Privatklägerin erhält unentgeltliche Verbeiständung im Strafverfahren, muss aber Kosten des Berufungsverfahrens bei verbesserten wirtschaftlichen Verhältnissen zurückzahlen (Art. 30 Abs. 3 OHG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 143 IV 154 · ATF 143 IV 154 · DTF 143 IV 154
- Datum
- 16.03.2017
- Geschäftsnummer
- BGE 143 IV 154
- Ausgang
- Teilweise gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 30 LAV Art. 30 OHG Art. 116 StPO Art. 135 StPO Art. 138 StPO
Zusammenfassung
Eine Privatklägerin war im Strafverfahren gegen einen Beschuldigten wegen Vergewaltigungsvorwürfen als Opfer anerkannt worden und hatte unentgeltliche Rechtsverbeiständung erhalten. Nachdem das Kriminalgericht Luzern den Beschuldigten freisprach und die Zivilforderungen an den Zivilrichter verwies, erhoben sowohl die Staatsanwaltschaft als auch die Privatklägerin Berufung. Das Kantonsgericht Luzern bestätigte den Freispruch und verpflichtete die Privatklägerin, sobald ihre wirtschaftlichen Verhältnisse es zulassen, sämtliche Kosten ihrer unentgeltlichen Verbeiständung im Berufungsverfahren zu erstatten. Die Privatklägerin erhob Beschwerde in Strafsachen beim Bundesgericht mit dem Antrag, die Kostenauflage aufzuheben und sämtliche Kosten auf die Staatskasse zu überbürden.
Das Bundesgericht hob den angefochtenen Kostenentscheid teilweise auf und wies die Sache zur neuen Entscheidung an die Vorinstanz zurück. Es stellte klar, dass die Privatklägerin als Opfer im Sinne von Art. 116 Abs. 1 StPO und Art. 1 OHG anerkannt war, weil sie eine Schädigung im Sinne dieser Bestimmungen glaubhaft machen konnte – eine strafrechtliche Verurteilung oder Feststellung einer Tat ist dafür nicht erforderlich. Art. 30 Abs. 3 OHG schützt das Opfer vor der Rückzahlungspflicht für die unentgeltliche Verbeiständung im Untersuchungs- und erstinstanzlichen Gerichtsverfahren, auch wenn der Beschuldigte freigesprochen wird. Für das Rechtsmittelverfahren gilt jedoch eine andere Regelung: Wenn bereits in erster Instanz ein Freispruch erfolgte, dieser im Berufungsverfahren bestätigt wurde und in Rechtskraft erwuchs, geht die gesetzliche Rückzahlungspflicht aus Art. 138 Abs. 1 i.V.m. Art. 135 Abs. 4 lit. a StPO der Regelung des Opferhilfegesetzes vor. Damit darf die Privatklägerin für die Kosten ihrer unentgeltlichen Verbeiständung im Berufungsverfahren herangezogen werden, sobald ihre wirtschaftlichen Verhältnisse dies zulassen. Art. 30 Abs. 3 OHG gewährt kein Recht darauf, ohne jegliches Kostenrisiko über alle Instanzen hinweg zu prozessieren. Der Entscheid klärt die Abgrenzung zwischen opferhilferechtlichem Schutz und strafprozessualer Kostenregelung im Rechtsmittelverfahren bei Freispruch.
