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Justizze. Art. 141 StPO

Bundesgericht

Beschwerde gegen Verwertung von Dashcam-Aufnahmen im Strafverfahren: Heimliche Aufzeichnung im öffentlichen Raum verletzt Datenschutzrecht, Beweis unverwertbar (Art. 141 StPO)

BGE / ATF / DTF
BGE 146 IV 226 · ATF 146 IV 226 · DTF 146 IV 226
Datum
26.09.2019
Geschäftsnummer
6B_1188/2018
Abteilung
Strafrechtliche Abteilung
Ausgang
Rückweisung

Tragende Normen

Art. 3 DSG Art. 4 DSG Art. 12 DSG Art. 13 DSG Art. 140 StPO Art. 141 StPO

Zusammenfassung

Eine Beschwerdeführerin war wegen mehrfacher Verkehrsregelverletzungen verurteilt worden, wobei das Urteil wesentlich auf Videoaufnahmen einer Dashcam beruhte. Sie erhob Beschwerde mit der Rüge, die Aufnahmen seien rechtswidrig erstellt worden und daher im Strafverfahren unverwertbar. Die Vorinstanz hatte die Verwertbarkeit bejaht, weil die Aufnahmen von Privaten stammten und nach bundesgerichtlicher Rechtsprechung unter bestimmten Voraussetzungen verwertet werden dürften. Streitig war insbesondere, ob die heimliche Aufzeichnung im öffentlichen Raum eine Persönlichkeitsverletzung darstellt und ob die Verwertung trotzdem zulässig ist, wenn es sich nicht um schwere Straftaten handelt.

Das Bundesgericht hebt das angefochtene Urteil auf und verweist die Sache zur neuerlichen Entscheidung an die Vorinstanz. Es stellt fest, dass die Dashcam-Aufnahmen heimlich im öffentlichen Raum erstellt wurden und damit gegen Art. 4 Abs. 4 DSG verstossen; dies stellt eine Persönlichkeitsverletzung im Sinne von Art. 12 Abs. 2 lit. a DSG dar. Ein Rechtfertigungsgrund nach Art. 13 Abs. 1 DSG liegt nicht vor, weil bei der strafprozessualen Verwertbarkeit primär der Strafanspruch des Staates und das Recht der Beschuldigten auf ein faires Verfahren zu berücksichtigen sind, nicht die Interessen des privaten Datenbearbeiters. Da es sich bei den festgestellten Verkehrsregelverletzungen gemäss Art. 90 Abs. 1 SVG um Übertretungen und Vergehen handelt, die nach der Rechtsprechung nicht als schwere Straftaten im Sinne von Art. 141 Abs. 2 StPO gelten, ist die Interessenabwägung zuungunsten der Verwertung auszufallen. Der Massstab von Art. 141 Abs. 2 StPO ist auch auf privat erhobene Beweise anzuwenden. Die Beschwerde ist daher gutzuheissen. Für das Bundesgerichtsverfahren werden keine Kosten erhoben (Art. 66 Abs. 1 BGG), die Beschwerdeführerin erhält eine Parteientschädigung von Fr. 3'000.-- (Art. 68 Abs. 2 BGG). Diese Entscheidung präzisiert erstmals ausdrücklich, dass die Verwertbarkeit privat erhobener Beweise im Strafrecht denselben strengen Massstab wie staatlich erhobene Beweise unterliegt – insbesondere die Voraussetzung der Schwere der Straftat nach Art. 141 Abs. 2 StPO gilt auch für Dashcam-Beweise.

Regeste

Art. 141 Abs. 2 StPO; Art. 4 Abs. 4 DSG; Art. 90 Abs. 1 und 2 SVG; Verwertbarkeit von privaten Dashcam-Aufnahmen im Strafprozess. Von Privaten rechtswidrig erlangte Beweismittel sind nur verwertbar, wenn sie von den Strafverfolgungsbehörden rechtmässig hätten erlangt werden können und kumulativ dazu eine Interessenabwägung für deren Verwertung spricht. Bei der Interessenabwägung ist derselbe Massstab wie bei staatlich erhobenen Beweisen anzuwenden. Die Verwertung ist damit nur zulässig, wenn dies zur Aufklärung einer schweren Straftat unerlässlich ist (E. 2). Die Erstellung von Aufnahmen mittels einer Dashcam ist als heimlich im Sinne von Art. 4 Abs. 4 DSG und damit als rechtswidrig zu qualifizieren (E. 3). Bei den Tatbeständen von Art. 90 Abs. 1 und 2 SVG handelt es sich um Übertretungen und Vergehen, die nach der Rechtsprechung nicht als schwere Straftaten im Sinne von Art. 141 Abs. 2 StPO zu qualifizieren sind. Dieser Massstab gilt auch bei der Verwertung privat erhobener Beweise (E. 4). Regeste Art. 141 al. 2 CPP; art. 4 al. 4 LPD; art. 90 al. 1 et 2 LCR; exploitabilité en procédure pénale de prises de vue réalisées au moyen de "dashcam" par des personnes privées. Des moyens de preuve illicites obtenus par des personnes privées ne sont exploitables que si les autorités de poursuite pénales auraient elles-mêmes été en mesure de les récolter de façon licite et si, de surcroît, une pesée d'intérêts plaide en faveur de leur utilisation en procédure. Dans le cadre de cette pesée d'intérêts, il convient d'appliquer les mêmes critères que lorsque les moyens de preuve ont été récoltés par l'autorité. Les moyens de preuve ne sont ainsi exploitables que s'ils sont indispensables pour élucider des infractions graves (consid. 2). La réalisation de prises de vue avec une "dashcam" doit être qualifiée de secrète au sens de l'art. 4 al. 4 LPD et revêt ainsi un caractère illicite (consid. 3). Les infractions sanctionnées par l'art. 90 al. 1 et 2 LCR constituent des contraventions et des délits qui, d'après la jurisprudence, ne peuvent être qualifiées d'infractions graves au sens de l'art. 141 al. 2 CPP. Cette appréciation prévaut également pour examiner l'exploitabilité de moyens de preuve récoltés par des personnes privées (consid. 4). Regesto Art. 141 cpv. 2 CPP; art. 4 cpv. 4 LPD; art. 90 cpv. 1 e 2 LCStr; utilizzabilità nel procedimento penale di filmati registrati con dashcam da privati. I mezzi di prova raccolti in modo illecito da persone private sono utilizzabili solo se l'autorità di perseguimento penale avrebbe potuto assumerli legalmente e, cumulativamente, se la ponderazione degli interessi in gioco depone in favore del loro utilizzo. Nell'ambito di questa ponderazione occorre applicare il medesimo criterio valido per le prove raccolte dall'autorità. La loro utilizzazione è pertanto possibile unicamente se indispensabile per far luce su gravi reati (consid. 2). La realizzazione di riprese mediante "dashcam" non è riconoscibile ai sensi dell'art. 4 cpv. 4 LPD e deve di conseguenza essere definita illecita (consid. 3). Le fattispecie di cui all'art. 90 cpv. 1 e 2 LCStr costituiscono delle contravvenzioni e dei delitti e in quanto tali, secondo la giurisprudenza, non sono qualificabili come gravi reati ai sensi dell'art. 141 cpv. 2 CPP. Ciò vale anche per l'utilizzo di prove raccolte da privati (consid. 4).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.

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