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Justizze. Art. 235 StPO

Bundesgericht

Unverheiratete Lebenspartner in strafprozessualer Haft verlangen gegenseitiges Besuchsrecht: Vollständige Verweigerung verstösst gegen Grundrecht auf Familienleben und Unschuldsvermutung (Art. 235 StPO)

BGE / ATF / DTF
BGE 143 I 241 · ATF 143 I 241 · DTF 143 I 241
Datum
18.04.2017
Geschäftsnummer
1B_34/2017
Abteilung
I. Öffentlich-rechtliche Abteilung
Ausgang
Gutgeheissen

Tragende Normen

Art. 78 BGG Art. 80 BGG Art. 93 BGG Art. 10 BV Art. 13 BV Art. 14 BV Art. 32 BV Art. 36 BV Art. 5 StPO Art. 10 StPO Art. 221 StPO Art. 235 StPO

Zusammenfassung

Zwei Beschuldigte, die seit über 15 Jahren unverheiratete Lebenspartner sind, befinden sich seit Juli 2015 in strafprozessualer Haft – einer in Untersuchungs- bzw. Sicherheitshaft, die andere seit April 2016 im vorzeitigen Strafvollzug. Sie stellten jeweils Gesuche um gegenseitige Besuche und telefonischen Kontakt. Das Kriminalgericht Luzern bewilligte Telefonate, lehnte aber die Besuche ab. Das Kantonsgericht Luzern wies beide Beschwerden gegen diese Ablehnung ab. Die Beschuldigten legten gemeinsam Beschwerde beim Bundesgericht ein und beantragten die Aufhebung des Entscheids sowie die Rückweisung zur Neubeurteilung. Streitpunkt war, ob ihnen ein bundesrechtlich geschütztes Recht auf gegenseitige Besuche in der Haft zusteht.

Das Bundesgericht hob den angefochtenen Beschluss des Kantonsgerichts Luzern auf und verwies die Sache zur Neubeurteilung zurück. Es stellte fest, dass die Beschuldigten als langjährige unverheiratete Lebenspartner ein grundrechtlich geschütztes Recht auf Familienleben gemäss Art. 14 BV und Art. 10 Abs. 2 BV besitzen, das auch im strafprozessualen Haftvollzug gilt. Da die Haft bereits über ein Jahr und acht Monate andauert und keine Kollusionsgefahr mehr besteht, verletzt die vollständige Verweigerung jeglichen Besuchsrechts den Kerngehalt dieses Grundrechts (Art. 36 Abs. 4 BV) und verstösst gegen den Verhältnismässigkeitsgrundsatz (Art. 36 Abs. 2–3 BV). Die Unschuldsvermutung (Art. 32 Abs. 1 BV; Art. 10 Abs. 1 StPO) bleibt für beide Beschuldigte bis zur rechtskräftigen Verurteilung gewahrt, weshalb sie sich nicht dem ordentlichen Strafvollzugsregime unterwerfen müssen. Stattdessen ist das strafprozessuale Besuchsrecht nach Art. 235 Abs. 1–2 StPO zu prüfen, das grundsätzlich einen Anspruch auf angemessene, regelmässige Kontakte zu engen Angehörigen – auch zu Lebenspartnern – vorsieht. Die kantonalen Behörden müssen daher im Rahmen der strafprozessualen Verfahrensleitung (Art. 235 Abs. 2 StPO) und unter Koordination mit den Vollzugsbehörden bundesrechtskonforme Besuchsmöglichkeiten schaffen, etwa mittels Gefangenentransport und Nutzung von Familienbesuchszimmern. Der angefochtene Entscheid war insoweit mit dem Bundesrecht nicht vereinbar. Das Bundesgericht sprach den beiden amtlichen Verteidigern je eine Parteientschädigung von Fr. 2'000.-- zu und erliess keine Gerichtskosten. Die Entscheidung klärt erstmals ausdrücklich, dass das strafprozessuale Besuchsrecht auch aktive Besuche (mit Transport) umfasst und nicht auf passives Empfangen beschränkt ist.

