Hausarzt verschreibt Cefuroxim ohne Kenntnis einer Penicillinallergie: Fahrlässige Tötung mangels Sorgfaltspflichtverletzung verneint (Art. 117 StGB)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 148 IV 39 · ATF 148 IV 39 · DTF 148 IV 39
- Datum
- 28.10.2021
- Geschäftsnummer
- 6B_727/2020
- Abteilung
- Strafrechtliche Abteilung
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Art. 81 BGG Art. 95 BGG Art. 97 BGG Art. 26 HMG Art. 22 OHG Art. 11 StGB Art. 12 StGB Art. 117 StGB Art. 115 StPO Art. 116 StPO Art. 117 StPO Art. 118 StPO Art. 122 StPO
Zusammenfassung
Die Kinder der verstorbenen Patientin erhoben im Strafverfahren adhäsionsweise Genugtuungsansprüche gegen ihren Hausarzt, dem vorgeworfen wurde, er habe fahrlässig deren Mutter getötet, indem er ihr das Antibiotikum Cefuroxim verschrieben habe, obwohl sie auf Penicillin allergisch reagiert hätte. Der Arzt wurde vom Obergericht des Kantons Aargau freigesprochen. Die Kinder legten Beschwerde ans Bundesgericht ein und beantragten die Verurteilung des Arztes wegen fahrlässiger Tötung sowie die Zahlung von Genugtuungen. Streitig war, ob der Arzt bei der Verschreibung die erforderliche ärztliche Sorgfalt beachtet hatte, insbesondere ob er verpflichtet gewesen sei, sich vor der Verschreibung umfassende Kenntnis der früheren Krankenakten zu verschaffen.
Das Bundesgericht wies die Beschwerde ab und bestätigte den Freispruch des Arztes vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung. Es stellte fest, dass der Arzt zum Zeitpunkt der Verschreibung des Cefuroxims weder Kenntnis vom Austrittsbericht des Spitals U. vom April 2009 noch vom Notfallbericht desselben Spitals hatte, die beide auf Allergien hinwiesen; ebenso war ihm nicht bekannt, dass das Patientendossier in der Apotheke E. einen Hinweis auf Unverträglichkeit gegenüber Cefuroxim enthielt. Die Patientin hatte im Erstgespräch ausdrücklich bestritten, eine Antibiotika-Allergie zu haben, und übergab dem Arzt lediglich einige ältere Unterlagen, nicht jedoch die vollständigen Krankenakten. Obwohl der Arzt zweimal nach den fehlenden Akten fragte – zuletzt dringend –, unterliess sie deren Nachreichung. Der Marcoumarpass, den der Arzt zur Verfügung hatte, enthielt keine klaren Hinweise auf Allergien gegen Antibiotika, sondern nur eine Liste von Medikamenten ohne Angabe des Grundes ihrer Abgabe. Der Arzt hatte zudem eine Erstanamnese durchgeführt und die Diagnose akute Bronchitis gestellt, für die eine Antibiose grundsätzlich indiziert war. Das Sachverständigengutachten bestätigte, dass trotz des polyallergischen Asthmas und der Sensibilisierung auf Pollen und Tierhaare keine Kontraindikation gegen Cefuroxim bestand und die Indikation für die Antibiose gegeben war. Damit lag keine Verletzung der ärztlichen Sorgfaltspflicht gemäss Art. 117 StGB i.V.m. Art. 12 Abs. 3 StGB vor, weil der Arzt die Gefährdung nicht hätte erkennen müssen und die Grenzen des erlaubten Risikos nicht überschritten hatte. Die Rüge einer Verletzung von Art. 26 Abs. 2 HMG scheiterte daran, dass der Arzt die ihm zum Verschreibungszeitpunkt bekannten Informationen korrekt bewertete und keine konkreten Hinweise auf eine Überempfindlichkeit vorlagen; eine aktive Beschaffung der fehlenden Akten war ihm weder gesetzlich noch nach den anerkannten Regeln der ärztlichen Kunst vorgeschrieben. Die Beschwerdeführerin erhielt unentgeltliche Rechtspflege gemäss Art. 64 BGG, während der Beschwerdeführer hierauf keinen Anspruch hatte. Die Gerichtskosten wurden den Beschwerdeführern zur Hälfte auferlegt. Das Urteil ist bemerkenswert, weil es klärt, dass ein Arzt sich im Rahmen der ärztlichen Sorgfaltspflicht nicht verpflichtet ist, fehlende Patientenakten eigenständig einzufordern, solange er die vorhandenen Informationen sorgfältig bewertet und keine konkreten Hinweise auf Risiken vorliegen.
