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Justizze. Art. 264 StPO

Bundesgericht

Staatsanwaltschaft beantragt Entsiegelung eines internen Untersuchungsberichts: Schutz durch Anwaltsgeheimnis bleibt trotz Weitergabe an FINMA bestehen (Art. 264 Abs. 1 lit. d StPO)

BGE / ATF / DTF
BGE 150 IV 470 · ATF 150 IV 470 · DTF 150 IV 470
Datum
06.08.2024
Geschäftsnummer
7B_158/2023
Abteilung
I. Strafrechtliche Abteilung
Ausgang
Abgewiesen

Tragende Normen

Art. 93 BGG Art. 105 BGG Art. 171 StPO Art. 246 StPO Art. 248 StPO Art. 264 StPO Art. 380 StPO

Zusammenfassung

Die Oberstaatsanwaltschaft des Kantons Zürich erhob Beschwerde gegen ein Urteil des Bezirksgerichts Zürich, Zwangsmassnahmengericht, das ihr Gesuch um Entsiegelung eines von einer Anwaltskanzlei erstellten Untersuchungsberichts abgewiesen hatte. Streitig war, ob der Bericht und die darin enthaltenen Dokumente als geschützte Anwaltskorrespondenz im Sinne der strafprozessualen Siegelungsverbote anzusehen sind, obwohl Teile davon bereits früher gegenüber der FINMA offengelegt worden waren. Die Parteien stritten insbesondere darüber, ob die Sachverhaltsermittlung durch die Anwaltskanzlei eine anwaltstypische Tätigkeit darstellt und ob die Kopien vorbestehender Unterlagen im Bericht ebenfalls geschützt sind.

Das Bundesgericht weist die Beschwerde der Oberstaatsanwaltschaft ab. Es stellt fest, dass der angefochtene Entscheid ein selbstständig eröffneter Zwischenentscheid ist, der zwar grundsätzlich nach Art. 93 BGG angefochten werden kann, aber nicht den gesetzlichen Voraussetzungen für eine zulässige Beschwerde genügt, da kein nicht wieder gutzumachender Nachteil für die Staatsanwaltschaft vorliegt. Unbeschadet dessen entscheidet das Gericht inhaltlich: Die Sachverhaltsermittlung durch die Anwaltskanzlei C.________ AG erfolgte im Zusammenhang mit der rechtlichen Beratung und Vertretung der B.________ Group AG bezüglich bereits bestehender und drohender Rechtsstreitigkeiten und gehört damit zum Kernbereich der anwaltlichen Tätigkeit; sie ist daher gemäss Art. 171 Abs. 1 StPO und Art. 264 Abs. 1 lit. d StPO vom Anwaltsgeheimnis geschützt. Auch die Kopien vorbestehender Bankunterlagen, die als Beilagen zum Untersuchungsbericht hinzugefügt wurden, sind als Produkt dieser anwaltstypischen Tätigkeit geschützt, weil sie im Rahmen des besonderen Vertrauensverhältnisses zwischen Mandant und Anwalt entstanden sind. Der Geheimnischarakter der Unterlagen bleibt auch nach ihrer Herausgabe an die FINMA erhalten, da diese im Rahmen einer aufsichtsrechtlich durchsetzbaren Mitwirkungspflicht erfolgte, die FINMA dem Amtsgeheimnis untersteht und die Beschwerdegegnerin bei jeder Übermittlung ausdrücklich am Anwaltsgeheimnis festhielt. Gemäss Art. 66 Abs. 1 BGG werden keine Gerichtskosten erhoben; gemäss Art. 68 BGG hat der Kanton Zürich der obsiegenden Beschwerdegegnerin eine Parteientschädigung von Fr. 4'000.-- zu bezahlen. Das Urteil bestätigt die weitreichende Auslegung des Anwaltsgeheimnisses auch für interne Untersuchungen und klärt, dass die Weitergabe an Aufsichtsbehörden wie die FINMA diesen Schutz nicht automatisch aufhebt.

