Ehegatte klagt gegen Unterhaltsentscheid nach Einleitung des Scheidungsverfahrens: Nichtberücksichtigung nachträglicher Einkommenssteigerung der Ehefrau als Willkür (Art. 9 BV, Art. 229 ZPO)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 148 III 95 · ATF 148 III 95 · DTF 148 III 95
- Datum
- 07.12.2021
- Geschäftsnummer
- 5A_294/2021
- Abteilung
- II. Zivilrechtliche Abteilung
- Ausgang
- Rückweisung
Tragende Normen
Art. 42 BGG Art. 72 BGG Art. 76 BGG Art. 98 BGG Art. 106 BGG Art. 107 BGG Art. 113 BGG Art. 9 BV Art. 29 BV Art. 179 ZGB Art. 221 ZPO Art. 229 ZPO Art. 276 ZPO Art. 317 ZPO Art. 318 ZPO
Zusammenfassung
Ein Ehemann beschwert sich beim Bundesgericht gegen ein Urteil des Zürcher Obergerichts, das ihm monatlichen Ehegattenunterhalt in Höhe von 1200 Franken ab dem 22. März 2017 auferlegt hat. Streitig ist, ob das Obergericht zu Recht die nach dem 22. März 2019 eingetretenen Einkommenssteigerungen der Ehefrau – Lohnerhöhung ab 1. April 2019, Karriereschritt per 1. Januar 2021 und hypothetischer Mietertrag ab 1. Januar 2020 – im Eheschutzverfahren nicht berücksichtigt hat, weil bereits ein Scheidungsverfahren hängig war. Der Beschwerdeführer macht geltend, diese Tatsachen seien zulässige Noven und müssten im laufenden Eheschutzverfahren bewertet werden; das Obergericht habe daher seine Kognition willkürlich beschränkt und das rechtliche Gehör verletzt.
Das Bundesgericht hebt das angefochtene Urteil auf und verweist die Sache zur Neubeurteilung an das Obergericht zurück. Die Vorinstanz hat durch die schematische Nichtberücksichtigung der nach dem 22. März 2019 eingetretenen Tatsachen – konkret die Lohnerhöhung der Ehefrau ab 1. April 2019, ihr Karriereschritt per 1. Januar 2021 und der hypothetische Mietertrag ab 1. Januar 2020 – den ordentlichen Abschluss des Eheschutzverfahrens verhindert und die bundesgerichtliche Rechtsprechung zur Novenregelung ohne überzeugende Begründung missachtet. Diese Tatsachen waren zulässige Noven nach Art. 229 und Art. 317 ZPO, da sie erst nach dem Zeitpunkt verfügbar wurden, in dem sie im früheren Verfahren noch hätten vorgebracht werden können, und das Eheschutzgericht war verpflichtet, sie im Rahmen des laufenden Verfahrens zu prüfen, unabhängig davon, dass ein Scheidungsverfahren bereits hängig war. Die Vorinstanz verletzte damit Art. 9 BV (Willkürverbot), Art. 29 Abs. 2 BV (rechtliches Gehör) sowie die zivilprozessualen Normen Art. 229 ZPO, Art. 317 ZPO, Art. 317 Abs. 1 ZPO, Art. 318 Abs. 2 ZPO, Art. 236 Abs. 1 ZPO, Art. 276 Abs. 1 ZPO, Art. 276 Abs. 2 ZPO, Art. 276 Abs. 2 Satz 2 ZPO, Art. 179 Abs. 1 ZGB, Art. 176 ZGB, Art. 129 ZGB, Art. 134 ZGB und Art. 286 ZGB. Der Fehler ist ergebnisrelevant, denn die Berücksichtigung dieser Tatsachen würde den Unterhaltsbeitrag ab Januar 2019 erheblich reduzieren oder ganz aufheben. Das Bundesgericht weist die Sache daher gemäss Art. 107 Abs. 2 BGG zur Neuentscheidung zurück. Die Gerichtskosten von 4000 Franken werden der Beschwerdegegnerin auferlegt und sie hat den Beschwerdeführer mit 5000 Franken für das bundesgerichtliche Verfahren zu entschädigen. Damit unterliegt die Beschwerdegegnerin vollständig, auch wenn sie auf eine Vernehmlassung verzichtet hatte. Dieses Urteil klärt die Abgrenzung zwischen Eheschutz- und Scheidungsverfahren endgültig zugunsten einer prozessökonomischen Koordination: Nachträgliche Tatsachen sind im Eheschutzverfahren zu berücksichtigen, solange das Verfahren noch nicht spruchreif ist – unabhängig von der Rechtshängigkeit eines parallelen Scheidungsverfahrens.