Regeste
Art. 117 StGB; Art. 26 Abs. 2 HMG; fahrlässige Tötung (Freispruch), Sorgfaltspflichtverletzung. Ein Arzneimittel darf nur verschrieben werden, wenn die Vitaldaten des Patienten, sein Gesundheitszustand, Allergien, Arzneimittelunverträglichkeiten und das Interaktionspotential mit anderen Wirkstoffen bzw. Arznei- sowie Nahrungsmitteln bekannt sind (E. 2.4.1). Der Arzt muss sich sorgfältig ein Bild machen, was dem Patienten fehlt, und welche Therapieformen geeignet sind. Üblicherweise verlangt die ärztliche Sorgfalt die Durchführung einer Anamnese. Über die Art der im Einzelfall erforderlichen Anamnese lassen sich keine allgemeingültigen Angaben machen. Zur Durchführung der Heilbehandlung ist in der Regel die Mitwirkung des Patienten erforderlich. Bei dieser Mitwirkung handelt es sich um blosse Obliegenheiten. Wirkt der Patient bei der Behandlung nicht mit, braucht der Arzt jedoch nicht tätig zu werden (E. 2.4.2). Die Geheimhaltungspflicht des Arztes verbietet jede Weitergabe des Geheimnisses an Dritte. Sie schützt die Persönlichkeit des Patienten und bleibt nach Abschluss der Behandlung bestehen (E. 2.4.3). Im Allgemeinen kann der Arzt davon ausgehen, dass er es mit einem verständigen Patienten zu tun hat, weshalb er sich grundsätzlich auf dessen Angaben verlassen darf (E. 2.7.2). Im vorliegenden Fall hatte der Arzt eine Erstanamnese vorgenommen, die Frage nach einer Antibiotika-Allergie abgeklärt und die Patientin aufgefordert, ihm die medizinischen Akten zu bringen. Als diese ausblieben, hakte er nach und bat seine Patientin, ihm diese Unterlagen "dringend" nachzureichen. Damit ist der Arzt den gebotenen Abklärungspflichten und seiner Sorgfaltspflicht hinreichend nachgekommen. Für ihn ergab sich weder aus dem Gesetz noch aus den anerkannten Regeln der Branche eine Pflicht, selber aktiv zu werden und die von der Patientin nicht wahrgenommene Beschaffung ihrer früheren Krankenakten zu übernehmen (E. 2.8). Regeste Art. 117 CP; art. 26 al. 2 LPTh; homicide par négligence (acquittement), violation du devoir de diligence. Un médicament ne doit être prescrit que si les données vitales du patient, son état de santé, ses allergies, ses intolérances médicamenteuses et le potentiel d'interaction avec d'autres substances actives ou médicaments ainsi qu'avec des produits alimentaires sont connus (consid. 2.4.1). Le médecin doit se faire une idée précise de ce qui ne va pas chez le patient et des formes de thérapie appropriées. Généralement, la diligence médicale exige la réalisation d'une anamnèse. Il n'existe pas d'indications générales sur le type d'anamnèse nécessaire pour un cas particulier. En règle générale, la collaboration du patient est nécessaire à la réalisation du traitement. Cette collaboration est un simple devoir. Si le patient ne coopère pas au traitement, le médecin n'est pas tenu d'intervenir (consid. 2.4.2). L'obligation du médecin de garder le secret interdit toute divulgation du secret à des tiers. Elle protège la personnalité du patient et subsiste après la fin du traitement (consid. 2.4.3). En général, le médecin peut partir du principe qu'il a affaire à un patient sensé, raison pour laquelle il peut en principe se fier à ses indications (consid. 2.7.2). Dans le cas d'espèce, le médecin avait procédé à une première anamnèse, avait clarifié la question d'une allergie aux antibiotiques et avait demandé à la patiente de lui apporter son dossier médical. Comme celui-ci faisait défaut, il a insisté et a demandé à sa patiente de le lui fournir "de toute urgence". Le médecin s'est ainsi suffisamment acquitté de son devoir de clarification et de diligence. Il n'était tenu ni par la loi ni par les règles reconnues de la profession de se charger d'obtenir par lui-même le dossier médical antérieur de sa patiente qui ne l'avait pas fourni (consid. 2.8). Regesto Art. 117 CP; art. 26 cpv. 2 LATer; omicidio colposo (proscioglimento), violazione del dovere di diligenza. Un medicamento può essere prescritto soltanto se sono noti i parametri vitali del paziente, il suo stato di salute, le allergie, le intolleranze medicamentose e il potenziale di interazione con altri principi attivi, rispettivamente medicamenti e alimenti (consid. 2.4.1). Il medico deve farsi un'idea precisa di cosa abbia il paziente e delle forme di terapia appropriate. Di solito la diligenza medica esige l'esecuzione di un'anamnesi. Non esistono indicazioni generali sul tipo di anamnesi necessaria nel singolo caso. Di regola la collaborazione del paziente è indispensabile per l'attuazione del trattamento. Questa collaborazione costituisce una semplice incombenza. Se il paziente non collabora al trattamento, il medico non deve tuttavia intervenire (consid. 2.4.2). L'obbligo del medico di mantenere il segreto vieta qualsiasi rivelazione del segreto a terzi. Esso tutela la personalità del paziente e permane dopo la fine del trattamento (2.4.3). In genere il medico può partire dal principio di avere a che fare con un paziente assennato, di modo che può in linea di massima fidarsi delle sue indicazioni (consid. 2.7.2). In concreto il medico ha effettuato una prima anamnesi, chiarito la questione di un'allergia agli antibiotici e chiesto alla paziente di fornirgli la cartella medica. Non essendogli pervenuta, egli ha persistito ed esortato la sua paziente a procurargliela celermente. Il medico ha così assolto adeguatamente il suo obbligo di chiarimento e il suo dovere di diligenza. Né la legge né le normative riconosciute dalla categoria gli imponevano di farsi parte attiva e di adoperarsi per ottenere le precedenti cartelle mediche che la paziente non gli ha fornito (consid. 2.8).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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