Greenpeace verlangt Zugang zu EMI-Daten des Kernkraftwerks Leibstadt: Öffentlichkeitsprinzip gebietet Herausgabe trotz Löschung durch ENSI (Art. 5 BGÖ)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 144 II 91 · ATF 144 II 91 · DTF 144 II 91
- Datum
- 27.09.2017
- Geschäftsnummer
- 1C_394/2016
- Abteilung
- I. Öffentlich-rechtliche Abteilung
- Ausgang
- Gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 82 BGG Art. 83 BGG Art. 89 BGG Art. 5 BGÖ Art. 6 BGÖ Art. 7 BGÖ Art. 9 BGÖ Art. 15 BGÖ Art. 13 BV Art. 4 DSG Art. 19 DSG
Zusammenfassung
Greenpeace Schweiz beantragte beim Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorat (ENSI) Zugang zu den Emissionsmesswerten (EMI-Daten) am Kamin des Kernkraftwerks Leibstadt für den Zeitraum vom 1. Januar 2013 bis 1. November 2014. Das ENSI lehnte ab, weil die Daten gelöscht worden seien. Greenpeace wandte sich an den Eidgenössischen Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragten, der empfahl, die Daten wiederzubeschaffen und zugänglich zu machen. Das ENSI erliess daraufhin eine Verfügung, die die Kernkraftwerk Leibstadt AG zur Wiederübermittlung der Daten verpflichtete. Gegen diese Verfügung klagte die Kernkraftwerk Leibstadt AG erfolgreich beim Bundesverwaltungsgericht, das die Verfügung aufhob. Greenpeace legte daraufhin Beschwerde beim Bundesgericht ein. Streitig war, ob die EMI-Daten als amtliche Dokumente im Sinne des Bundesgesetzes über das Öffentlichkeitsprinzip der Verwaltung (BGÖ) anzusehen sind und ob Ausnahmetatbestände gegen den Zugang sprechen.
Das Bundesgericht hob das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts auf und erkannte, dass Greenpeace Zugang zu den EMI-Daten des Kernkraftwerks Leibstadt für den Zeitraum vom 1. Januar 2013 bis 1. November 2014 zu gewähren ist. Die EMI-Daten stellen amtliche Dokumente im Sinne von Art. 5 BGÖ dar, weil sie einen informativen Gehalt besitzen, sich im Besitz der Behörde befinden – auch wenn sie gelöscht wurden, da die Kernkraftwerkbetreiberin sie stellvertretend für das ENSI aufbewahrt – und der Erfüllung einer öffentlichen Aufgabe dienen, nämlich der Aufsicht über die nukleare Sicherheit und der Funktionskontrolle der Messsysteme. Die Beschwerdegegnerin konnte keine zulässige Ausnahme nach Art. 7 BGÖ geltend machen: Weder Geschäftsgeheimnisse noch die innere oder äussere Sicherheit würden durch die Offenlegung gefährdet, und die Daten wurden nicht freiwillig übermittelt. Obwohl die EMI-Daten Personendaten im Sinne von Art. 3 DSG sind, ist ihre Anonymisierung faktisch unmöglich, weil das Gesuch auf die Daten einer bestimmten juristischen Person abzielt. Eine Interessenabwägung nach Art. 19 Abs. 1bis DSG und Art. 7 Abs. 2 BGÖ ergibt, dass das öffentliche Interesse an Transparenz überwiegt, da die Daten Umweltinformationen im Sinne der Aarhus-Konvention darstellen und für die radiologische Bewertung des Normalbetriebs relevant sind, während die auf der ENSI-Website publizierten MADUK-Daten und bilanzierten Abgabedaten nicht denselben Detailgrad und zeitlichen Verlauf bieten. Das ENSI muss die Daten daher von der Kernkraftwerk Leibstadt AG herausverlangen und Greenpeace bekanntgeben. Die Beschwerdegegnerin trägt die Kosten des bundesgerichtlichen Verfahrens und hat Greenpeace eine Parteientschädigung von Fr. 5'000.-- zu zahlen. Die Sache wird zur Neuverlegung der Kosten- und Entschädigungsfolgen des vorangegangenen Verfahrens an das Bundesverwaltungsgericht zurückgewiesen. Diese Entscheidung präzisiert die Wiederbeschaffungspflicht der Behörde bei gelöschten Umweltinformationen und bekräftigt das Gewicht des öffentlichen Interesses an der Offenlegung von Emissionsdaten aus Kernkraftwerken.
