Römisch-katholische Diözese Chur und Generalvikar Grichting klagen gegen Subvention der katholischen Landeskirche Graubünden an Beratungsstelle adebar: Keine Verletzung der Glaubensfreiheit bei negativer Zweckbindung (Art. 15 BV)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 145 I 121 · ATF 145 I 121 · DTF 145 I 121
- Datum
- 17.12.2018
- Geschäftsnummer
- BGE 145 I 121
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Art. 82 BGG Art. 83 BGG Art. 89 BGG Art. 113 BGG Art. 115 BGG Art. 117 BGG Art. 15 BV Art. 50 BV Art. 9 EMRK Art. 13 EMRK
Zusammenfassung
Die Römisch-katholische Kirche, Diözese Chur, und ihr Generalvikar Dr. Martin Grichting erhoben Beschwerde gegen einen Beschluss des Corpus catholicum der Katholischen Landeskirche Graubünden, mit dem ein Beitrag von Fr. 15'000.- an den Verein "adebar" für Familienplanung, Sexualität und Partnerschaft bewilligt wurde. Die Beschwerdeführer machten geltend, die finanzielle Unterstützung widerspreche der Lehre der römisch-katholischen Kirche, insbesondere weil "adebar" auch in Fragen der Abtreibung berate, und verletze so ihre Glaubensfreiheit. Sie wandten sich sowohl gegen den Budgetentscheid als auch gegen die Subventionsgewährung und rügten zudem eine willkürliche Auslegung des landeskirchlichen Rechts.
Das Bundesgericht wies die Beschwerde ab, soweit darauf einzutreten ist. Der Streitgegenstand – ein Ausgabenbeschluss der Legislative der Landeskirche – ist ein anfechtbarer Hoheitsakt, da er keine gebundene Ausgabe darstellt und die Finanzverwaltungsverordnung keine konkrete Verpflichtung zur Förderung von "adebar" enthält. Die Beschwerde ist als Verfassungsbeschwerde zulässig, da der Entscheid des Verwaltungsgerichts Graubünden als letztinstanzlich gilt. Die Beschwerdeführerin 1 ist zwar rechts- und parteifähig und als juristische Person Grundrechtsträgerin, doch fehlt ihr die Legitimation, da sie nicht nach schweizerischem öffentlichem Recht konstituiert ist und sich nicht auf Art. 89 Abs. 2 lit. c BGG berufen kann; der Beschwerdeführer 2 hat als Mitglied des beschlussfassenden Organs keine besondere Betroffenheit, die seine Legitimation begründen würde. Die Glaubensfreiheit nach Art. 15 BV und Art. 9 EMRK schützt nicht vor Konfrontation mit anderen weltanschaulichen Positionen und gewährt keinen Anspruch darauf, dass der Staat oder eine staatlich anerkannte Landeskirche Handlungen unterlässt, die mit eigenen religiösen Überzeugungen unvereinbar sind. Die Beschwerdegegnerin hat den Beitrag ausdrücklich an die Bedingung geknüpft, dass er nicht für Beratung über Abtreibungsmethoden oder die "Pille danach" verwendet werden darf – damit ist das zentrale Anliegen der Beschwerdeführerin bereits erfüllt. Die Befürchtung eines Imageverlustes oder einer Identifikation der Landeskirche mit allen Tätigkeiten von "adebar" ist nicht geeignet, eine Beeinträchtigung der Religionsfreiheit darzustellen. Die Vorinstanzen haben zudem nicht willkürlich gehandelt, da die negative Zweckbindung sachgerecht und umsetzbar ist und die Landeskirche nach Art. 1 und Art. 2 ihrer Verfassung (LV) auch die Belange der katholischen Bevölkerung vertreten darf. Die Beschwerdeführer tragen die Gerichtskosten nach Art. 66 Abs. 1 BGG. Das Urteil klärt die Zulässigkeit von Verfassungsbeschwerden gegen landeskirchliche Budgetentscheide und präzisiert die Voraussetzungen für die Legitimation Dritter sowie den Schutzbereich der korporativen Religionsfreiheit im Verhältnis zwischen Landeskirche und Weltkirche.
