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Justizze. Art. 147 StPO

Bundesgericht

Beschuldigter verlangt Anwesenheit seines Verteidigers bei psychiatrischer Exploration: Kein gesetzlicher oder grundrechtlicher Anspruch, Beschwerde abgewiesen (Art. 147 Abs. 1 StPO)

BGE / ATF / DTF
BGE 144 I 253 · ATF 144 I 253 · DTF 144 I 253
Datum
04.07.2018
Geschäftsnummer
1B_520/2017
Abteilung
I. Öffentlich-rechtliche Abteilung
Ausgang
Abgewiesen

Tragende Normen

Art. 42 BGG Art. 93 BGG Art. 32 BV Art. 6 EMRK Art. 5 StPO Art. 107 StPO Art. 127 StPO Art. 129 StPO Art. 130 StPO Art. 142 StPO Art. 143 StPO Art. 147 StPO Art. 158 StPO Art. 159 StPO Art. 182 StPO Art. 183 StPO Art. 184 StPO Art. 185 StPO Art. 187 StPO Art. 188 StPO Art. 394 StPO

Zusammenfassung

Ein Beschuldigter erhob beim Bundesgericht Beschwerde gegen einen kantonalen Entscheid, der seine Forderung nach Anwesenheit seines Verteidigers bei psychiatrischen Explorationsgesprächen für ein ergänzendes psychiatrisches Gutachten abgelehnt hatte. Er machte geltend, die Nichtzulassung verletze seine Parteirechte und seinen Anspruch auf ausreichende Verteidigung. Die Staatsanwaltschaft und das Obergericht des Kantons Aargau hatten die Beschwerde abgewiesen. Das Bundesgericht musste klären, ob ein Rechtsanspruch auf Teilnahme des Verteidigers bei einer forensisch-psychiatrischen Begutachtung besteht.

Das Bundesgericht wies die Beschwerde ab, soweit darauf einzutreten war. Es stellte fest, dass die psychiatrische Exploration durch einen forensischen Sachverständigen keinen kontradiktorischen Charakter hat, sondern eine fachspezifische Sachverhaltsermittlung darstellt, die dem Ziel dient, dem Gutachter ein möglichst unbeeinflusstes Bild über medizinisch-psychiatrische Fachfragen zu ermöglichen. Im Gegensatz zu förmlichen Einvernahmen durch Staatsanwaltschaft oder Gericht sieht die StPO ausdrücklich keinen Anspruch des Verteidigers auf Anwesenheit bei solchen Explorationsgesprächen vor; Art. 147 Abs. 1 StPO regelt nur die Teilnahme bei Beweiserhebungen "durch die Staatsanwaltschaft und die Gerichte", was die Tätigkeit eines Sachverständigen nicht umfasst. Auch die Aussageverweigerungsregelung in Art. 185 Abs. 5 StPO enthält keinen Hinweis auf Verbeiständung durch einen Verteidiger, im Unterschied zu den Verhörvorschriften. Der Beschwerdeführer legte keine stichhaltigen besonderen Gründe vor, die eine Ausnahme von dieser Regel rechtfertigen würden – etwa besondere kognitive Einschränkungen, die eine effiziente Kontrolle des Gutachtens nach Vorliegen durch die Verteidigung unmöglich machen würden. Eine Verletzung der Grundrechte auf rechtliches Gehör (Art. 29 Abs. 2 BV i.V.m. Art. 107 StPO), auf ein faires Strafverfahren (Art. 29 Abs. 1 BV und Art. 6 Ziff. 1 EMRK) sowie auf ausreichende Verteidigung (Art. 32 Abs. 2 Satz 2 BV und Art. 6 Ziff. 3 lit. c EMRK) war daher nicht gegeben. Das Bundesgericht verwies zudem darauf, dass die nachträgliche Kontrolle des Gutachtens durch Stellungnahmen und Ergänzungsanträge (Art. 188–189 und Art. 318 StPO) ausreichend sei. Zur Kostenfrage gewährte das Bundesgericht dem amtlich verteidigten und seit längerer Zeit inhaftierten Beschwerdeführer unentgeltliche Rechtspflege gemäss Art. 64 BGG. Diese Entscheidung bestätigt die klare Trennung zwischen kontradiktorischen Vernehmungen und fachlich-autonomen Begutachtungen im schweizerischen Strafrecht und unterstreicht die Bedeutung der wissenschaftlichen Unabhängigkeit psychiatrischer Gutachten.