Regeste
Art. 9 BV; Art. 229, 276 und 317 ZPO; Art. 176 ZGB; Abgrenzung der Zuständigkeit zwischen dem Eheschutzgericht und dem Scheidungsgericht; Berücksichtigung von nach Rechtshängigkeit des Scheidungsverfahrens eingetretenen Tatsachen im Eheschutzverfahren nach Massgabe der zivilprozessualen Novenregelung. Bestätigung der Rechtsprechung zur Abgrenzung der Zuständigkeiten und Kompetenzen zwischen dem Eheschutzgericht und dem Scheidungsgericht: Das Eheschutzgericht trifft bis zur Rechtshängigkeit des Scheidungsverfahrens die nötigen Massnahmen, die bis zu einer allfälligen späteren Abänderung in Kraft bleiben (E. 4.2). Selbst wenn während der Dauer des Eheschutzverfahrens das Scheidungsverfahren rechtshängig gemacht wird, führt das Eheschutzgericht das bei ihm hängige Verfahren ordentlich, d.h. unter Berücksichtigung sämtlicher nach Art. 229 ZPO (und gegebenenfalls Art. 317 ZPO) massgebenden Tatsachen, zu Ende. Unerheblich bleibt, ob diese Tatsachen vor oder nach Rechtshängigkeit des Scheidungsverfahrens eingetreten sind (E. 4.3-4.6). Die Beurteilung derartiger Tatsachen erst im Scheidungsverfahren ist willkürlich (E. 4.7 und 4.8). Regeste Art. 9 Cst.; art. 229, 276 et 317 CPC; art. 176 CC; délimitation des compétences entre le juge des mesures protectrices de l'union conjugale et le juge du divorce; prise en compte dans la procédure de mesures protectrices de l'union conjugale, conformément à la réglementation des nova dans la procédure civile, de faits survenus après la litispendance de la procédure de divorce. Confirmation de la jurisprudence délimitant les compétences entre le juge des mesures protectrices de l'union conjugale et le juge du divorce: le juge des mesures protectrices de l'union conjugale prend les mesures nécessaires jusqu'à la litispendance de la procédure de divorce, ces mesures restant en force jusqu'à une éventuelle modification ultérieure (consid. 4.2). Même si la procédure de divorce est introduite alors que la procédure de mesures protectrices est pendante, le juge des mesures protectrices mène la procédure ouverte devant lui de manière ordinaire jusqu'à son terme, c'est-à-dire en tenant compte de tous les faits remplissant les conditions de l'art. 229 CPC (et cas échéant de l'art. 317 CPC). La question de savoir si ces faits se sont produits avant ou après la litispendance de la procédure de divorce est sans pertinence (consid. 4.3-4.6). La prise en compte de tels faits seulement dans le cadre de la procédure de divorce est arbitraire (consid. 4.7 et 4.8). Regesto Art. 9 Cost.; art. 229, 276 e 317 CPC; art. 176 CC; delimitazione delle competenze tra il giudice delle misure a tutela dell'unione coniugale e il giudice del divorzio; presa in considerazione nella procedura a tutela dell'unione coniugale, conformemente alle regole concernenti i nova della procedura civile, di fatti sorti dopo la litispendenza della procedura di divorzio. Conferma della giurisprudenza sulla delimitazione delle competenze tra il giudice delle misure a tutela dell'unione coniugale e il giudice del divorzio: il giudice delle misure a tutela dell'unione coniugale adotta i provvedimenti necessari fino alla litispendenza della procedura di divorzio, i quali rimangono in vigore fino a una eventuale successiva modifica (consid. 4.2). Anche se la procedura di divorzio è introdotta mentre la procedura a tutela dell'unione coniugale è pendente, il giudice delle misure a tutela dell'unione coniugale conduce il processo aperto dinanzi a lui in modo ordinario fino alla sua conclusione, tenendo cioè conto di tutti i fatti ammissibili ai sensi dell'art. 229 CPC (e eventualmente dell'art. 317 CPC). Sapere se tali fatti sono sorti prima o dopo la litispendenza della procedura di divorzio è irrilevante (consid. 4.3-4.6). La presa in considerazione di tali fatti soltanto nella procedura di divorzio è arbitraria (consid. 4.7 e 4.8).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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