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Justizze. Art. 17 ATSG

Bundesgericht

Unfallversicherter beantragt Rentenrevision mit Kürzungsaufhebung und Hilflosenentschädigung: Kürzung im Rahmen der Revision unzulässig, Hilflosigkeit nicht nachgewiesen (Art. 17 Abs. 1 ATSG)

BGE / ATF / DTF
BGE 148 V 195 · ATF 148 V 195 · DTF 148 V 195
Datum
01.03.2022
Geschäftsnummer
8C_466/2021
Abteilung
I. sozialrechtliche Abteilung
Ausgang
Teilweise gutgeheissen

Tragende Normen

Art. 9 ATSG Art. 16 ATSG Art. 17 ATSG Art. 25 ATSG Art. 53 ATSG Art. 227 StrV/BE Art. 38 UVV

Zusammenfassung

Ein Unfallversicherter, der 2009 bei einem Motorradunfall eine sensomotorisch inkomplette Paraplegie erlitt, beantragte 2017 eine Rentenrevision, weil sich sein Gesundheitszustand verschlechtert habe. Die Unfallversicherung sprach ihm daraufhin ab 1. Juni 2016 eine um 20 Prozent gekürzte Invalidenrente bei einem Invaliditätsgrad von 55 Prozent zu und lehnte eine Hilflosenentschädigung ab. Das kantonale Verwaltungsgericht bestätigte diese Entscheidung. Der Versicherte erhob Beschwerde ans Bundesgericht und verlangte eine ungekürzte Rente bei einem höheren Invaliditätsgrad sowie eine Hilflosenentschädigung. Streitig war insbesondere, ob die Kürzung der Rente im Rahmen der Revision zulässig war und ob die Voraussetzungen für eine Hilflosenentschädigung vorlagen.

Das Bundesgericht hob die Kürzung der Invalidenrente auf und erkannte einen Anspruch auf eine ungekürzte Rente ab 1. Juni 2016 bei einem Invaliditätsgrad von 55 Prozent. Es stellte fest, dass die Kürzung im Rahmen einer Rentenrevision nach Art. 17 Abs. 1 ATSG unzulässig ist, weil der Kürzungstatbestand nach Art. 37 Abs. 3 UVG einen zeitlich abgeschlossenen Sachverhalt darstellt, der einer neuerlichen Überprüfung im Rahmen der Revision entzogen bleibt. Zudem hielt es fest, dass die Voraussetzungen für eine Wiedererwägung nach Art. 53 Abs. 2 ATSG nicht erfüllt waren, da die Verfügung vom 7. November 2013 nicht zweifellos unrichtig war, zumal die Staatsanwaltschaft bereits 2010 aufgrund von Art. 54 StGB von einer Strafverfolgung abgesehen hatte. Der Beschwerdeführer hat zudem Anspruch auf Verzugszinsen zu 5 Prozent ab 1. Juni 2018, weil der Anspruch auf Rentenerhöhung am 1. Juni 2016 entstand und er seinen Mitwirkungspflichten vollumfänglich nachkam. Hinsichtlich der Hilflosenentschädigung verneinte das Bundesgericht den Anspruch, weil der Beschwerdeführer bei der alltäglichen Lebensverrichtung Aufstehen/Absitzen/Abliegen nicht regelmässig in erheblicher Weise auf die Hilfe Dritter angewiesen ist und gemäss Art. 38 Abs. 4 lit. a UVV für eine Hilflosigkeit leichten Grades eine Hilfsbedürftigkeit in mindestens zwei alltäglichen Lebensverrichtungen vorausgesetzt wird. Die Gerichtskosten wurden je zur Hälfte den Parteien auferlegt, und die Beschwerdegegnerin wurde verpflichtet, den Beschwerdeführer mit Fr. 2000.- zu entschädigen. Die Sache wurde zur Neuverlegung der Parteientschädigung des vorangegangenen Verfahrens an die Vorinstanz zurückgewiesen.