Regeste

Art. 29 Abs. 1 und 2, Art. 32 Abs. 2 BV; Art. 6 Ziff. 1 und 3 EMRK; Art. 147 Abs. 1, Art. 157 f., Art. 185 StPO. Zulassung der Verteidigung zur psychiatrischen Exploration der beschuldigten Person. Das Verhör des Beschuldigten und die Beweisaussagen der Parteien erfüllen andere gesetzliche Funktionen als eine forensisch-psychiatrische Begutachtung. Die sachverständige Person nimmt ausschliesslich fachspezifische Erhebungen vor, die mit dem Expertiseauftrag in engem Zusammenhang stehen. Eine eigene Befragung der beschuldigten Person durch die sachverständige Person ist spezifisch gutachtensorientiert. Folglich dürfen die Strafbehörden Äusserungen der beschuldigten Person bei einem psychiatrischen Explorationsgespräch dieser auch nicht wie Beweisaussagen zum inkriminierten Sachverhalt vorhalten. Nach einer gesetzeskonformen kontradiktorischen Ernennung und Instruktion der forensischen sachverständigen Person (unter Teilnahme der Parteien) hat die Verteidigung auf materielle Begutachtungsvorgänge durch die medizinisch-psychiatrische Fachperson (bis zum Vorliegen der Expertise) keinen direkten Einfluss mehr zu nehmen. Die Verteidigung hat weder den fachlich-methodischen Ablauf der Expertise unmittelbar zu "kontrollieren", noch die Exploration mit eigenen Fragen direkt zu ergänzen bzw. zu beeinflussen. Nach Vorliegen des Gutachtens steht es den Parteien (im Rahmen ihres gesetzlich vorgesehenen Stellungnahmerechts) frei, nötigenfalls Kritik am methodischen Vorgehen oder an den fachlichen Schlussfolgerungen des Gutachters zu äussern und entsprechende Beweis- und Ergänzungsanträge zu stellen. Ein Recht auf Zulassung der Verteidigung zur forensisch-psychiatrischen Exploration ergibt sich weder aus Art. 147 Abs. 1 StPO noch aus anderen gesetzlichen Bestimmungen. Ein solcher Anspruch lässt sich hier auch nicht aus den Grundrechten der Bundesverfassung oder der EMRK herleiten (E. 3). Regeste Art. 29 al. 1 et 2, art. 32 al. 2 Cst.; art. 6 par. 1 et 3 CEDH; art. 147 al. 1, art. 157 s., art. 185 CPP. Participation de la défense aux examens ou entretiens effectués par l'expert psychiatre du prévenu dans le cadre d'un mandat d'expertise. L'audition du prévenu et les déclarations des parties au cours de la procédure pénale visent à satisfaire d'autres exigences légales que la mise en oeuvre d'une expertise psychiatrique. Dans ce cadre, l'expert effectue exclusivement des investigations en lien étroit avec le mandat d'expertise particulier qui lui est donné. L'interrogatoire du prévenu par l'expert tend ainsi spécifiquement à la réalisation des buts de l'expertise. Par conséquent, les autorités pénales ne peuvent pas retenir, notamment à charge, les déclarations du prévenu qu'il a tenues lors d'un entretien avec l'expert de la même manière que celles effectuées au cours de la procédure pénale proprement dite. Une fois l'expert désigné et son mandat défini de manière conforme à la loi (notamment avec la participation des parties), la défense ne peut plus, jusqu'à la restitution du rapport d'expertise, influencer directement sur les processus d'évaluation mis en oeuvre par l'expert. La défense ne peut ainsi ni "contrôler" immédiatement la méthode utilisée et le déroulement formel de l'examen, ni compléter ou influencer directement l'évaluation par le biais de ses propres questions. Après la restitution du rapport d'expertise, les parties peuvent librement - dans le cadre de leur droit de participer à l'administration des preuves et de se déterminer sur celles-ci - critiquer, le cas échéant, l'approche méthodique suivie ou les conclusions prises par l'expert, respectivement former des réquisitions de preuve ou demander un complément d'expertise. Un droit pour la défense de participer à l'examen psychiatrique proprement dit ne résulte ni de l'art. 147 al. 1 CPP, ni d'autres dispositions légales. Une telle prétention ne découle pas non plus des droits fondamentaux constitutionnels ou de la CEDH (consid. 3). Regesto Art. 29 cpv. 1 e 2, art. 32 cpv. 2 Cost.; art. 6 n. 1 e 3 CEDU; art. 147 cpv. 1, art. 157 seg., art. 185 CPP. Partecipazione della difesa al colloquio esplorativo psichiatrico della persona imputata. L'audizione dell'imputato e le dichiarazioni delle parti assolvono altre funzioni legali di una perizia forense-psichiatrica. In quest'ambito l'esperto procede esclusivamente a rilevamenti attinenti al suo specifico campo scientifico, strettamente connessi al mandato peritale. Un'interrogazione dell'imputato da parte dell'esperto è specificatamente finalizzata all'elaborazione della perizia. Di conseguenza le autorità penali non possono confrontare l'imputato con le dichiarazioni da lui rilasciate durante un colloquio esplorativo con l'esperto, assimilandole a sue deposizioni probatorie in relazione ai fatti incriminati. Dopo una nomina avvenuta in contraddittorio conforme alla legge e l'istruzione del perito giudiziario (con la partecipazione delle parti), la difesa, fino alla presentazione del referto peritale, non può influire direttamente sul perito medico-psichiatrico nell'elaborazione materiale della perizia. La difesa né deve "controllare" immediatamente lo svolgimento tecnico-metodologico della perizia né completare o influenzare direttamente l'esplorazione con proprie domande. Dopo la presentazione della perizia, le parti (nel quadro del loro diritto legalmente previsto di presentare osservazioni) se del caso sono libere di criticare l'approccio metodologico o le conclusioni scientifiche del perito e proporre istanze di completazione o di nuove prove. Un diritto della difesa d'essere ammessa all'esplorazione forense-psichiatrica né risulta dall'art. 147 cpv. 1 CPP né da altre disposizioni legali. Una tale pretesa neppure è deducibile dai diritti fondamentali della Costituzione o dalla CEDU (consid. 3).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.

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