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Justizze. Art. 19 DSG

Bundesgericht

Kanton Aargau beantragt Einsicht in Kartellverfahrensakten zur Prüfung von Schadenersatzansprüchen: Amtshilfe nach Art. 19 Abs. 1 lit. a DSG zulässig, obwohl Sanktionsverfügung noch nicht rechtskräftig ist

BGE / ATF / DTF
BGE 147 II 227 · ATF 147 II 227 · DTF 147 II 227
Datum
18.03.2021
Geschäftsnummer
BGE 147 II 227
Abteilung
CH_BGE_004
Ausgang
Gutgeheissen

Tragende Normen

Art. 27 BGG Art. 59 BGG Art. 89 BGG Art. 29 BV Art. 30 BV Art. 43a BV Art. 44 BV Art. 2 DSG Art. 3 DSG Art. 4 DSG Art. 8 DSG Art. 16 DSG Art. 17 DSG Art. 19 DSG Art. 6 EMRK Art. 25 KG Art. 19 LPD Art. 41 OR Art. 127 OR Art. 14 UNO-Pakt Art. 55 ZPO

Zusammenfassung

Der Kanton Aargau beantragte bei der Wettbewerbskommission (WEKO) Einsicht in Akten eines kartellrechtlichen Sanktionsverfahrens, um zu prüfen, ob er als Auftraggeber bei betroffenen Ausschreibungen geschädigt wurde und Schadenersatzansprüche geltend machen kann. Die WEKO gewährte nur teilweise Einsicht. Der Kanton Aargau und das Eidgenössische Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF) erhoben Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht, das die Verfügung der WEKO aufhob. Das WBF und der Kanton Aargau legten daraufhin Beschwerde beim Bundesgericht ein. Streitig war insbesondere, ob die WEKO berechtigt ist, dem Kanton Aargau Einsicht in die Akten zu gewähren, obwohl die Sanktionsverfügung noch nicht rechtskräftig war und kein Kartellrechtsverstoss darin festgestellt worden war. Es ging auch um die Frage, ob der Kanton Aargau beschwerdeberechtigt ist und ob die Datenbekanntgabe mit dem Amtsgeheimnis nach Art. 25 KG vereinbar ist.

Das Bundesgericht hob das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts auf und bestätigte die Verfügung der WEKO vom 11. Dezember 2017, die dem Kanton Aargau Einsicht in die Sanktionsverfügung vom 16. Dezember 2011 sowie die dazugehörigen Sachbeweise gewährte. Der Kanton Aargau ist beschwerdeberechtigt, weil er als Gesuchsteller im Verwaltungsverfahren und als potentieller Schadenersatzkläger in einem Zivilprozess wie eine private Person betroffen ist und ein schutzwürdiges Interesse an der Aufhebung oder Änderung des vorinstanzlichen Entscheids hat. Das Datenschutzgesetz ist anwendbar, weil das Verwaltungsverfahren vor der WEKO unter Art. 2 Abs. 2 lit. c DSG fällt und die Verfügung vom 16. Dezember 2011 Personendaten enthält. Die Datenbekanntgabe nach Art. 19 Abs. 1 lit. a DSG ist zulässig, weil sie für den Kanton Aargau zur Erfüllung seiner gesetzlichen Aufgabe unentbehrlich ist: Er benötigt die Daten zur Prüfung zivilrechtlicher Schadenersatzansprüche und zur Überwachung der Einhaltung der Vergabebestimmungen, was aus kantonalen Verfassungsbestimmungen und Gesetzen hervorgeht. Unentbehrlich bedeutet hier nicht, dass die Aufgabe tatsächlich erfüllt wird, sondern dass sie ohne die Daten nicht erfüllt werden kann. Die Datenbekanntgabe ist mit dem Grundsatz der Zweckbindung nach Art. 4 Abs. 3 DSG vereinbar, weil der Zweck der Amtshilfe – die Milderung oder Bekämpfung der Folgen von Submissionsabsprachen – mit dem Zweck der ursprünglichen Datenerhebung durch die WEKO zur Sanktionierung wettbewerbswidrigen Verhaltens vereinbar ist. Art. 25 KG steht einer Bekanntgabe nicht entgegen, weil Art. 19 Abs. 1 lit. a DSG die gesetzliche Grundlage bildet, in einem eng begrenzten Rahmen Daten, die dem Amtsgeheimnis unterliegen, einer anderen Behörde bekanntzugeben. Keine wesentlichen öffentlichen Interessen oder schutzwürdigen Interessen einer betroffenen Person sprechen gegen die Bekanntgabe, da Geschäftsgeheimnisse nicht bekanntgegeben werden und die Interessen des Kantons Aargau sehr gewichtig sind. Die Kosten und Entschädigungsfolgen gehen zu Lasten der Beschwerdegegnerin. Das Urteil ist bemerkenswert, weil es klärt, dass die Unentbehrlichkeit der Daten nach Art. 19 Abs. 1 lit. a DSG nicht davon abhängt, dass das Sanktionsverfahren rechtskräftig abgeschlossen ist oder ein Kartellrechtsverstoss festgestellt wurde, und weil es die Vereinbarkeit der Amtshilfe mit dem Amtsgeheimnis nach Art. 25 KG bestätigt.

