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Justizze. Art. 90a SVG

Bundesgericht

Beschlagnahme eines geleasten Motorrads nach rasender Fahrt: Sicherungseinziehung verhältnismässig trotz Drittbeteiligung (Art. 90a SVG)

BGE / ATF / DTF
BGE 140 IV 133 · ATF 140 IV 133 · DTF 140 IV 133
Datum
16.05.2014
Geschäftsnummer
1B_406/2013
Abteilung
I. Öffentlich-rechtliche Abteilung
Ausgang
Abgewiesen

Tragende Normen

Art. 81 BGG Art. 93 BGG Art. 26 BV Art. 29 BV Art. 36 BV Art. 6 EMRK Art. 7 SVG Art. 90 SVG Art. 90a SVG Art. 80 StPO Art. 197 StPO Art. 263 StPO Art. 393 StPO

Zusammenfassung

Ein Beschuldigter wehrt sich gegen die Beschlagnahme seines geleasten Motorrads durch die Staatsanwaltschaft. Ihm wird vorgeworfen, als Lenker die zulässige Höchstgeschwindigkeit ausserorts massiv überschritten zu haben. Die Anklagekammer bestätigte die Zwangsmassnahme. Der Beschwerdeführer rügt vor dem Bundesgericht unter anderem eine Verletzung der Eigentumsgarantie, des rechtlichen Gehörs sowie formelle Mängel beim vorinstanzlichen Entscheid und beantragt die Aufhebung der Beschlagnahme.

Das Bundesgericht weist die Beschwerde ab, soweit darauf einzutreten ist. Es bestätigt, dass die Voraussetzungen für eine strafprozessuale Einziehungsbeschlagnahme gemäss Art. 263 Abs. 1 lit. d StPO i.V.m. Art. 90a SVG erfüllt sind.

In der Hauptsache prüft das Gericht den hinreichenden Tatverdacht einer qualifiziert groben Verkehrsregelverletzung. Da der Beschwerdeführer die zulässige Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h um mindestens 71 km/h überschritt, liegt ein Verstoss gegen Art. 90 Abs. 3 und Abs. 4 lit. c SVG vor. Diese Bestimmung definiert solche Taten als besonders krasse Missachtung elementarer Verkehrsregeln. Das Gericht stellt fest, dass bei dieser objektiven Tatschwere die Frage der subjektiven "Skrupellosigkeit" im Sinne von Art. 90a Abs. 1 lit. a SVG im Beschlagnahmeverfahren nicht abschliessend beurteilt werden muss; es genügt, dass eine Einziehung nicht offensichtlich unzulässig erscheint.

Bezüglich der Gefährdungsprognose nach Art. 90a Abs. 1 lit. b SVG stützt sich das Gericht auf die Vorstrafen des Beschwerdeführers. Dieser wurde bereits 2004 und 2010 wegen Verkehrsdelikten verurteilt und ihm wurden Führerausweise entzogen. Trotz dieser Vorgeschichte und während der laufenden Probezeit beging er die aktuelle Tat mit einem leistungsstarken Motorrad. Das Gericht erachtet die Prognose, dass das Fahrzeug in seinen Händen die Verkehrssicherheit gefährdet, als bundesrechtskonform.

Zur Verhältnismässigkeit führt das Gericht aus, dass die Beschlagnahme auch bei Drittpersoneneigentum (hier Leasinggeber) zulässig ist, wenn das Fahrzeug dem Lenker faktisch zur Verfügung steht. Der Beschwerdeführer machte geltend, er habe eine "ideelle Beziehung" zum Fahrzeug und sei psychisch angeschlagen. Das Gericht wies dies zurück: Die Möglichkeit, dass das Motorrad wieder in seine Hände gelangt, besteht weiterhin, da er den Leasingvertrag fortsetzen will. Mildere Massnahmen wie die Aushändigung an einen Schwager seien nicht zielführend, da die Gefahr der erneuten Nutzung zur Geschwindigkeitsüberschreitung bleibt. Die Einschränkung der Eigentumsgarantie (Art. 26 BV) ist somit verhältnismässig.

Nebenkritische Rügen werden verworfen. Die Einreichung der Akten durch die Vorinstanz verletzt das rechtliche Gehör (Art. 29 BV) nicht, solange kein Einsichtsgesuch gestellt wurde. Die Unterschrift nur durch Präsident und Gerichtsschreiber entspricht Art. 80 Abs. 2 StPO. Die Verweigerung der unentgeltlichen Rechtspflege im Kanton war wegen Aussichtslosigkeit des Rechtsmittels gerechtfertigt (Art. 6 Ziff. 3 lit. c EMRK).

Schliesslich wird das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege vor Bundesgericht abgewiesen, da die Beschwerde als zum Vornherein aussichtslos gilt (Art. 64 BGG). Dem Beschwerdeführer werden Gerichtskosten von Fr. 1'000.-- auferlegt (Art. 66 Abs. 1 BGG). Eine Parteientschädigung wird nicht zugesprochen (Art. 68 BGG).

