a ff. StGB)
- Fahrer führt waghalsiges Überholmanöver mit über 100 km/h in Kurve und Spurenabbau: Qualifiziert grobe Verkehrsregelverletzung nach Art. 90 Abs. 3 SVG bestätigt, Landesverweisung für sechs Jahre und SIS-Ausschreibung rechtmässig
- Spanischer Staatsangehöriger nach mehrfachem versuchtem Mord an Säuglingstochter mit skrupelloser Vorgehensweise: 15-jähriges Einreiseverbot gerechtfertigt (Art. 67 Abs. 3 AIG)
- Nordmazedonier beantragt nachehelichen Aufenthaltsanspruch nach Scheidung: Kein Anspruch, weil ungarische Ex-Ehefrau die Schweiz verlassen hat und kein Aufenthaltsrecht mehr besitzt (Art. 50 Abs. 1 lit. a AIG)
- Verurteilung wegen versuchter schwerer Körperverletzung mit Küchenmesser: Landesverweisung bestätigt, obwohl Beschwerdeführer seit 12 Jahren in der Schweiz lebt (Art. 66a StGB)