Regeste

Art. 2 Abs. 2 lit. c, Art. 3 lit. e und f, Art. 4, insb. Abs. 3, Art. 5, 7 und 16 Abs. 1, Art. 17 Abs. 1, Art. 19 Abs. 1 Ingress und lit. a, Art. 19 Abs. 4 DSG; Art. 5 und 29 Abs. 2, Art. 30 Abs. 3, Art. 43a Abs. 5, Art. 44 Abs. 2 BV; Art. 6 Ziff. 1 EMRK; Art. 14 Abs. 1 UNO-Pakt II; Art. 25 KG; Art. 27 Abs. 2, Art. 59 Abs. 3, Art. 89 Abs. 1 BGG; Amtshilfe für Einsicht eines Kantons in Akten eines kartellrechtlichen Sanktionsverfahrens: Voraussetzungen der Amtshilfe nach Art. 19 Abs. 1 lit. a DSG; Zulässigkeit der Bekanntgabe der Daten nach Art. 19 Abs. 4 DSG. Beschwerdeberechtigung des Kantons: Als Gesuchsteller im Verwaltungsverfahren und als potentieller Schadenersatzkläger in einem Zivilprozess ist der Kanton wie eine private Person betroffen (E. 2.3). Anwendbarkeit des DSG (E. 4). Auslegung von Art. 19 Abs. 1 lit. a DSG: Einzelfall, Erfüllung seiner gesetzlichen Aufgabe, Unentbehrlichkeit (E. 5). Subsumtion unter Art. 19 Abs. 1 lit. a DSG; Die Amtshilfe an den Kanton ist vereinbar mit dem Grundsatz der Zweckbindung (E. 6). Zulässigkeit der Bekanntgabe von Daten: Art. 25 KG steht einer Bekanntgabe nicht entgegen (E. 7.1-7.4); Prüfung im konkreten Fall (E. 7.5). Öffentliche Auflage des Dispositivs während 30 Tagen in nicht anonymisierter Form (E. 8). Regeste Art. 2 al. 2 let. c, art. 3 let. e et f, art. 4, en partic. al. 3, art. 5, 7 et 16 al. 1, art. 17 al. 1, art. 19 al. 1 préamb. et let. a, art. 19 al. 4 LPD; art. 5 et 29 al. 2, art. 30 al. 3, art. 43a al. 5, art. 44 al. 2 Cst.; art. 6 par. 1 CEDH; art. 14 al. 1 Pacte ONU II; art. 25 LCart; art. 27 al. 2, art. 59 al. 3, art. 89 al. 1 LTF; assistance administrative à un canton pour consultation des pièces d'une procédure de sanction en matière de cartel: conditions préalables à l'assistance administrative selon l'art. 19 al. 1 let. a LPD; admissibilité de la communication de données selon l'art. 19 al. 4 LPD. Qualité pour recourir des cantons: que ce soit comme requérant dans le cadre de la procédure administrative ou comme potentiel demandeur en dommages et intérêts, le canton est concerné au même titre qu'une personne privée (consid. 2.3). Applicabilité de la LPD (consid. 4). Interprétation de l'art. 19 al. 1 let. a LPD: cas d'espèce, accomplissement de la tâche légale, besoin absolu (consid. 5). Subsomption en vertu de l'art. 19 al. 1 let. a LPD; l'assistance administrative au canton est compatible avec le principe de limitation de la finalité (consid. 6). Admissibilité de la communication de données: l'art. 25 LCart ne s'oppose pas à une telle communication (consid. 7.1-7.4); examen dans le cas d'espèce (consid. 7.5). Publication du dispositif pendant 30 jours sous une forme non anonymisée (consid. 8). Regesto Art. 2 cpv. 2 lett. c, art. 3 let. e e f, art. 4, in particolare cpv. 3, art. 5, 7 e 16 cpv. 1, art. 17 cpv. 1, art. 19 cpv. 1 parte introduttiva e let. a, art. 19 cpv. 4 LPD; art. 5 e 29 cpv. 2, art. 30 cpv. 3, art. 43a cpv. 5, art. 44 cpv. 2 Cost.; art. 6 n. 1 CEDU; art. 14 n. 1 Patto ONU II; art. 25 LCart; art. 27 cpv. 2, art. 59 cpv. 3, art. 89 cpv. 1 LTF; assistenza amministrativa a un cantone per comunicazione di atti relativi a una procedura di sanzione in materia di cartelli: condizioni per l'assistenza amministrativa secondo l'art. 19 cpv. 1 let. a LPD; ammissibilità della comunicazione dei dati secondo l'art. 19 cpv. 4 LPD. Qualità per ricorrere del cantone: come richiedente nel quadro di una procedura amministrativa e come potenziale attore in un processo civile che mira a un risarcimento danni, il cantone è toccato allo stesso titolo di una persona privata (consid. 2.3). Applicabilità della LPD (consid. 4). Interpretazione dell'art. 19 cpv. 1 lett. a LPD: caso specifico, adempimento del suo compito legale, indispensabilità (consid. 5). Sussunzione sotto l'art. 19 cpv. 1 lett. a LPD; l'assistenza amministrativa al cantone è compatibile con il principio della finalità (consid. 6). Ammissibilità della comunicazione di dati: l'art. 25 LCart non si oppone a una comunicazione (consid. 7.1-7.4); esame nel caso concreto (consid. 7.5). Esposizione pubblica del dispositivo durante 30 giorni in forma non anonimizzata (consid. 8).

Originalentscheid beim Gericht ↗

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