Regeste

Art. 17 Abs. 1, Art. 21 Abs. 1 und Art. 53 Abs. 2 ATSG; Art. 37 Abs. 3 UVG; Art. 54 StGB; Art. 90 Abs. 2 SVG; Leistungskürzung bei einem Unfall, der bei Ausübung eines Verbrechens oder Vergehens herbeigeführt wurde; Wiedererwägung; Revision. Ist die Staatsanwaltschaft auf eine Strafanzeige wegen Betroffenheit des Täters durch seine Tat (Art. 54 StGB) nicht eingetreten, so erscheint es nicht zweifellos unrichtig im Sinne von Art. 53 Abs. 2 ATSG, wenn die Unfallversicherung in ihrer rentenzusprechenden Verfügung von einer Leistungskürzung nach Art. 37 Abs. 3 UVG abgesehen hat (E. 5.5.3). Die Frage, ob ein Kürzungstatbestand gemäss Art. 37 Abs. 3 UVG gegeben ist, betrifft - anders als etwa die Frage der Arbeitsfähigkeit oder der Adäquanz - einen zeitlich abgeschlossenen Sachverhalt, der einer neuerlichen Überprüfung im Rahmen eines Revisionsverfahrens gemäss Art. 17 Abs. 1 ATSG entzogen bleibt (E. 6.3). Frage offengelassen, ob der vorfrageweisen Prüfung des Straftatbestandes die strafrechtlichen Verjährungsbestimmungen entgegenstünden (E. 6.5). Regeste Art. 17 al. 1, art. 21 al. 1 et art. 53 al. 2 LPGA; art. 37 al. 3 LAA; art. 54 CP; art. 90 al. 2 LCR; réduction des prestations en cas d'accident survenu lors de la commission d'un crime ou d'un délit; reconsidération; révision. Si le ministère public n'est pas entré en matière sur une plainte pénale en raison de l'atteinte subie par l'auteur du fait de son acte (art. 54 CP), alors le fait que l'assureur-accidents a renoncé, dans sa décision d'allocation de rente, à réduire les prestations selon l'art. 37 al. 3 LAA n'apparaît pas manifestement erroné au sens de l'art. 53 al. 2 LPGA (consid. 5.5.3). Le point de savoir s'il existe un motif de réduction selon l'art. 37 al. 3 LAA concerne - contrairement à la question de la capacité de travail ou de la causalité adéquate - un état de fait délimité dans le temps, qui échappe à un nouvel examen dans le cadre d'une procédure de révision selon l'art. 17 al. 1 LPGA (consid. 6.3). Est laissée ouverte la question de savoir si les dispositions de droit pénal en matière de prescription s'opposent à un examen préjudiciel des conditions de l'infraction (consid. 6.5). Regesto Art. 17 cpv. 1, art. 21 cpv. 1 e art. 53 cpv. 2 LPGA; art. 37 cpv. 3 LAINF; art. 54 CP; art. 90 cpv. 2 LCStr; riduzione delle prestazioni per un infortunio che è stato causato commettendo un crimine o un delitto; riconsiderazione; revisione. Se il pubblico ministero ha decretato il non luogo a procedere perché l'autore è stato così duramente colpito (art. 54 CP) e se l'assicurazione contro gli infortuni ha rinunciato a una riduzione delle prestazioni secondo l'art. 37 cpv. 3 LAINF nella sua decisione di attribuzione della rendita, quest'ultimo provvedimento non appare manifestamente errato a norma dell'art. 53 cpv. 2 LPGA (consid. 5.5.3). La questione se sia realizzata una riduzione delle prestazioni a norma dell'art. 37 cpv. 3 LAINF è una circostanza determinata nel tempo, che non può essere oggetto di una nuova valutazione nel quadro di una procedura di revisione secondo l'art. 17 cpv. 1 LPGA, diversamente dall'aspetto della capacità lavorativa o del nesso di causalità (consid. 6.3). Lasciata aperta la questione se l'esame pregiudiziale della fattispecie penale si scontra con le disposizioni della prescrizione penale (consid. 6.5).

Originalentscheid beim Gericht ↗

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