Justizze.

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Justizze. Art. 43 ATSG

Bundesgericht

IV-Stelle legt Beschwerde gegen Kostenregelung im Rückweisungsentscheid ein: Vertrauensschutz schützt vor Fristversäumnis, BEGAZ-Gutachten vom 19. April 2012 ist verwertbar (Art. 43 Abs. 1 ATSG)

BGE / ATF / DTF
BGE 142 V 551 · ATF 142 V 551 · DTF 142 V 551
Datum
24.05.2016
Geschäftsnummer
BGE 142 V 551
Ausgang
Teilweise gutgeheissen

Tragende Normen

Art. 38 ATSG Art. 43 ATSG Art. 60 ATSG Art. 61 ATSG Art. 89 BGG Art. 93 BGG Art. 100 BGG Art. 5 BV Art. 9 BV Art. 59 IVG Art. 69 IVG Art. 72bis IVV Art. 106 ZPO Art. 107 ZPO

Zusammenfassung

Eine IV-Stelle des Kantons Solothurn beantragte beim Bundesgericht die Aufhebung der Kostenregelung aus einem Entscheid des kantonalen Versicherungsgerichts vom 21. Mai 2014. Dieser Entscheid hatte die Sache an die IV-Stelle zurückgewiesen, um ein neues polydisziplinäres Gutachten einzuholen, und ihr zugleich die Tragung von Verfahrenskosten und einer Parteientschädigung auferlegt. Die IV-Stelle machte geltend, das ursprüngliche Gutachten des BEGAZ vom 19. April 2012 sei verwertbar und die Rückweisung daher unbegründet; zudem habe sie ihre Beschwerde rechtzeitig erhoben, da sie sich auf die bisherige Rechtsprechung zum Fristbeginn verlassen durfte. Die Versicherte und die Vorinstanz schlossen auf Abweisung der Beschwerde.

Das Bundesgericht erklärt die Beschwerde der IV-Stelle für zulässig und gut, soweit sie die Kostenregelung betrifft. Es stellt fest, dass die IV-Stelle ihre Beschwerde am 25. Februar 2016 eingereicht hat, also vor dem am 24. Mai 2016 ergangenen BGE 142 II 363, das die Rechtsprechung zum Fristbeginn bei Kostenregelungen in Rückweisungsentscheiden geändert hat. Da die bisherige Praxis, wonach erst die Rechtskraft der neuen Verfügung fristauslösend wirkt, vor allem im Sozialversicherungsrecht angewendet wurde, durfte die IV-Stelle darauf vertrauen, dass diese weiterhin gilt; ein Nichteintreten wegen Fristversäumnis hätte den Vertrauensschutz nach Art. 5 Abs. 3 BV und Art. 9 BV verletzt (E. 3 und 4). Ferner stellt das Bundesgericht klar, dass das BEGAZ-Gutachten vom 19. April 2012 verwertbar ist, weil die Anforderungen aus BGE 137 V 210 an die Auftragsvergabe nicht unmittelbar und vollständig umzusetzen waren, bevor Art. 72 bis IVV am 1. März 2012 in Kraft trat; das Zufallsprinzip war damals noch ein Appellcharakter und keine durchsetzbare Pflicht (E. 7). Die IV-Stelle hatte die Partizipationsrechte der Versicherten vollumfänglich gewahrt, indem sie ihr den Fragenkatalog zur Stellungnahme übersandte, ihr Einwendungen gegen die Gutachtenstelle ermöglichte und ihr nach Erstellung des Gutachtens rechtliches Gehör gewährte (E. 7.3.4). Da bereits eine zweite Expertise des ZMB vom 23. April 2015 vorlag, auf deren Grundlage die IV-Stelle mit Verfügung vom 8. Dezember 2015 das Verfahren rechtskräftig abschloss, ist die Klärung der vorinstanzlichen Kostenverlegung gegenstandslos geworden (E. 7.4). Der mutmassliche Prozessausgang zugunsten der IV-Stelle rechtfertigt es, die Verfahrenskosten von Fr. 600.- der Versicherten aufzuerlegen; eine Parteientschädigung wird abgelehnt (E. 8.3.2). Das Bundesgericht weist darauf hin, dass die Vorinstanz keine qualifizierte Missachtung der Justizgewährleistungspflicht begangen hat, weshalb ihr keine bundesgerichtlichen Kosten auferlegt werden (E. 9.2). Diese Entscheidung präzisiert die Anwendung des Vertrauensschutzes bei Rechtsprechungsänderungen und klärt die Verwertbarkeit von MEDAS-Gutachten, die vor Inkrafttreten der Verordnungsnormen im Anschluss an BGE 137 V 210 in Auftrag gegeben wurden.