Regeste
Art. 5 Abs. 1, Art. 7 Abs. 1 und Art. 9 BGÖ; Art. 4 Abs. 1 Aarhus-Konvention; Art. 10g USG; Art. 19 Abs. 1 bis DSG; Gesuch um Zugang zu den Abluftdaten (sog. EMI-Daten) am Kamin des Kernkraftwerks Leibstadt (KKL). Bei den EMI-Daten des KKL handelt es sich um ein amtliches Dokument im Sinne von Art. 5 BGÖ (E. 2): Die Löschung dieser Daten in Normalsituationen durch das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (ENSI) lässt das Erfordernis des Besitzes gemäss Art. 5 Abs. 1 lit. b BGÖ nicht dahinfallen (E 2.4). Informationen über Emissionen stellen grundsätzlich keine Geschäftsgeheimnisse im Sinne von Art. 7 Abs. 1 lit. g BGÖ bzw. Art. 4 Abs. 4 lit. d Aarhus-Konvention dar (E. 3.1). Die Güterabwägung nach Art. 19 Abs. 1 bis lit. b DSG zwischen dem öffentlichen Zugangsinteresse und den - in erster Linie - privaten Interessen am Schutz von Personendaten kann in Umweltangelegenheiten in einem Spannungsverhältnis zum Ausnahmegrund von Art. 4 Abs. 4 lit. f Aarhus-Konvention stehen, zumal dieser einzig personenbezogene Daten von natürlichen, nicht aber von juristischen Personen - wie hier diejenigen des KKL - schützt. (E. 4.4-4.10). Regeste Art. 5 al. 1, art. 7 al. 1 et art. 9 LTrans; art. 4 al. 1 de la Convention d'Aarhus; art. 10g LPE; art. 19 al. 1 bis LPD; demande d'accès aux données d'émission (données EMI) de la cheminée de la centrale nucléaire de Leibstadt. Les données EMI de la centrale nucléaire de Leibstadt constituent un document officiel au sens de l'art. 5 LTrans (consid. 2): la suppression de ces données dans des circonstances normales par l'Inspection fédérale de la sécurité nucléaire (IFSN) ne fait pas tomber la condition de la détention selon l'art. 5 al. 1 let. b LTrans (consid. 2.4). Les informations sur des émissions ne représentent pas en principe des secrets d'affaires au sens de l'art. 7 al. 1 let. g LTrans, respectivement de l'art. 4 al. 4 let. d de la Convention d'Aarhus (consid. 3.1). La pesée des intérêts selon l'art. 19 al. 1 bis let. b LPD entre l'intérêt public à l'accès aux documents et - principalement - les intérêts privés à la protection des données personnelles peut en matière d'environnement se trouver dans un rapport de tension avec l'exception de l'art. 4 al. 4 let. f de la Convention d'Aarhus car celui-ci protège uniquement les données personnelles des personnes physiques et non pas celles des personnes morales, comme in casu la centrale nucléaire de Leibstadt (consid. 4.4-4.10). Regesto Art. 5 cpv. 1, art. 7 cpv. 1 e art. 9 LTras; art. 4 cpv. 1 della Convenzione di Aarhus; art. 10g LPAmb; art. 19 cpv. 1 bis LPD; richiesta di accesso ai dati dell'aria emessa (cd. dati EMI) dal camino della centrale nucleare di Leibstadt (KKL). I dati EMI della KKL costituiscono un documento ufficiale ai sensi dell'art. 5 LTras (consid. 2): la cancellazione in situazioni normali di questi dati da parte dell'Ispettorato federale della sicurezza nucleare (IFSN) non fa decadere l'esigenza del possesso secondo l'art. 5 cpv. 1 lett. b LTras (consid. 2.4). Le informazioni sulle emissioni non rappresentano di principio alcun segreto d'affari ai sensi dell'art. 7 cpv. 1 lett. g LTras risp. dell'art. 4 cpv. 4 lett. d della Convenzione di Aarus (consid. 3.1). La ponderazione degli interessi secondo l'art. 19 cpv. 1 bis lett. b LPD tra l'interesse pubblico all'accesso e quelli - in prima linea - privati alla protezione di dati personali nell'ambito di questioni inerenti alla protezione dell'ambiente può trovarsi in un rapporto conflittuale con il motivo di esclusione dell'art. 4 cpv. 4 lett. f della Convenzione Aarhus, tanto più ch'eso tutela soltanto dati personali di persone fisiche e non giuridiche, quale è in concreto la KKL (consid. 4.4-4.10).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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