Kantonales partielles Bettelverbot: Verbot von passivem Betteln in Parks aufgehoben, Strafsanktionen nur nach vorherigen Administrativmassnahmen zulässig (Art. 10 Abs. 2 BV, Art. 8 EMRK)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 149 I 248 · ATF 149 I 248 · DTF 149 I 248
- Datum
- 01.01.2023
- Geschäftsnummer
- BGE 149 I 248
- Abteilung
- CH_BGE_001
- Ausgang
- Teilweise gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 55 BGG Art. 86 BGG Art. 87 BGG Art. 95 BGG Art. 99 BGG Art. 105 BGG Art. 106 BGG Art. 7 BV Art. 8 BV Art. 10 BV Art. 12 BV Art. 16 BV Art. 27 BV Art. 36 BV Art. 8 EMRK Art. 10 EMRK Art. 14 EMRK
Zusammenfassung
Die Demokratischen JuristInnen der Schweiz (DJS) Regionalgruppe Basel, die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV), der Verein für Gassenarbeit Schwarzer Peter sowie zwei Einzelpersonen legten Beschwerde gegen die Neufassung des § 9 des kantonalen Übertretungsstrafgesetzes Basel-Stadt ein, das ein partielles Bettelverbot einführt. Sie rügten einen Verstoss gegen die Bundesverfassung, die Europäische Menschenrechtskonvention und das Freizügigkeitsabkommen, insbesondere gegen das Recht auf persönliche Freiheit, das Recht auf Achtung des Privatlebens, die Meinungsfreiheit, die Wirtschaftsfreiheit und das Diskriminierungsverbot. Der Regierungsrat des Kantons Basel-Stadt beantragte die Abweisung der Beschwerde. Das Bundesgericht prüfte die Vereinbarkeit der kantonalen Norm mit übergeordnetem Recht im Rahmen einer abstrakten Normenkontrolle.
Das Bundesgericht heisst die Beschwerde teilweise gut. Es hebt das Verbot des passiven Bettelns in öffentlichen Parks auf, weil dafür keine ausreichenden öffentlichen Interessen bestehen; Parks sind keine Ruhezonen, sondern durch Sport, Spiel und gesellige Aktivitäten geprägt, und aufdringliches Betteln ist bereits durch § 9 Abs. 2 lit. a ÜStG verboten. Zudem stellt das Gericht fest, dass die Strafsanktion für passives Betteln in den übrigen Orten gemäss § 9 Abs. 2 lit. b-g ÜStG nur dann zulässig ist, wenn zuvor milde Administrativmassnahmen wie polizeiliche Wegweisung oder administrative Verwarnung erfolglos waren; andernfalls führt die Busse regelmäßig zur Ersatzfreiheitsstrafe, was angesichts der prekären Lebenslage bettelnder Personen unverhältnismässig wäre. Hingegen ist § 9 Abs. 1 lit. a ÜStG (organisiertes Betteln) verfassungskonform, sofern es einschränkend ausgelegt wird und nur solche Organisationsformen erfasst, die einen zusätzlichen Unrechtsgehalt wie Ausbeutung oder Täuschung aufweisen. Auch die übrigen Teile des partiellen Bettelverbots gemäss § 9 Abs. 2 lit. b-g ÜStG sind grundsätzlich rechtmässig, da sie klar bestimmt sind und sich auf sensible Orte wie Bahnhofseingänge oder Geschäftsvorplätze beziehen, wo Betteln die öffentliche Ordnung beeinträchtigen kann. Das Bettelverbot verstösst nicht gegen das Freizügigkeitsabkommen, weil Betteln keine Erwerbstätigkeit im Sinne des Abkommens darstellt und auch kein erwerbsloser Aufenthalt ohne ausreichende finanzielle Mittel gestattet ist. Schliesslich liegt keine indirekte Diskriminierung vor, weil der Gesetzestext neutral formuliert ist und sich gegen alle Bettelnden richtet, nicht nur gegen Roma; konkrete Anhaltspunkte für eine diskriminierende Vollzugspraxis fehlen im Rahmen der abstrakten Kontrolle. Die Entscheidung beruht auf Art. 10 Abs. 2 BV und Art. 8 EMRK als zentrale Grundrechte, ergänzt durch Art. 16 BV, Art. 27 BV, Art. 8 Abs. 2 BV, Art. 14 EMRK und Art. 36 BV zur Verhältnismässigkeit. Das Bundesgericht weist darauf hin, dass der Kanton die erforderlichen Administrativmassnahmen im Verordnungsrecht konkretisieren muss, bevor die Strafsanktionen greifen können.
