Justizze.

Die Schweizer Rechtsdatenbank mit KI.

Justizze. Art. 246 StPO

Bundesgericht

Beschuldigter notiert Facebook-Zugangsdaten im Gefängnis und versucht, sie als Kassiber zu schmuggeln: Online-Recherche auf dem Account durch Staatsanwaltschaft ist strafprozessual zulässig (Art. 246 StPO)

BGE / ATF / DTF
BGE 143 IV 270 · ATF 143 IV 270 · DTF 143 IV 270
Datum
24.05.2017
Geschäftsnummer
BGE 143 IV 270
Ausgang
Abgewiesen

Tragende Normen

Art. 13 BV Art. 54 StPO Art. 140 StPO Art. 141 StPO Art. 192 StPO Art. 196 StPO Art. 197 StPO Art. 235 StPO Art. 241 StPO Art. 246 StPO Art. 247 StPO Art. 248 StPO Art. 263 StPO Art. 264 StPO Art. 265 StPO Art. 312 StPO

Zusammenfassung

Ein in Untersuchungshaft befindlicher Beschuldigter wurde im Zusammenhang mit einem qualifizierten Kokainhandel ermittelt. Er notierte seine Facebook-Zugangsdaten auf einem Zettel und versuchte, diesen über seine Sprachlehrerin aus dem Gefängnis zu schmuggeln, um damit mit Dritten – darunter mutmasslichen Mitbeschuldigten – zu kommunizieren. Die Staatsanwaltschaft sicherte den Zettel, nutzte die Zugangsdaten für eine Online-Recherche auf dem Facebook-Konto und stellte Chat-Nachrichten vorläufig sicher. Der Beschuldigte beantragte daraufhin die Siegelung der erhobenen Daten und klagte gegen die Entsiegelung durch das Zwangsmassnahmengericht. Er rügte insbesondere, dass die Online-Recherche einer unzulässigen Fernmeldeüberwachung gleichkomme und gegen das Territorialitätsprinzip verstosse.

Das Bundesgericht wies die Beschwerde ab und bestätigte die Zulässigkeit der Online-Recherche und vorläufigen Sicherstellung der Chat-Nachrichten. Der Beschuldigte hatte seine Facebook-Zugangsdaten selbst auf einem Zettel notiert und versucht, diesen als Kassiber aus dem Untersuchungsgefängnis zu schmuggeln, um mit Mitbeschuldigten zu kolludieren. Dieses Verhalten entzog ihm den Schutz nach Art. 248 Abs. 1 StPO, da er die Gelegenheit zur Siegelung bewusst verpasste und stattdessen kollusive Handlungen beging. Angesichts der akuten Kollusionsgefahr durfte die Staatsanwaltschaft gemäss Art. 241 Abs. 3 StPO ohne vorgängigen Durchsuchungsbefehl den Zettel durchsuchen und die Zugangsdaten nutzen. Die anschliessende Online-Recherche auf dem Facebook-Konto stützte sich auf Art. 246 StPO (Durchsuchung von Datenträgern), Art. 263 Abs. 3 StPO (vorläufige Sicherstellung bei Gefahr im Verzug) und Art. 265 Abs. 4 StPO (sichernde Zwangsmassnahme statt Editionsbefehl). Facebook ist ein abgeleiteter Internetdienst, auf den die Fernmeldeüberwachungsregeln (Art. 269–279 StPO) nicht anwendbar sind (Art. 13 BV, Art. 264 Abs. 1 lit. b StPO); daher war keine richterliche Genehmigung erforderlich. Auch das Territorialitätsprinzip wurde nicht verletzt, weil die Online-Recherche von Schweizer Computern aus erfolgte und nicht als hoheitlicher Eingriff auf ausländischem Territorium anzusehen ist (Art. 1, Art. 54 StPO i.V.m. Art. 1 Abs. 1 lit. b IRSG und Art. 3 StGB). Die vorläufige Sicherstellung war zulässig, da konkrete Verdunklungsgefahr bestand, und die spätere Siegelung der Daten erfolgte rechtskonform. Das Bundesgericht stellte klar, dass die Nutzung der vom Beschuldigten preisgegebenen Zugangsdaten für strafrechtliche Ermittlungen nicht verboten war, da er diese nicht zum Zwecke des Geheimnisschutzes, sondern zur Kollusion eingesetzt hatte. Die Entscheidung bestätigt die strafprozessuale Zulässigkeit von Online-Ermittlungen auf abgeleiteten Internetdiensten unter Einhaltung der allgemeinen Zwangsmassnahmenregeln.