Regeste
Art. 1 und 30 Abs. 3 OHG; Art. 116 Abs. 1, Art. 135 Abs. 4 lit. a und Art. 138 Abs. 1 StPO; Pflicht zur Rückerstattung der Kosten der unentgeltlichen Verbeiständung durch das Opfer bei verbesserten wirtschaftlichen Verhältnissen. Opferbegriff im Sinne von Art. 116 Abs. 1 StPO und Art. 1 OHG (E. 2.3.2). Um im Strafverfahren als geschädigte Person gemäss Art. 115 Abs. 1 StPO bzw. als Opfer nach Art. 116 Abs. 1 StPO anerkannt zu werden, genügt es, wenn eine Schädigung im Sinne dieser Bestimmungen glaubhaft gemacht wird (E. 2.3.3). Art. 30 Abs. 3 OHG kommt auch zum Tragen, wenn die geltend gemachte Straftat im erstinstanzlichen Gerichtsverfahren nicht nachgewiesen werden kann. Nicht zulässig ist es daher, vom Opfer im Falle eines Freispruchs die Rückerstattung der Kosten seiner unentgeltlichen Verbeiständung im Untersuchungs- und erstinstanzlichen Gerichtsverfahren zu verlangen, sobald es seine wirtschaftlichen Verhältnisse erlauben (E. 2.3.4). Anders verhält es sich bezüglich der Kosten der unentgeltlichen Verbeiständung im Rechtsmittelverfahren, wenn es bereits erstinstanzlich zu einem Freispruch kam, der Freispruch auch im Berufungsverfahren bestätigt wurde und schliesslich in Rechtskraft erwuchs. Insoweit geht die in Art. 138 Abs. 1 i.V.m. Art. 135 Abs. 4 lit. a StPO statuierte Pflicht zur Rückerstattung der Kosten der unentgeltlichen Verbeiständung im Rechtsmittelverfahren Art. 30 Abs. 3 OHG vor (E. 2.3.5). Regeste Art. 1 et 30 al. 3 LAVI; art. 116 al. 1, art. 135 al. 4 let. a et art. 138 al. 1 CPP; devoir de la victime de rembourser les frais de l'assistance judiciaire gratuite en cas d'amélioration de sa situation financière. Notion de victime au sens des art. 116 al. 1 CPP et 1 LAVI (consid. 2.3.2). Pour être considéré comme lésé selon l'art. 115 al. 1 CPP, respectivement comme victime selon l'art. 116 al. 1 CPP dans une procédure pénale, il suffit de rendre vraisemblable l'existence d'un préjudice au sens de ces dispositions (consid. 2.3.3). L'art. 30 al. 3 LAVI s'applique également lorsque l'infraction alléguée ne peut pas être démontrée en procédure de première instance. Il n'est par conséquent pas admissible d'exiger de la victime, dès que sa situation financière le lui permet, qu'elle rembourse les coûts de son assistance judiciaire gratuite en cas d'acquittement dans la procédure d'instruction et de première instance (consid. 2.3.4). Il en va différemment en ce qui concerne les frais de l'assistance judiciaire gratuite dans la procédure de recours, lorsqu'un acquittement a déjà été prononcé en première instance, que l'acquittement a également été confirmé en procédure de recours et qu'il est définitivement entré en force. Dans cette mesure, le devoir de rembourser les frais de l'assistance judiciaire gratuite prévu à l'art. 138 al. 1 en lien avec l'art. 135 al. 4 let. a CPP prime l'art. 30 al. 3 LAVI en procédure de recours (consid. 2.3.5). Regesto Art. 1 e 30 cpv. 3 LAV; art. 116 cpv. 1, art. 135 cpv. 4 lett. a nonché art. 138 cpv. 1 CPP; obbligo della vittima di rimborsare i costi del gratuito patrocinio in caso di miglioramento delle sue condizioni economiche. Nozione di vittima ai sensi dell'art. 116 cpv. 1 CPP e dell'art. 1 LAV (consid. 2.3.2). Per essere riconosciuto danneggiato giusta l'art. 115 cpv. 1 CPP rispettivamente vittima secondo l'art. 116 cpv. 1 CPP nel procedimento penale, è sufficiente rendere verosimile una lesione ai sensi delle citate disposizioni (consid. 2.3.3). L'art. 30 cpv. 3 LAV entra in considerazione anche ove il reato ascritto non possa essere provato nel procedimento dinanzi al tribunale di primo grado. In caso di proscioglimento non è dunque ammissibile esigere dalla vittima, non appena le sue condizioni economiche glielo permettano, il rimborso dei costi del gratuito patrocinio per la procedura istruttoria e di prima istanza (consid. 2.3.4). Diverso è invece il discorso per i costi del gratuito patrocinio afferenti la procedura di ricorso, quando il proscioglimento già pronunciato in prima istanza è confermato anche nel procedimento di appello ed è infine cresciuto in giudicato. In questa costellazione, nella procedura ricorsuale, l'obbligo di rimborso dei costi del gratuito patrocinio sancito dall'art. 138 cpv. 1 unitamente all'art. 135 cpv. 4 lett. a CPP prevale sull'art. 30 cpv. 3 LAV (consid. 2.3.5).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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