Regeste
Art. 8 Abs. 2, Art. 10 Abs. 2, Art. 16, 27 und 36 BV; Art. 8, 10 und 14 EMRK; Grund- und Menschenrechtskonformität eines partiellen Bettelverbots; abstrakte Normenkontrolle. Bettelei fällt in den Schutzbereich des Grundrechts der persönlichen Freiheit bzw. des Rechts auf Achtung des Privatlebens. Ein partielles Bettelverbot greift in diese Rechte ein und hat die entsprechenden Voraussetzungen zu erfüllen. Auf die Rechtsprechung, dass Betteln nicht unter den Schutz der Meinungsfreiheit und der Wirtschaftsfreiheit fällt, ist im vorliegenden Zusammenhang nicht zurückzukommen (E. 4). Das Verbot organisierten Bettelns ist verfassungs- und menschenrechtskonform auszulegen. Das Verbot von passivem Betteln in Parks ist aufzuheben. Passives Betteln mit einer Busse zu bestrafen, die bei Nichtleistung in eine Freiheitsstrafe umgewandelt wird, ist nur zulässig, wenn vorweg angemessene Administrativmassnahmen ergriffen worden sind, um die Sanktionsfolge abzumildern. Im Übrigen ist die erlassene Regelung eines partiellen Bettelverbots mit Blick auf die persönliche Freiheit bzw. den Schutz des Privatlebens nicht zu beanstanden (E. 5). Das Bettelverbot verstösst nicht gegen Freizügigkeitsrecht (E. 6). Das partielle Bettelverbot bewirkt als Gesetzesbestimmung keine indirekte Diskriminierung; bei der Umsetzung des Verbots ist jedoch den Anforderungen an eine diskriminierungsfreie Rechtsanwendung gebührend Rechnung zu tragen (E. 7). Regeste Art. 8 al. 2, art. 10 al. 2, art. 16, 27 et 36 Cst.; art. 8, 10 et 14 CEDH; conformité aux droits fondamentaux et aux droits de l'homme d'une interdiction partielle de la mendicité; contrôle abstrait des normes. La mendicité tombe dans le champ de protection du droit fondamental qui porte sur la liberté personnelle respectivement sur le droit au respect de la vie privée. Une interdiction partielle de la mendicité porte atteinte à ces droits et doit remplir les conditions correspondantes. Il n'y a pas lieu de revenir dans le présent contexte sur la jurisprudence selon laquelle la mendicité ne tombe pas dans le champ de protection de la liberté d'opinion et de la liberté économique (consid. 4). L'interdiction de la mendicité organisée doit être interprétée conformément à la Constitution et aux droits humains. L'interdiction de la mendicité passive dans les parcs doit être levée. Sanctionner la mendicité passive par une amende qui, en cas de non-paiement, est convertie en une peine privative de liberté, n'est admissible que si des mesures administratives appropriées ont été prises préalablement pour atténuer les conséquences de la sanction. Pour le reste, la réglementation adoptée interdisant partiellement la mendicité n'est pas critiquable au regard de la liberté personnelle respectivement de la protection de la vie privée (consid. 5). L'interdiction de la mendicité n'est pas contraire au droit à la libre circulation (consid. 6). L'interdiction partielle de la mendicité, en tant que disposition légale, n'entraîne pas de discrimination indirecte; lors de la mise en oeuvre de l'interdiction, il convient toutefois de tenir dûment compte des exigences quant à une application non discriminatoire du droit (consid. 7). Regesto Art. 8 cpv. 2, art. 10 cpv. 2, art. 16, 27 e 36 Cost.; art. 8, 10 e 14 CEDU; conformità ai diritti fondamentali e ai diritti dell'uomo di un divieto parziale della mendicità; controllo astratto delle norme. La mendicità rientra nella sfera di protezione del diritto fondamentale alla libertà personale, rispettivamente del diritto al rispetto della vita privata. Un divieto parziale della mendicità costituisce un'ingerenza in questi diritti e deve adempiere le corrispondenti condizioni. Nel contesto del caso in esame, non occorre rivenire sulla giurisprudenza secondo cui la mendicità non rientra nell'ambito di protezione della libertà di opinione e della libertà economica (consid. 4). Il divieto della mendicità organizzata deve essere interpretato in modo conforme alla Costituzione e ai diritti dell'uomo. Il divieto della mendicità passiva nei parchi deve essere annullato. È ammissibile sanzionare la mendicità passiva con una multa che, in caso di mancato pagamento, è commutata in una pena detentiva, soltanto se sono state previamente adottate delle misure amministrative adeguate al fine di attenuare le conseguenze della sanzione. Per il resto, la regolamentazione emanata, che vieta parzialmente la mendicità, non è criticabile sotto il profilo della libertà personale, rispettivamente della protezione della vita privata (consid. 5). Il divieto della mendicità non è contrario al diritto alla libera circolazione (consid. 6). Il divieto parziale della mendicità non comporta, quale disposizione legale, una discriminazione indiretta; nell'ambito della sua attuazione, occorre nondimeno tenere convenientemente conto delle esigenze di un'applicazione del diritto non discriminatoria (consid. 7).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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