Regeste

Art. 264 Abs. 1 und Art. 171 Abs. 1 StPO; Geltungsbereich des Anwaltsgeheimnisses; Begriff der Anwaltskorrespondenz. Der Schutz des Anwaltsgeheimnisses beschränkt sich nicht auf den Monopolbereich der Anwaltstätigkeit, sondern umfasst sämtliche berufstypischen anwaltlichen Tätigkeiten. Im Rahmen dieser Tätigkeiten setzt eine korrekte und sorgfältige Mandatsführung nicht bloss die Prüfung der Rechtslage, sondern auch die Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts voraus. Die Sachverhaltsermittlung gehört in diesem Kontext zum Kernbereich der anwaltlichen Tätigkeit und ist entsprechend grundsätzlich durch das Anwaltsgeheimnis geschützt (E. 3.1). Kopien von Beweismitteln, die der Anwaltskorrespondenz deshalb als Beilagen hinzugefügt werden, weil sie als mandatsrelevant erachtet werden, unterstehen ebenfalls dem Anwaltsgeheimnis. Die Gefahr, dass Beweismittel dem Zugriff der Strafbehörden definitiv entzogen werden, ist in einer solchen Konstellation grundsätzlich ausgeschlossen (E. 4.3). Die freiwillige Kundgabe geheimer Tatsachen an ausgewählte Dritte hat weder zur Folge, dass diese Tatsachen dadurch als allgemein bekannt gelten, noch, dass der Geheimnisherr diese Information allgemein zugänglich machen will und damit seinen diesbezüglichen Geheimhaltungswillen in genereller Weise aufgibt. Diese Drittpersonen können jedoch, vorbehältlich eigener Verweigerungsgründe gemäss Art. 171 oder 264 StPO, grundsätzlich dazu verpflichtet werden, selber über diese Mitteilung Zeugnis abzulegen respektive ihnen übergebene entsprechende Unterlagen herauszugeben (E. 5.1). Regeste Art. 264 al. 1 et art. 171 al. 1 CPP; étendue du secret professionnel de l'avocat; notion de correspondance avec l'avocat. La protection du secret professionnel de l'avocat ne se limite pas aux activités relevant d'un monopole qui lui est reconnu, mais englobe toutes ses activités professionnelles typiques. Dans le cadre de ces différentes activités, l'avocat est tenu d'opérer une gestion correcte et diligente du mandat qui lui est confié, ce qui suppose non seulement d'examiner la situation juridique, mais également de clarifier les faits pertinents. À cet égard, l'établissement des faits est donc au coeur de l'activité de l'avocat et, à ce titre, en principe protégé par le secret professionnel (consid. 3.1). Les copies de moyens de preuve qui sont jointes à la correspondance de l'avocat, parce qu'elles sont considérées comme pertinentes pour le mandat, sont également couvertes par le secret professionnel de l'avocat. Le risque que des moyens de preuve soient ainsi définitivement soustraits à l'accès des autorités pénales est en principe exclu dans une telle configuration (consid. 4.3). La communication volontaire de faits secrets à des tiers choisis n'implique pas que les faits en question doivent être considérés comme connus de tous, ni que le maître du secret entende rendre ces informations accessibles à tout un chacun et renonce ainsi de manière générale à garder le secret à leur sujet. En principe, les tiers concernés sont cependant tenus, sous réserve des motifs de refus décrits aux art. 171 ou 264 CPP, de témoigner de cette communication, respectivement de produire les documents correspondants qui leur ont été remis (consid. 5.1). Regesto Art. 264 cpv. 1 e art. 171 cpv. 1 CPP; portata del segreto professionale dell'avvocato; nozione di corrispondenza dell'avvocato. La protezione del segreto professionale dell'avvocato non è limitata alle attività comprese dal monopolio degli avvocati, ma si estende a tutte le attività professionali tipiche dell'avvocato. Nell'ambito di tali attività, un corretto e diligente adempimento del mandato non presuppone unicamente l'esame della situazione giuridica, ma anche l'accertamento dei fatti giuridicamente rilevanti. In quest'ambito, l'accertamento dei fatti fa parte del contenuto essenziale dell'attività dell'avvocato ed è pertanto di principio protetto dal segreto professionale dell'avvocato (consid. 3.1). Le copie di mezzi di prova che sono allegate alla corrispondenza dell'avvocato, poiché ritenute rilevanti per il mandato, sono anch'esse sottoposte al segreto professionale dell'avvocato. In tale costellazione, il rischio che dei mezzi di prova vengano definitivamente sottratti alle autorità penali è di principio escluso (consid. 4.3). La comunicazione volontaria di fatti sottoposti al segreto a terzi selezionati non ha per conseguenza che tali fatti debbano essere considerati di pubblico dominio o che il titolare del segreto intenda rendere accessibile a tutti una tale informazione e quindi rinunciare in maniera generale alla sua volontà di mantenere il segreto. Di principio e su riserva dei motivi di rifiuto di cui agli art. 171 o 264 CPP, i terzi in questione possono tuttavia essere chiamati a testimoniare su questa comunicazione, rispettivamente a consegnare i documenti ricevuti relativi ad essa (consid. 5.1).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.

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