Abstrakte Normenkontrolle bernisches Sozialhilfegesetz: Datenschutz, Nothilfe und Familienleben gewahrt (Art. 12, 13 BV; Art. 8 EMRK)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 138 I 331 · ATF 138 I 331 · DTF 138 I 331
- Datum
- 04.09.2012
- Geschäftsnummer
- BGE 138 I 331
- Abteilung
- CH_BGE_001
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Art. 12 BV Art. 13 BV Art. 36 BV Art. 13 DSG Art. 19 DSG Art. 8 EMRK Art. 328b OR Art. 362 OR Art. 8 SHG/BE Art. 8b SHG/BE Art. 8c SHG/BE Art. 6 ZGB
Zusammenfassung
Die Demokratischen Juristinnen und Juristen Bern sowie weitere Organisationen und Einzelpersonen fechten Änderungen des kantonalbernischen Gesetzes über die öffentliche Sozialhilfe an, die am 1. Januar 2012 in Kraft traten. Die angefochtenen Bestimmungen betreffen das Entfallen des Sozialhilfegeheimnisses bei Ermächtigung oder Strafanzeige, die Einholung einer Generalvollmacht von Gesuchstellern sowie Auskunftspflichten privater Dritter wie Familienangehörige, Arbeitgeber und Vermieter. Die Beschwerdeführer rügen Verstösse gegen das Recht auf Nothilfe, den Datenschutz, den Schutz des Familienlebens sowie gegen zivilrechtliche Datenschutzbestimmungen des Bundesrechts.
Das Bundesgericht weist die Beschwerde ab und erklärt die angefochtenen Bestimmungen für verfassungs- und konventionskonform. Die Aufhebung des Sozialhilfegeheimnisses bei Einwilligung der betroffenen Person verstösst nicht gegen Art. 13 Abs. 2 BV, da auf Grundrechtsschutz bei nicht schwerwiegenden Eingriffen verzichtet werden kann. Auch die Ermächtigung durch die vorgesetzte Stelle ist als rein formelle Bestimmung analog Art. 58 Abs. 2 PG/BE zulässig und begründet keine materielle Geheimnisaufhebung.
Die Pflicht zur Erteilung einer Vollmacht bei Gesuchseinreichung verletzt weder Art. 12 BV noch Art. 13 BV. Sie stellt eine spezielle Mitwirkungspflicht dar, deren Verweigerung höchstens zu einer Leistungskürzung führen darf, ohne das Existenzminimum zu tangieren. Aus der Systematik des Gesetzes ergibt sich eine implizite Zweckbindung der Vollmacht auf für den Vollzug notwendige Informationen, was eine unzulässige Generalvollmacht ausschliesst. Der Eingriff ist unter Art. 36 Abs. 3 BV und Art. 8 Ziff. 2 EMRK verhältnismässig, da er erst als letzte Massnahme greift und die Qualität der Gesetzesanwender sowie die Möglichkeit der Akteneinsicht Missbrauch verhindern.
Die Auskunftspflichten privater Dritter sind ebenfalls verfassungskonform. Die dabei unvermeidbare Bekanntgabe des Sozialhilfebezugs gegenüber Dritten ist im öffentlichen Interesse liegend und verhältnismässig begrenzt. Eine Verletzung des Familienlebens gemäss Art. 13 Abs. 1 BV und Art. 8 EMRK liegt nicht vor, da die Auskunftspflicht nicht das Gewicht eines Zeugnisverweigerungsrechts erreicht und keine Sanktionen drohen, die familiäre Bindungen ernsthaft beeinträchtigen würden. Schliesslich steht kantonales öffentliches Recht im Bereich der Sozialhilfe nicht im Widerspruch zu Art. 328b und 330a OR, da die Kantone befugt sind, datenschutzrelevante Aspekte im Rahmen ihrer angestammten Kompetenz öffentlich-rechtlich zu regeln, solange ein schutzwürdiges öffentliches Interesse besteht.
Regeste
Art. 12, Art. 13 Abs. 1 und 2 BV; Art. 8 EMRK; abstrakte Normenkontrolle; Sozialhilferecht. Die am 1. Januar 2012 in Kraft getretenen Änderungen des kantonalbernischen Gesetzes über die öffentliche Sozialhilfe (SHG) betreffend Entfallen des Sozialhilfegeheimnisses bei Ermächtigung der betroffenen Person oder der vorgesetzten Stelle zur Auskunftserteilung und bei Anzeige einer Straftat (Art. 8 Abs. 2 lit. a-c SHG), betreffend Einholen einer Vollmacht von den betroffenen Personen (Art. 8b Abs. 3 SHG) sowie betreffend Auskunftspflichten privater Dritter (Art. 8c Abs. 1 lit. c-e SHG) sind verfassungs- und konventionskonform (E. 5-8). Regeste Art. 12, art. 13 al. 1 et 2 Cst.; art. 8 CEDH; contrôle abstrait des normes; aide sociale. Les modifications entrées en vigueur le 1 er janvier 2012 de la loi cantonale bernoise sur l'aide sociale (LASoc) sont conformes à la Constitution et à la Convention. Cela concerne en particulier: la disparition de l'obligation de garder le secret en matière d'aide sociale lorsque la personne concernée, ou le service auquel celle-ci est subordonnée, a donné son autorisation pour la transmission de renseignements, et lorsqu'un acte punissable est dénoncé (art. 8 al. 2 let. a-c LASoc); l'obtention d'une procuration auprès de la personne concernée (art. 8b al. 3 LASoc); ou encore l'obligation de renseigner de tiers privés (art. 8c al. 1 let. c-e LASoc) (consid. 5-8). Regesto Art. 12, art. 13 cpv. 1 e 2 Cost.; art. 8 CEDU; controllo astratto delle norme; assistenza sociale. Le modifiche della legge cantonale bernese sull'assistenza pubblica (SHG), entrate in vigore il 1° gennaio 2012 e concernenti la decadenza del segreto per gli assistenti sociali nel caso di consenso della persona interessata o del servizio superiore di rilasciare informazioni e nel caso di annuncio di un reato (art. 8 cpv. 2 lett. a-c SHG), la richiesta di una procura dalle persone interessate (art. 8b cpv. 3 SHG) nonché gli obblighi d'informare incombenti a terzi privati (art. 8c cpv. 1 lett. c-e SHG), sono conformi alla Costituzione e alla CEDU (consid. 5-8).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.