Finanzintermediärin sucht Investoren für Offshore-Gesellschaften: Keine direkte Stellvertretung, aber dennoch steuerausgenommene Vermittlung, Eintragung verweigert (Art. 21 Abs. 2 Ziff. 19 lit. e MWSTG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 145 II 270 · ATF 145 II 270 · DTF 145 II 270
- Datum
- 17.07.2019
- Geschäftsnummer
- 2C_943/2017
- Abteilung
- II. Öffentlich-rechtliche Abteilung
- Ausgang
- Gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 82 BGG Art. 86 BGG Art. 90 BGG Art. 100 BGG Art. 10 MWSTG Art. 11 MWSTG Art. 18 MWSTG Art. 20 MWSTG Art. 21 MWSTG Art. 22 MWSTG Art. 28 MWSTG
Zusammenfassung
Eine Intermediärin mit Sitz in U.________/ZH schliesst standardisierte Kooperationsvereinbarungen mit Gesellschaften in Offshore-Destinationen ab. Ihr Geschäftsmodell besteht darin, potenzielle Investoren zu suchen, Kaufverträge über Wertschriften auszuhandeln und bei der Zahlungsabwicklung über ein inländisches Treuhandkonto mitzuwirken. Für diese Tätigkeit erhält sie eine vom Transaktionsvolumen abhängige Provision. Die Eidgenössische Steuerverwaltung lehnte die Wiedereintragung der Intermediärin ins Mehrwertsteuerregister ab dem 1. Januar 2010 ab, da sie ausschliesslich von der Steuer ausgenommene Leistungen erbringe. Das Bundesverwaltungsgericht hiess die Beschwerde der Intermediärin gut und verpflichtete die Behörde zur Eintragung, weil es keine direkte Stellvertretung im Sinne der bisherigen Praxis annahm und die Tätigkeit als steuerbare Dienstleistung qualifizierte.
Das Bundesgericht heisst die Beschwerde der Eidgenössischen Steuerververwaltung gut, hebt das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts auf und bestätigt die Verfügung, welche die Eintragung der Intermediärin ins Mehrwertsteuerregister ab dem 1. Januar 2010 ablehnt.
Die Intermediärin erbringt gegenüber ihren Kooperationspartnern Leistungen, die als Vermittlung im Sinne von Art. 21 Abs. 2 Ziff. 19 lit. e MWSTG zu qualifizieren sind. Zwar handelt sie nicht in direkter Stellvertretung, doch ist dieses Erfordernis für die Steuerausnahme nicht massgeblich. Massgebend ist vielmehr, dass sie kausal auf den Abschluss konkreter Verträge im Bereich des Geld- und Kapitalverkehrs hinwirkt, ohne selbst Partei des vermittelten Vertrages zu sein oder ein Eigeninteresse am Vertragsinhalt zu haben. Ihre Tätigkeit geht über das blosse Zuführen von Kunden (Finder's Fees) hinaus, da sie sich auf spezifische Vertragsabschlüsse bezieht und administrative Nebenleistungen bei der Abwicklung erbringt.
Gemäss Art. 22 Abs. 2 lit. a MWSTG kann für die Versteuerung dieser Vermittlungsleistung nicht optiert werden. Da die Intermediärin ausschliesslich solche von der Steuer ausgenommenen Leistungen erbringt und keine anderen steuerbaren Umsätze tätigt, fehlt es an einer unternehmerischen Tätigkeit im Sinne von Art. 10 Abs. 1 MWSTG. Folglich besteht keine subjektive Mehrwertsteuerpflicht und kein Anspruch auf Eintragung ins Register.
Die Gerichtskosten von Fr. 2'000.-- werden der unterliegenden Beschwerdegegnerin auferlegt. Die Regelung der Kostenfolgen für das vorinstanzliche Verfahren wird an das Bundesverwaltungsgericht zurückgewiesen.
Entscheidend ist die Abkehr von der früheren Praxis, wonach eine Vermittlung im Finanzbereich zwingend direkte Stellvertretung voraussetzte. Neu orientiert sich die Auslegung an der Rechtsprechung des EuGH und erfasst auch Tätigkeiten ohne Vollmacht, sofern sie eigenständige Mittlertätigkeiten darstellen.