Regeste
Die Glaubensfreiheit der Römisch-katholischen Landeskirche oder das Landeskirchenrecht sind durch den an Bedingungen gebundenen Beitrag der Katholischen Landeskirche Graubünden in der Höhe von Fr. 15'000.- an eine Beratungsstelle für Familienplanung, Sexualität, Schwangerschaft und Partnerschaft nicht verletzt. Zur Zulässigkeit der Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten bzw. der Verfassungsbeschwerde gegen einen Budgetentscheid des Parlaments einer Landeskirche, der zugleich eine Subvention zuspricht (E. 1.1 und 1.2). Erfordernis der Letztinstanzlichkeit (E. 1.3). Prüfung der Legitimation von Dritten, die sich gegen die Subvention wenden (E. 1.5). Die offizielle Lehre der römisch-katholischen Kirche lehnt die Abtreibung ab (E. 4). Offengelassen, ob die katholische Landeskirche nach kantonalem Recht verpflichtet ist, die Lehre der römisch-katholischen Kirche zu vertreten. Die Beitragsgewährung war nämlich an die Bedingung geknüpft, dass der Betrag namentlich nicht für die Beratung über Abtreibungsmethoden u.Ä. verwendet werden darf. Damit ist das Anliegen der Beschwerdeführerin erfüllt. Keine Verletzung ihrer Glaubensfreiheit (E. 5). Kosten (E. 6). Regeste La liberté de croyance de l'Eglise nationale catholique-romaine ou le droit des églises nationales ne sont pas violés par la condition posée à l'Eglise nationale catholique-romaine de verser un montant de 15'000 fr. à un service de consultation en planning familial, sexualité et couple. Recevabilité d'un recours en matière de droit public, respectivement d'un recours constitutionnel subsidiaire interjeté contre une décision budgétaire prise par le parlement d'une église nationale, qui accorde simultanément une subvention (consid. 1.1 et 1.2). Exigence d'une autorité de dernière instance (consid. 1.3). Examen de la légitimation de tiers s'opposant à la subvention (consid. 1.5). La doctrine officielle de l'Eglise catholique-romaine refuse l'avortement (consid. 4). La question de savoir si l'Eglise nationale catholique est obligée, selon le droit cantonal, de suivre la doctrine de l'Eglise catholique-romaine est laissée ouverte. L'octroi du montant était en effet lié à la condition que celui-ci ne soit pas utilisé pour notamment dispenser des conseils en matière de méthodes d'avortement. De ce fait, la demande de la recourante est satisfaite. Pas de violation de sa liberté de croyance (consid. 5). Frais (consid. 6). Regesto La libertà di credo della Chiesa cattolica romana dello Stato e il diritto delle chiese riconosciute dallo Stato non sono lesi dalla condizione imposta alla Chiesa cattolica romana dello Stato dei Grigioni di versare un contributo di fr. 15'000.- ad un centro di pianificazione familiare che eroga consulenze nel campo della salute sessuale e riproduttiva e delle relazioni di coppia. Ammissibilità del ricorso in materia di diritto pubblico rispettivamente del ricorso sussidiario in materia costituzionale esperito contro una decisione di bilancio presa dal parlamento di una chiesa dello Stato che nel contempo attribuisce una sovvenzione (consid. 1.1 e 1.2). Esigenza di un'autorità di ultima istanza (consid. 1.3). Esame della legittimazione di terzi che si oppongono alla sovvenzione (consid. 1.5). La dottrina ufficiale della Chiesa cattolica romana condanna l'aborto (consid. 4). Lasciata aperta la questione di sapere se la Chiesa cattolica dello Stato è obbligata, in base al diritto cantonale, a seguire la dottrina della Chiesa cattolica romana. La concessione della sovvenzione è infatti subordinata alla condizione che l'importo non venga utilizzato segnatamente per erogare consigli in materia di metodi abortivi. La richiesta della ricorrente è pertanto soddisfatta. La sua libertà di credo non è lesa (consid. 5). Spese (consid. 6).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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