Beschwerdeführerin im Abwesenheitsverfahren: Verletzung des rechtlichen Gehörs, falsche Verjährungsbeurteilung und unzulässige Zurechnung von Verteidiger-Eingeständnissen (Art. 341 Abs. 3, Art. 368 Abs. 1, Art. 97 Abs. 3 StPO)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 146 IV 59 · ATF 146 IV 59 · DTF 146 IV 59
- Datum
- 28.10.2019
- Geschäftsnummer
- 6B_389/2019
- Abteilung
- Strafrechtliche Abteilung
- Ausgang
- Gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 81 BGG Art. 90 SVG Art. 2 StGB Art. 63 StGB Art. 70 StGB Art. 72 StGB Art. 97 StGB Art. 163 StGB Art. 169 StGB Art. 252 StGB Art. 201 StPO Art. 331 StPO Art. 335 StPO Art. 336 StPO Art. 339 StPO Art. 341 StPO Art. 343 StPO Art. 345 StPO Art. 366 StPO Art. 368 StPO Art. 369 StPO Art. 370 StPO Art. 389 StPO Art. 398 StPO Art. 405 StPO
Zusammenfassung
Eine Person wurde im Abwesenheitsverfahren verurteilt, nachdem sie ihren Wohnsitz nach Kanada verlegt hatte. Nach einer Neubeurteilung und mehreren Instanzen erhielt sie ein neues Urteil, gegen das sie Beschwerde beim Bundesgericht einlegte. Streitig waren die Verletzung ihres rechtlichen Gehörs im Berufungsverfahren, die Verjährungsbeurteilung bei Abwesenheitsurteilen sowie die Zurechnung von Eingeständnissen ihres früheren Verteidigers ohne ihre persönliche Bestätigung.
Das Bundesgericht hob das angefochtene Urteil auf, weil die Vorinstanz die Beschwerdeführerin im Berufungsverfahren unzureichend befragt hatte und damit gegen Art. 341 Abs. 3 StPO verstossen hatte; die Präsidentin hatte sich mit Fragen zur Wohnadresse und Therapie begnügt, obwohl die Beschwerdeführerin ausdrücklich darauf hingewiesen hatte, im erstinstanzlichen Verfahren nicht zu allen Punkten befragt worden zu sein und deshalb Berufung erhoben zu haben. Ferner stellte das Bundesgericht fest, dass das Abwesenheitsurteil vom 21. Februar 2008 verjährungsrechtlich nicht als erstinstanzliches Urteil im Sinne von Art. 97 Abs. 3 StGB gelten kann, da es durch das neue Urteil vom 20. März 2018 ersetzt wurde; die zwischen den beiden Urteilen verstrichene Zeit ist daher bei der Verfolgungsverjährung zu berücksichtigen, was für die nach Inkrafttreten des neuen Verjährungsrechts begangenen Straftaten zur Verjährung führt. Zudem verletzte die Vorinstanz Art. 368 Abs. 1 StPO, indem sie die Eingeständnisse des früheren Verteidigers im Abwesenheitsverfahren ohne persönliche Befragung der Beschwerdeführerin im Neubeurteilungsverfahren zurechnete; die Verfahrensleitung hätte klären müssen, ob die Beschwerdeführerin den Verteidiger tatsächlich instruiert hatte. Das Bundesgericht sprach keine Kosten aus (Art. 66 Abs. 1 BGG) und verurteilte den Kanton Thurgau zur Entschädigung der Beschwerdeführerin mit CHF 3'000.-- (Art. 68 Abs. 1 BGG). Die Entscheidung ist bemerkenswert, weil sie klärt, dass ein Abwesenheitsurteil nur dann als erstinstanzliches Urteil gilt, wenn es in Rechtskraft erwachsen ist und nicht durch ein neues Urteil ersetzt wird – ein Grundsatz, der auch für Strafbefehle gilt.
Regeste
Art. 97 Abs. 3 StGB, Art. 366 ff. StPO; Verfolgungsverjährung bei Aufhebung eines Abwesenheitsurteils. Ein Abwesenheitsurteil im Sinne von Art. 366 ff. StPO gilt nur unter der resolutiven Bedingung, dass zu einem späteren Zeitpunkt kein Gesuch um neue Beurteilung eingereicht und das Abwesenheitsurteil durch ein neues Urteil ersetzt wird, als erstinstanzliches Urteil gemäss Art. 97 Abs. 3 StGB. Ergeht in Gutheissung des Gesuchs um Neubeurteilung ein neues Urteil, fällt das Abwesenheitsurteil dahin. Die zwischen den beiden Urteilen verstrichene Zeit muss bei der Verfolgungsverjährung angerechnet werden (E. 3.4). Regeste Art. 97 al. 3 CP, art. 366 ss CPP; prescription de l'action pénale en cas d'annulation d'un jugement par défaut. Un jugement par défaut au sens des art. 366 ss CPP n'est considéré comme un jugement de première instance au sens de l'art. 97 al. 3 CP qu'à la condition résolutoire qu'aucune demande de nouveau jugement ne soit déposée ultérieurement et que le jugement par défaut ne soit pas remplacé par un nouveau jugement. Si un nouveau jugement est rendu après l'admission de la demande de nouveau jugement, le jugement par défaut devient caduc. Le temps écoulé entre les deux jugements doit être pris en compte pour le calcul de la prescription de l'action pénale (consid. 3.4). Regesto Art. 97 cpv. 3 CP, art. 366 segg. CPP; prescrizione dell'azione penale in caso di annullamento di una sentenza contumaciale. Una sentenza contumaciale ai sensi degli art. 366 segg. CPP costituisce una sentenza di prima istanza giusta l'art. 97 cpv. 3 CP unicamente sotto la condizione risolutiva che non sia presentata successivamente alcuna istanza di nuovo giudizio e che la sentenza contumaciale non sia sostituita da una nuova sentenza. La sentenza contumaciale decade nel caso in cui sia emanata una nuova sentenza in seguito all'accoglimento dell'istanza di nuovo giudizio. Il tempo trascorso tra le due sentenze dev'essere computato nel termine di prescrizione dell'azione penale (consid. 3.4).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.