Regeste

Art. 90 Abs. 2, 3 und 4, Art. 90a Abs. 1 lit. a und b SVG; Art. 263 Abs. 1 lit. d StPO; Sicherungs-Einziehungsbeschlagnahme eines geleasten Motorfahrzeuges ("Via sicura"). Die Einziehungsvoraussetzungen von Art. 90a Abs. 1 lit. a und b SVG sind nicht vom Beschlagnahmerichter im Untersuchungsverfahren abschliessend zu beurteilen. Für eine Beschlagnahme genügt, dass im aktuellen Verfahrensstadium nicht ausgeschlossen scheint, dass der Strafrichter die materiellen Einziehungsvoraussetzungen bejahen könnte. Besteht der Tatverdacht einer qualifiziert groben Verkehrsregelverletzung (im Sinne von Art. 90 Abs. 3 und 4 SVG), sind die Voraussetzungen von Art. 90a Abs. 1 lit. a SVG grundsätzlich erfüllt. Im Beschlagnahmeverfahren kann offenbleiben, ob diese Bestimmung bei qualifiziert groben Verkehrsregelverletzungen auch noch ein kumulatives Erfordernis der "Skrupellosigkeit" verlangt. Unter dem Gesichtspunkt von Art. 90a Abs. 1 lit. b SVG prüft der Beschlagnahmerichter, ob der Lenker mit dem benutzten Motorfahrzeug künftig die Verkehrssicherheit gefährden bzw. ob die Einziehungsbeschlagnahme des Fahrzeuges geeignet sein könnte, den Lenker vor weiteren groben Verkehrswidrigkeiten abzuhalten. Eine Sicherungs-Einziehungsbeschlagnahme ist auch bei Motorfahrzeugen im Eigentum von Dritten grundsätzlich zulässig, wenn das verwendete Fahrzeug weiterhin für den Lenker verfügbar und die Beschlagnahme dazu geeignet ist, weitere grobe Verkehrsregelverletzungen zu verhindern bzw. zumindest zu verzögern oder zu erschweren (E. 3 und 4). Regeste Art. 90 al. 2, 3 et 4, art. 90a al. 1 let. a et b LCR; art. 263 al. 1 let. d CPP; séquestre en vue de la confiscation d'un véhicule automobile en leasing ("Via sicura"). Au cours de l'instruction, le juge du séquestre n'a pas à juger de manière définitive si les conditions d'une confiscation posées par les art. 90a al. 1 let. a et b LCR sont réalisées. Un séquestre peut déjà se justifier si, au stade actuel de la procédure, il ne semble pas exclu que le juge pénal pourrait prononcer une confiscation. Les conditions de l'art. 90a al. 1 let. a LCR sont en principe remplies lorsqu'il existe un soupçon de violation grave et qualifiée des règles de la circulation (au sens des art. 90 al. 3 et 4 LCR). Dans la procédure de séquestre, la condition cumulative de l'absence de scrupules n'a pas à être examinée en cas de violation grave et qualifiée des règles de la circulation. Sous l'angle de l'art. 90a al. 1 let. b LCR, le juge du séquestre examine si le conducteur pourrait à l'avenir compromettre la sécurité routière avec le véhicule automobile utilisé ou si le séquestre confiscatoire serait à même d'empêcher le conducteur de commettre une nouvelle infraction routière grave. Le séquestre d'un véhicule à moteur appartenant à un tiers est aussi admissible en principe lorsque le véhicule utilisé reste à la disposition du conducteur et que la mesure est propre à prévenir, à tout le moins à retarder ou à rendre plus difficiles, d'autres infractions routières graves (consid. 3 et 4). Regesto Art. 90 cpv. 2, 3 e 4, art. 90a cpv. 1 lett. a e b LCStr; art. 263 cpv. 1 lett. d CPP; sequestro confiscatorio di un veicolo a motore in leasing ("Via sicura"). Nella procedura istruttoria, il giudice del sequestro non deve esaminare in maniera definitiva se le condizioni di confisca dell'art. 90a cpv. 1 lett. a e b LCStr sono adempiute. Per un sequestro è sufficiente che in quel momento del procedimento non appaia escluso che il giudice penale possa ritenere adempiute le condizioni sostanziali di confisca. Qualora sussista il sospetto di un'infrazione grave qualificata alle norme della circolazione (ai sensi dell'art. 90 cpv. 3 e 4 LCStr), le condizioni dell'art. 90a cpv. 1 lett. a LCStr di massima sono adempiute. In questo caso, nella procedura di sequestro, la condizione cumulativa dell'assenza di scrupoli può rimanere aperta. Sotto il profilo dell'art. 90a cpv. 1 lett. b LCStr, il giudice del sequestro esamina se in futuro il conducente con il veicolo utilizzato potrebbe mettere in pericolo la sicurezza del traffico, rispettivamente se il sequestro confiscatorio del veicolo potrebbe essere idoneo a impedirgli di commettere altre infrazioni gravi alle norme della circolazione. Un sequestro confiscatorio di veicoli a motore di proprietà di terzi è di massima ammissibile, se il veicolo utilizzato rimane ancora a disposizione del conducente e la misura è idonea a impedire ulteriori infrazioni gravi alle norme della circolazione, rispettivamente per lo meno a ritardarle o a renderle più difficili (consid. 3 e 4).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.

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