Regeste

Art. 13 Abs. 1 BV; Art. 1, Art. 54, Art. 113 Abs. 1, Art. 141, Art. 192 Abs. 2, Art. 196 lit. a, Art. 235, Art. 241 Abs. 1 und Abs. 3, Art. 246, Art. 247 Abs. 1 und Abs. 3, Art. 248 Abs. 1 und Abs. 3 lit. a, Art. 263 Abs. 1 lit. a und Abs. 3, Art. 264 Abs. 1 lit. b, Art. 265 Abs. 4, Art. 277 Abs. 2 sowie Art. 312 StPO; Online-Recherche und vorläufige Sicherstellung von Chat-Verläufen auf einem digitalen sozialen Netzwerk; Entsiegelung. Zusammenfassung der einschlägigen Rechtsprechung, insbesondere bezüglich Datenerhebung bei sogenannten "abgeleiteten" Internetdiensten, und Abgrenzung der anwendbaren strafprozessualen Untersuchungsmassnahmen (E. 4.3-4.8). Abwehr von akuter Kollusion und Durchsuchung eines Kassibers mit persönlichen Zugangsdaten des inhaftierten Beschuldigten zum sozialen Netzwerk Facebook (FB); Online-Recherche auf dem FB-Konto und vorläufige Sicherstellung von untersuchungsrelevanten (auf elektronischen Servern bzw. sogenannten "Internet-Clouds" gespeicherten) Chat-Nachrichten; Versiegelung von provisorisch sichergestellten Nachrichten; Fehlen von gesetzlichen Verwertungsverboten (Art. 140 und 141 StPO) im beurteilten (das Untersuchungsverfahren betreffenden) Entsiegelungsfall (E. 5-7). Die Artikel 269-279 StPO sind auf abgeleitete Internetdienste wie FB nicht anwendbar (Bestätigung der Rechtsprechung; E. 7.1). Die Online-Recherche auf dem FB-Konto verstösst nicht gegen das Territorialitätsprinzip (E. 7.10). Regeste Art. 13 al. 1 Cst.; art. 1, art. 54, art. 113 al. 1, art. 141, art. 192 al. 2, art. 196 let. a, art. 235, art. 241 al. 1 et al. 3, art. 246, art. 247 al. 1 et al. 3, art. 248 al. 1 et al. 3 let. a, art. 263 al. 1 let. a et al. 3, art. 264 al. 1 let. b, art. 265 al. 4, art. 277 al. 2 et art. 312 CPP; recherche online et saisie provisoire de messages de discussion (chats) sur un réseau social numérique; levée de scellés. Résumé de la jurisprudence relative à la collecte de données auprès de fournisseurs de services internet "dérivés" et délimitation des actes d'instruction auxquels il est admissible de recourir (consid. 4.3-4.8). Mesures pour parer au danger aigu de collusion et saisie d'un message clandestin contenant des données d'accès personnelles du prévenu détenu au réseau social Facebook; recherche online sur le compte Facebook et saisie provisoire des messages de discussion utiles à l'instruction (stockés sur des serveurs électroniques tels que "Internet-Clouds"); mise sous scellés des messages saisis provisoirement; absence d'interdictions légales d'utilisation (art. 140 et 141 CPP) dans le cas particulier de levée de scellés (consid. 5-7). Les art. 269-279 CPP ne s'appliquent pas aux fournisseurs de services internet tels que Facebook (confirmation de la jurisprudence; consid. 7.1). La recherche online sur le compte Facebook ne viole pas le principe de la territorialité (consid. 7.10). Regesto Art. 13 cpv. 1 Cost.; art. 1, art. 54, art. 113 cpv. 1, art. 141, art. 192 cpv. 2, art. 196 lett. a, art. 235, art. 241 cpv. 1 e cpv. 3, art. 246, art. 247 cpv. 1 e cpv. 3, art. 248 cpv. 1 e cpv. 3 lett. a, art. 263 cpv. 1 lett. a e cpv. 3, art. 264 cpv. 1 lett. b, art. 265 cpv. 4, art. 277 cpv. 2 nonché art. 312 CPP; ricerca online e sequestro provvisorio di comunicazioni via chat su una rete sociale digitale; dissigillamento. Riepilogo della relativa giurisprudenza, in particolare riguardo alla raccolta di dati presso i cosiddetti servizi Internet "derivati" e determinazione delle misure istruttorie del diritto processuale penale applicabili (consid. 4.3-4.8). Provvedimenti per evitare un pericolo acuto di collusione e perquisizione di un messaggio segreto contenente dati di accesso personali alla rete sociale Facebook (FB) dell'imputato incarcerato; ricerche online sul conto FB e sequestro provvisorio di messaggi chats rilevanti per l'istruttoria (memorizzati su server elettronici risp. cosiddetti "Clouds Internet"); sigillamento di messaggi sequestrati provvisoriamente; assenza di divieti legali d'utilizzazione (art. 140 e 141 CPP) nel caso di dissigillamento in esame (consid. 5-7). Gli art. 269-279 CPP non sono applicabili ai servizi Internet derivati quali FB (conferma della giurisprudenza; consid. 7.1). La ricerca online sul conto FB non viola il principio di territorialità (consid. 7.10).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.

Verwandte Entscheide