Regeste

a Art. 5 Abs. 3 und Art. 9 BV; Art. 92, 93 und 100 BGG; Vertrauensschutzprinzip im Falle geänderter Rechtsprechung zum Fristbeginn bei Anfechtung von Kostenregelungen in einem Rückweisungsentscheid. Die bisherige - mit BGE 142 II 363 (Urteil 2C_309/2015 vom 24. Mai 2016) geänderte - bundesgerichtliche Praxis, wonach bei Kostenregelungen in Rückweisungsentscheiden erst die Rechtskraft (und nicht bereits die Eröffnung) der neuen Verfügung fristauslösend wirkt, wurde hauptsächlich in Fällen auf dem Gebiet des Sozialversicherungsrechts angewendet. Ein Nichteintreten auf die vor dem 24. Mai 2016 eingereichte Beschwerde der IV-Stelle infolge Fristversäumnisses verletzte trotz prinzipiell sofortiger Anwendbarkeit der bereinigten fristbestimmenden Leitlinien den Grundsatz des Vertrauensschutzes (E. 3 und 4). Regeste b Art. 43 Abs. 1 und Art. 61 lit. c ATSG; Art. 59 Abs. 3 IVG; Art. 72 bis IVV; Beweiswert eines polydisziplinären Gutachtens. Die vorinstanzliche Betrachtungsweise, nach der bereits polydisziplinäre Gutachten, welche im Zeitraum nach Bekanntwerden von BGE 137 V 210 (Urteil 9C_243/2010 vom 28. Juni 2011) aber vor dem 1. März 2012 (Inkrafttreten von Art. 72 bis IVV sowie der einschlägigen Verwaltungsweisungen) in Auftrag gegeben worden waren, sämtliche Anforderungen des Grundsatzentscheids zu erfüllen hatten, erweist sich auf Grund des Appellcharakters gewisser neu vorgesehener Korrektive (wie die zufallsgeleitete Auftragsvergabe) als bundesrechtswidrig (E. 7). Regeste c Art. 106 und 107 Abs. 1 lit. e ZPO; § 77 Abs. 1 und § 80 des Gesetzes des Kantons Solothurn vom 15. November 1970 über den Rechtsschutz in Verwaltungssachen; § 1 Abs. 3 der Verordnung des solothurnischen Kantonsrates vom 22. September 1987 über das Verfahren vor dem Versicherungsgericht und über die Organisation und das Verfahren der Schiedsgerichte in den Sozialversicherungen; Verfahrens- und Parteikostenverlegung. Entfällt die Rückweisung der Angelegenheit an das kantonale Gericht zur Vornahme einer materiellen Beweiswürdigung, weil in der Sache auf entsprechende Rückweisung hin bereits eine zweite medizinische Expertise verfasst worden ist, gestützt auf welche das invalidenversicherungsrechtliche Verfahren in der Folge abgeschlossen werden konnte, hat der Prozess bezogen auf die zu klärende Frage der vorinstanzlichen Verfahrens- und Parteikostenverlegung als gegenstandslos geworden zu gelten (E. 7.4). Die Verfahrens- und Parteikosten sind diesfalls in erster Linie nach Massgabe des mutmasslichen Prozessausgangs zu verlegen (E. 8). Regeste a Art. 5 al. 3 et art. 9 Cst.; art. 92, 93 et 100 LTF; principe de la protection de la confiance dans le cas de la modification de jurisprudence relative au début du délai pour contester la répartition des frais fixée par une décision de renvoi. L'ancienne jurisprudence du Tribunal fédéral - modifiée par l' ATF 142 II 363 (arrêt 2C_309/2015 du 24 mai 2016) -, selon laquelle pour la répartition des frais fixée par la décision de renvoi seule l'entrée en force (et pas déjà la notification) de la nouvelle décision déclenchait le délai de recours, a avant tout été appliquée dans le domaine du droit des assurances sociales. Une décision de non-entrée en matière sur le recours déposé par l'office AI avant le 24 mai 2016 en raison du non-respect du délai violerait le principe de la protection de la confiance malgré l'application en règle générale immédiate de la modification des principes en matière de respect des délais de recours (consid. 3 et 4). Regeste b Art. 43 al. 1 et art. 61 let. c LPGA; art. 59 al. 3 LAI; art. 72 bis RAI; valeur probante d'une expertise pluridisciplinaire. La façon de voir de l'instance précédente, selon laquelle les expertises pluridisciplinaires, qui avaient été ordonnées après la diffusion de l' ATF 137 V 210 (arrêt 9C_243/2010 du 28 juin 2011) mais avant le 1 er mars 2012 (entrée en vigueur de l'art. 72 bis RAI ainsi que des directives administratives s'y rapportant), devaient déjà remplir toutes les exigences de l'arrêt de principe, se révèle contraire au droit fédéral en raison du caractère incitatif de certains correctifs nouvellement prévus (comme le caractère aléatoire de la répartition des mandats; consid. 