Regeste
Art. 21 Abs. 2 Ziff. 19 lit. a-e MWSTG; Steuerausnahme für die "Vermittlung" im Finanzbereich; Bestätigung der Praxisänderung der Eidgenössischen Steuerverwaltung. Die Praxis zum Begriff der "Vermittlung" in Art. 18 Ziff. 19 MWSTG 1999 bzw. Art. 14 Ziff. 15 MWSTV 1994 verlangte abweichend vom alltäglichen Sprachgebrauch und der zivilrechtlichen Betrachtungsweise ein Handeln in direkter Stellvertretung (E. 4.2 und 4.3). Auslegung des Begriffs der "Vermittlung" im neuen Recht (Art. 21 Abs. 2 Ziff. 19 MWSTG). Nach gesetzessystematischer und historischer Auslegung ist die steuerausgenommene "Vermittlung" im Finanzbereich nicht vom Vorliegen einer mehrwertsteuerlichen direkten Stellvertretung abhängig; "Vermittlung" im Sinne von Art. 21 Abs. 2 Ziff. 19 lit. a-e MWSTG liegt vielmehr schon dann vor, wenn eine Person kausal auf den Abschluss eines Vertrages im Bereich des Geld- und Kapitalverkehrs zwischen zwei Parteien hinwirkt, ohne selber Partei des vermittelten Vertrages zu sein und ohne ein Eigeninteresse am Inhalt des Vertrages zu haben. Abgrenzung der so verstandenen "Vermittlung" vom blossen Zuführen von Kunden (E. 4.5.2-4.5.4). Zulässigkeit der Praxisänderung (E. 4.5.5). Regeste Art. 21 al. 2 ch. 19 let. a-e LTVA; exclusion du champ de l'impôt pour le "courtage" dans le domaine de la finance; confirmation du changement de pratique de l'Administration fédérale des contributions. S'écartant du sens courant et de celui du code civil, la pratique prévalant sous l'empire des art. 18 ch. 19 LTVA 1999 et 14 ch. 15 OTVA 1994 entendait la notion de "courtage" comme une action en représentation directe (consid. 4.2 et 4.3). Interprétation de la notion de "courtage" dans le nouveau droit (art. 21 al. 2 ch. 19 LTVA). Il résulte de l'interprétation systématique et historique que la notion, exclue du champ de l'impôt, de "courtage" dans le domaine de la finance ne dépend pas d'une représentation directe au sens de la TVA; un "courtage" au sens de l'art. 21 al. 2 ch. 19 let. a-e LTVA a déjà lieu lorsqu'une personne influe de manière causale sur la conclusion d'un contrat entre deux parties dans les domaines du marché monétaire et du marché des capitaux, sans être elle-même partie au contrat et sans avoir d'intérêt personnel au contenu de ce dernier. Délimitation entre la notion de "courtage" ainsi définie et le simple fait d'amener des clients (consid. 4.5.2-4.5.4). Admissibilité du changement de pratique (consid. 4.5.5). Regesto Art. 21 cpv. 2 cifra 19 lett. a-e LIVA; esclusione dall'imposta dell'attività di "mediazione" in ambito finanziario; conferma del cambiamento di prassi dell'Amministrazione federale delle contribuzioni. Distanziandosi dal significato corrente e dall'ottica civilistica, la prassi vigente sotto l'egida degli art. 18 cifra 19 LIVA 1999 rispettivamente 14 cifra 15 OIVA 1994 intendeva la nozione di "mediazione" come un'azione in rappresentanza diretta (consid. 4.2 e 4.3). Interpretazione della nozione di "mediazione" in base al nuovo diritto (art. 21 cpv. 2 cifra 19 LIVA). Da un'interpretazione sistematica e storica risulta che la nozione di "mediazione" in ambito finanziario, esclusa dall'imposta, non dipende dall'esistenza di una rappresentanza diretta ai sensi dell'imposta sul valore aggiunto; una "mediazione" a norma dell'art. 21 cpv. 2 cifra 19 lett. a-e LIVA è già ravvisabile quando una persona influisce in modo causale sulla conclusione di un contratto tra due parti nel settore del mercato monetario e dei capitali, senza essere lei stessa parte del contratto e senza avere interessi propri al suo contenuto. Distinzione tra la nozione di "mediazione" così definita e il semplice fatto di portare dei clienti a qualcuno (consid. 4.5.2-4.5.4). Ammissibilità del cambiamento di prassi (consid. 4.5.5).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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