Regeste

Art. 10 Abs. 2, Art. 14, Art. 32 Abs. 1 sowie Art. 36 Abs. 1, 2, 3 und 4 BV; Art. 78 Abs. 1, Art. 80, Art. 81 Abs. 1 und Art. 93 Abs. 1 lit. a BGG; Art. 220 Abs. 2, Art. 235 Abs. 1, 2 und 5 sowie Art. 236 Abs. 1 und 4 StPO; Besuchsrecht unter strafprozessual inhaftierten Lebenspartnern. Sachurteilsvoraussetzungen bei Beschwerden in Strafsachen gegen letztinstanzliche kantonale Entscheide betreffend den Vollzug von strafprozessualer Haft (E. 1). Vom Besuchsrecht unter Lebenspartnern tangierte Grundrechte; Sicherheitshaft und vorzeitiger Sanktionsvollzug als strafprozessuale Haftarten; gesetzliche Vorschriften und Praxis zum strafprozessualen Haftvollzugs- und Besuchsrecht. Mangels entgegenstehender gewichtiger öffentlicher Interessen haben auch strafprozessuale Häftlinge das Recht auf angemessenen regelmässigen Kontakt zu ihrer Familie, wozu auch unverheiratete Lebenspartner gehören. Dies gilt besonders nach länger andauernder strafprozessualer Haft und Wegfall von Kollusionsgefahr (E. 3). Besondere Konstellation, wenn zwei strafprozessuale Häftlinge in Sicherheitshaft bzw. im vorzeitigen Strafvollzug beantragen, sich gegenseitig besuchen zu dürfen; Verhältnis zwischen den beiden Haftregimes. Im vorliegenden Fall haben die kantonalen Behörden ein angemessenes Besuchsrecht des Beschuldigten in der Haftvollzugsanstalt seiner mitbeschuldigten Lebensgefährtin zu gewährleisten (E. 4). Regeste Art. 10 al. 2, art. 14, art. 32 al. 1 ainsi qu'art. 36 al. 1, 2, 3 et 4 Cst.; art. 78 al. 1, art. 80, art. 81 al. 1 et art. 93 al. 1 let. a LTF; art. 220 al. 2, art. 235 al. 1, 2 et 5 et art. 236 al. 1 et 4 CPP; droit de visite durant la détention provisoire ou pour des motifs de sûreté d'un concubin. Conditions de recevabilité du recours en matière pénale formé contre une décision concernant l'exécution de la détention provisoire ou pour des motifs de sûreté rendue par une autorité statuant en tant que dernière instance cantonale (consid. 1). Droits fondamentaux touchés par le droit de visite de concubins; détention pour des motifs de sûreté et exécution anticipée de la peine en tant que type de détention avant jugement; règles légales et pratique en matière d'exécution de la détention provisoire ou pour des motifs de sûreté, ainsi que de droit de visite. Faute d'intérêt public contraire prépondérant, les détenus à titre provisoire ou pour des motifs de sûreté ont aussi le droit à avoir des contacts réguliers et convenables avec leur famille, notion dans laquelle entre également le concubin. Cela vaut en particulier lorsque la durée de la détention provisoire ou pour des motifs de sûreté est longue et que le risque de collusion n'existe plus (consid. 3). Configuration particulière lorsque deux détenus à titre provisoire ou pour motifs de sûreté, respectivement en exécution anticipée de peine, demandent à pouvoir se rendre visite; rapports entre les deux régimes en cause. Dans le cas d'espèce, les autorités cantonales doivent assurer au prévenu un droit de visite convenable dans l'établissement d'exécution de peine où se trouve sa compagne co-prévenue (consid. 4). Regesto Art. 10 cpv. 2, art. 14, art. 32 cpv. 1 nonché art. 36 cpv. 1, 2, 3 e 4 Cost.; art. 78 cpv. 1, art. 80, art. 81 cpv. 1 e art. 93 cpv. 1 lett. a LTF; art. 220 cpv. 2, art. 235 cpv. 1, 2 e 5 nonché art. 236 cpv. 1 e 4 CPP; diritto di visita durante la carcerazione preventiva o di sicurezza di concubini. Condizioni di ammissibilità del ricorso in materia penale contro decisioni cantonali di ultima istanza concernenti l'esecuzione della carcerazione preventiva o di sicurezza (consid. 1). Diritti fondamentali toccati dal diritto di visita tra concubini; carcerazione di sicurezza ed esecuzione anticipata della pena quali tipi di carcerazione del diritto processuale penale; prescrizioni legali e prassi in materia di esecuzione di queste carcerazioni e del diritto di visita. In mancanza di un interesse pubblico contrapposto preponderante, anche gli incarcerati a titolo preventivo o per motivi di sicurezza hanno il diritto di avere contatti regolari adeguati con i loro familiari, fra i quali rientra pure il concubino. Ciò vale in particolare dopo una lunga durata della carcerazione del diritto processuale penale e la cessazione del rischio di collusione (consid. 3). Situazione particolare quando due incarcerati per motivi di sicurezza, rispettivamente in esecuzione anticipata della pena, chiedono di potere farsi visita reciprocamente; relazione tra i due regimi detentivi. Nella fattispecie, le autorità cantonali devono garantire all'imputato un diritto di visita adeguato nello stabilimento di esecuzione della carcerazione in cui si trova la sua compagna coimputata (consid. 4).

Originalentscheid beim Gericht ↗

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