Teilnehmer an unbewilligter Kundgebung mit Sachbeschädigungen und Angriffen auf Polizei: Verwertung privater Videoaufnahmen zulässig, Landfriedensbruch als schwere Straftat qualifiziert (Art. 141 Abs. 2 StPO)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 147 IV 9 · ATF 147 IV 9 · DTF 147 IV 9
- Datum
- 01.09.2020
- Geschäftsnummer
- 6B_1468/2019
- Abteilung
- Strafrechtliche Abteilung
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Art. 3 DSG Art. 4 DSG Art. 12 DSG Art. 13 DSG Art. 141 StPO Art. 282 StPO Art. 28 ZGB
Zusammenfassung
Ein Beschwerdeführer hatte am 25. April 2015 an einer unbewilligten Kundgebung in Bern teilgenommen, bei der es zu Sachbeschädigungen, Angriffen auf Polizisten und konkreter Gefährdung von Passanten kam. Die Staatsanwaltschaft warf ihm Landfriedensbruch vor. Das Regionalgericht sprach ihn schuldig, verzichtete aber auf eine Bestrafung nach Art. 52 StGB. Das Obergericht bestätigte dieses Urteil. Der Beschwerdeführer rügte insbesondere die Verwertbarkeit von Videoaufnahmen, die von einer Hotelgesellschaft im öffentlichen Raum ohne Kennzeichnung der Kameras erstellt worden waren, sowie die Qualifikation des Landfriedensbruchs als schwerer Straftat im Sinne von Art. 141 Abs. 2 StPO.
Das Bundesgericht wies die Beschwerde ab. Es stellte fest, dass die Videoaufnahmen der Hotel E.________ AG rechtswidrig erhoben worden waren, weil die Kameras nicht gekennzeichnet waren und damit gegen Art. 12 Abs. 2 lit. a DSG i.V.m. Art. 4 Abs. 2 und Abs. 4 DSG verstießen. Dennoch seien sie verwertbar, weil sie von den Strafverfolgungsbehörden rechtmässig hätten erlangt werden können und eine Interessenabwägung für ihre Verwertung spreche. Der Landfriedensbruch sei als schwere Straftat im Sinne von Art. 141 Abs. 2 StPO einzustufen, weil die Demonstration vom 25. April 2015 durch Sachbeschädigungen, Angriffe auf Polizisten und konkrete Gefährdung von Passanten gekennzeichnet war und die friedensstörende Grundstimmung der gesamten Kundgebung, nicht nur das isolierte Verhalten des Beschwerdeführers, massgebend sei. Die Vorinstanz habe zutreffend festgestellt, dass vermummte Personen aus dem Demonstrationszug heraus Sachbeschädigungen begingen und sich danach wieder in den Schutz der Gruppe zurückzogen, was die Zurechenbarkeit der Gewalttätigkeiten an die gesamte Zusammenrottung belege. Das öffentliche Interesse an der Aufklärung dieser schweren Straftat überwiege das private Interesse des Beschwerdeführers an der Unverwertbarkeit der Videoaufnahmen, zumal er bewusst an einer unbewilligten Demonstration teilgenommen habe. Die Gerichtskosten von Fr. 3'000.-- wurden dem Beschwerdeführer auferlegt. Die Entscheidung klärt, dass bei der Beurteilung der Schwere einer Straftat im Sinne von Art. 141 Abs. 2 StPO nicht allein die abstrakte Strafandrohung, sondern die konkreten Umstände des Einzelfalls entscheidend sind.
Regeste
Art. 141 Abs. 2 StPO; Art. 260 Abs. 1 StGB; Verwertbarkeit rechtswidrig erlangter Videoaufnahmen bei Landfriedensbruch. Für die Frage, ob eine schwere Straftat im Sinne von Art. 141 Abs. 2 StPO vorliegt, ist nicht das abstrakt angedrohte Strafmass, sondern die Schwere der konkreten Tat entscheidend (E. 1.4.2). Das öffentliche Interesse an der Wahrheitsfindung und der Verwertbarkeit von Beweismitteln wiegt bezogen auf den Tatbestand des Landfriedensbruchs grundsätzlich schwer (E. 1.4.3). Für die Bewertung der Schwere dieser Tat ist nicht nur der individuelle Tatbeitrag der beschuldigten Person, sondern sind die gesamten Umstände mitsamt den durch die weiteren Teilnehmer begangenen Gewalttätigkeiten massgebend. Im Ergebnis verletzt die Vorinstanz kein Bundesrecht, indem sie den vorliegenden Landfriedensbruch als schwere Straftat nach Art. 141 Abs. 2 StPO qualifiziert und das öffentliche Interesse an der Aufklärung dieser Tat höher als dasjenige des Beschwerdeführers an der rechtskonformen Erhebung resp. Unverwertbarkeit der privaten Videoaufnahmen gewichtet (E. 1.4.4). Regeste Art. 141 al. 2 CPP; art. 260 al. 1 CP; exploitation d'enregistrements vidéo réalisés illégalement lors d'émeutes. Ce n'est pas à l'aune de la peine menace encourue mais à celle de la gravité du cas d'espèce qu'il faut déterminer si on a affaire à une infraction grave au sens de l'art. 141 al. 2 CPP (consid. 1.4.2). L'intérêt public à la recherche de la vérité et à l'exploitabilité des preuves est très important s'agissant de l'infraction d'émeute (consid. 1.4.3). Pour estimer la gravité des faits, il ne faut pas seulement prendre en considération les actes commis par le prévenu personnellement mais il faut tenir compte de l'infraction considérée dans son ensemble, y compris les violences commises par les autres participants. Par conséquent, l'instance cantonale n'a pas violé le droit fédéral en considérant qu'en l'espèce l'émeute constituait une infraction grave au sens de l'art. 141 al. 2 CPP et en admettant que l'intérêt public à ce que les faits soient élucidés était prépondérant par rapport à l'intérêt du recourant à une administration des preuves conforme à la loi, respectivement à l'inexploitabilité d'enregistrements vidéo privés (consid. 1.4.4). Regesto Art. 141 cpv. 2 CPP; art. 260 cpv. 1 CP; utilizzabilità di riprese video effettuate illegittimamente in caso di sommossa. Per determinare se il reato è grave ai sensi dell'art. 141 cpv. 2 CPP è decisiva la gravità del caso concreto e non l'entità della pena comminata in astratto (consid. 1.4.2). Con riferimento alla fattispecie di sommossa, in linea di principio l'interesse pubblico alla ricerca della verità e all'utilizzabilità delle prove ha un grande peso (consid. 1.4.3). Per valutare la gravità di tale reato, occorre prendere in considerazione non solo il contributo individuale dell'imputato, ma anche l'insieme delle circostanze, compresi gli atti di violenza commessi dagli altri partecipanti. L'autorità precedente non ha quindi violato il diritto federale, qualificando la sommossa in giudizio come grave reato giusta l'art. 141 cpv. 2 CPP e considerando l'interesse pubblico a far luce su questa infrazione superiore a quello del ricorrente a una raccolta legale delle prove, rispettivamente all'inutilizzabilità di riprese video di privati (consid. 1.4.4).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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