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Justizze. Art. 384 StPO

Bundesgericht

Beschuldigte legt gegen Kontensperre Beschwerde ein: Frist beginnt erst mit förmlicher Zustellung der Verfügung, nicht mit informellem Telefongespräch (Art. 384 lit. b i.V.m. Art. 396 Abs. 1 StPO)

BGE / ATF / DTF
BGE 147 IV 137 · ATF 147 IV 137 · DTF 147 IV 137
Datum
25.11.2020
Geschäftsnummer
1B_537/2019
Abteilung
I. Öffentlich-rechtliche Abteilung
Ausgang
Gutgeheissen

Tragende Normen

Art. 78 BGG Art. 93 BGG Art. 29a BV Art. 42 StPO Art. 73 StPO Art. 80 StPO Art. 85 StPO Art. 199 StPO Art. 263 StPO Art. 266 StPO Art. 384 StPO Art. 393 StPO Art. 396 StPO

Zusammenfassung

Eine Beschuldigte legte gegen eine Kontensperre Beschwerde bei der kantonalen Anklagekammer ein. Diese trat wegen Fristablaufs bzw. Verwirkung des Beschwerderechts nicht ein. Dagegen erhob die Beschuldigte Beschwerde beim Bundesgericht. Streitig war, ob die zehntägige Beschwerdefrist bereits mit einem Telefongespräch zwischen ihrer Rechtsvertreterin und der Staatsanwaltschaft am 17. Juni 2019 begann oder erst mit der förmlichen Zustellung der Verfügung am 10. Juli 2019. Die Vorinstanz und die Staatsanwaltschaft argumentierten, die Verteidigung habe spätestens seit dem Telefonat Kenntnis von der Kontensperre gehabt und hätte unverzüglich Akteneinsicht beantragen können. Die Beschwerdeführerin rügte, die Annahme einer verspäteten Beschwerdeerhebung verletze ihr gesetzliches Beschwerderecht sowie Art. 9 und Art. 29 BV.

Das Bundesgericht hob den Nichteintretensentscheid der Anklagekammer auf und verwies die Sache zur neuen materiellen Prüfung zurück. Es entschied, dass die zehntägige Beschwerdefrist gemäss Art. 384 lit. b i.V.m. Art. 396 Abs. 1 StPO erst mit der förmlichen Zustellung der Verfügung vom 30. April 2019 am 10. Juli 2019 begann, weil die Staatsanwaltschaft die Verfügung bis dahin weder der Beschwerdeführerin noch ihrer Verteidigung zugestellt hatte. Das Telefongespräch vom 17. Juni 2019 stellte keine fristauslösende Zustellung dar, da es lediglich allgemein nach dem Grund für die Kontensperre fragte und keinerlei Einzelheiten wie Verfügungsdatum, verfügende Behörde oder Rechtsmittelbelehrung enthielt. Die Staatsanwaltschaft war verpflichtet, nach Entbindung der Bank von der Stillschweigeverpflichtung am 13. Juni 2019 die Verfügung förmlich zuzustellen, was sie unterlassen hatte. Eine faktische Vereitelung des gesetzlich verankerten Beschwerderechts nach Art. 393 Abs. 1 lit. a StPO und Art. 29a BV war daher gegeben. Das Bundesgericht sprach der Beschwerdeführerin eine Parteientschädigung von Fr. 4'000.-- zu und erliess keine Gerichtskosten. Die Entscheidung klärt endgültig, dass bei Kontensperrbefehlen die Frist nach Art. 384 lit. b StPO ausschliesslich durch förmliche Zustellung ausgelöst wird und nicht durch informelle Mitteilungen.

Regeste

Art. 73 Abs. 2, Art. 80 Abs. 2, Art. 85 Abs. 2, Art. 199, Art. 263 Abs. 2, Art. 384 lit. b und Art. 396 Abs. 1 StPO; Beginn der Beschwerdefrist gegen Kontensperren nach Aufhebung einer Stillschweigeverpflichtung an die Bank. Mit einer Rechtsmittelbelehrung versehene Kontensperrbefehle sind den Konteninhabern gegen Empfangsbestätigung zuzustellen. Die Beschwerdefrist läuft erst ab Zustellung der Verfügung an die Konteninhaber. Dies gilt auch in Fällen, bei denen die Strafbehörde der mitbetroffenen Bank schon vorher mitgeteilt hat, eine in diesem Zusammenhang auferlegte Stillschweigeverpflichtung zulasten der Bank sei aufgehoben (Präzisierung der Rechtsprechung; E. 2-5). Regeste Art. 73 al. 2, 80 al. 2, 85 al. 2, 199, 263 al. 2, 384 let. b et 396 al. 1 CPP; début du délai de recours contre le blocage de comptes après la levée de l'obligation imposée à la banque de garder le silence sur la mesure ordonnée. Les ordres de blocage de comptes comportant la mention de voies de droit doivent être notifiés au titulaire du compte contre accusé de réception. Le délai pour recourir court à partir de la notification de la décision au titulaire du compte. Cela vaut aussi pour les cas dans lesquels les autorités pénales ont déjà communiqué précédemment à la banque concernée la levée de l'obligation de garder le silence qui lui avait été imposée (précision de la jurisprudence; consid. 2-5). Regesto Art. 73 cpv. 2, 80 cpv. 2, 85 cpv. 2, 199, 263 cpv. 2, 384 lett. b e 396 cpv. 1 CPP; decorrenza del termine di ricorso contro il blocco di conti dopo la revoca di un obbligo di serbare il segreto imposto alla banca. Gli ordini di blocco di conti muniti di un'indicazione dei rimedi giuridici devono essere notificati ai titolari dei conti contro ricevuta. Il termine di ricorso decorre a partire dalla notificazione della decisione ai titolari dei conti. Ciò vale anche nei casi in cui l'autorità penale ha già precedentemente comunicato alla banca interessata la revoca di un obbligo di serbare il segreto impostole in questo contesto (precisazione della giurisprudenza; consid. 2-5).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.

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