7). Regeste c Art. 106 et 107 al. 1 let. e CPC; § 77 al. 1 et § 80 de la loi du canton de Soleure du 15 novembre 1970 sur la protection juridique en matière administrative; § 1 al. 3 de l'ordonnance du Grand Conseil soleurois du 22 septembre 1987 sur la procédure devant le tribunal des assurances et l'organisation et la procédure des tribunaux arbitraux des assurances sociales; répartition des frais de procédure et des dépens. Lorsque la cause n'est pas renvoyée au tribunal cantonal pour une appréciation matérielle des preuves, parce que concrètement une seconde expertise médicale a déjà été réalisée à la suite d'un renvoi correspondant, sur la base de laquelle la procédure en matière d'assurance-invalidité a par la suite pu être terminée, le procès concernant la question des frais de procédure et des dépens de l'instance précédente doit être considéré comme devenu sans objet (consid. 7.4). Les frais de procédure et les dépens doivent être répartis dans ce cas en premier lieu selon l'issue probable du litige (consid. 8). Regesto a Art. 5 cpv. 3 e art. 9 Cost.; art. 92, 93 e 100 LTF; principio della protezione della buona fede nei casi concernenti la modifica della giurisprudenza sull'inizio del termine per contestare la ripartizione delle spese stabilite in una decisione di rinvio. La previgente giurisprudenza del Tribunale federale - modificata con DTF 142 II 363 (sentenza 2C_309/2015 del 24 maggio 2016) - secondo cui per la ripartizione delle spese stabilite in una decisione di rinvio solo il passaggio in giudicato (e non già la notifica) della nuova decisione ha effetti sul termine di ricorso, è stata applicata soprattutto in casi in ambito di diritto delle assicurazioni sociali. Una decisione di non entrata nel merito per tardività su un ricorso inoltrato dall'Ufficio AI prima del 24 maggio 2016 violerebbe il principio della protezione della buona fede, malgrado l'applicazione in regola generale immediata della modifica dei principi in materia di rispetto dei termini di ricorso (consid. 3 e 4). Regesto b Art. 43 cpv. 1 e art. 61 lett. c LPGA; art. 59 cpv. 3 LAI; art. 72 bis OAI; valore probatorio di una perizia pluridisciplinare. L'interpretazione dell'istanza inferiore, secondo cui le perizie pluridisciplinari che erano state commissionate dopo DTF 137 V 210 (sentenza 9C_243/2010 del 28 giugno 2011) ma prima del 1o marzo 2012 (entrata in vigore dell'art. 72 bis OAI e delle direttive amministrative pertinenti) dovevano già realizzare tutte le esigenze poste dalla sentenza di principio, risulta contraria al diritto federale, in considerazione del carattere incitativo di taluni nuovi correttivi ora previsti (come il carattere aleatorio della ripartizione dei mandati; consid. 7). Regesto c Art. 106 e 107 cpv. 1 lett. e CPC; § 77 cpv. 1 e § 80 della legge del Cantone Soletta del 15 novembre 1970 sulla protezione giuridica in materia amministrativa; § 1 cpv. 3 dell'ordinanza del Gran Consiglio solettese del 22 settembre 1987 sulla procedura dinanzi al tribunale delle assicurazioni e l'organizzazione e la procedura ai tribunali arbitrali delle assicurazioni sociali; ripartizione delle spese di procedura e delle ripetibili. Quando una causa non è rinviata al Tribunale cantonale per un apprezzamento materiale delle prove, visto che in concreto una seconda perizia medica è già stata realizzata a seguito del rinvio corrispondente e sulla base della quale la procedura in materia d'assicurazione invalidità ha potuto in seguito essere terminata, il processo sulla questione delle spese giudiziarie e ripetibili dell'istanza precedente deve essere considerato come senza oggetto (consid. 7.4). In questo caso le spese giudiziarie e le ripetibili devono essere ripartite in primo luogo in funzione dell'esito probabile del processo (consid. 8).

Originalentscheid beim Gericht ↗

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