Justizze.

Die Schweizer Rechtsdatenbank mit KI.

Justizze. Art. 74 BGG

Bundesgericht

Eigentümerin klagt gegen Nachbarn um Sicherung einer Holzpalisadenwand an der Grundstücksgrenze: Beschwerde wegen zu geringem Streitwert und fehlender Rechtsfrage von grundsätzlicher Bedeutung nicht zulässig (Art. 74 Abs. 2 lit. a BGG)

BGE / ATF / DTF
BGE 149 III 287 · ATF 149 III 287 · DTF 149 III 287
Datum
04.04.2023
Geschäftsnummer
BGE 149 III 287
Ausgang
Nichteintreten

Tragende Normen

Art. 74 BGG Art. 75 BGG Art. 113 BGG Art. 114 BGG Art. 115 BGG Art. 49 BV Art. 670 ZGB

Zusammenfassung

Die Beschwerdeführerin A. war mit einem Entscheid des Obergerichts des Kantons Bern unzufrieden, mit dem ihre Berufung gegen eine Verfügung des Regionalgerichts Berner Jura-Seeland abgewiesen worden war. Das Regionalgericht hatte sie verpflichtet, ihr Grundstück Nr. x entlang der Parzellengrenze zum Nachbargrundstück Nr. y mittels Böschung oder neuer Stützmauer zu sichern und provisorisch angebrachte Schaltafeln zu entfernen. Die Streitigkeit betraf die Eigentumsverhältnisse an einer Holzpalisadenwand, die vor 1988 auf oder an der Grenze errichtet worden war. A. erhob Beschwerde in Zivilsachen und subsidiär Verfassungsbeschwerde beim Bundesgericht und beantragte die kostenfällige Abweisung der Klage vom 8. Februar 2018. Sie machte geltend, es stelle sich eine Rechtsfrage von grundsätzlicher Bedeutung, da die kantonale Regelung Art. 79i EG ZGB im Widerspruch zum Bundesrecht stehe.

Das Bundesgericht weist die Beschwerde in Zivilsachen ab, soweit es darauf eintritt, weil sie nicht zulässig ist. Der Streitwert beträgt nur Fr. 25'000.– und liegt damit unter der gesetzlichen Grenze von Fr. 30'000.– gemäss Art. 74 Abs. 1 lit. b BGG. Eine Ausnahme nach Art. 74 Abs. 2 lit. a BGG, wonach trotz Unterschreitung der Streitwertgrenze eine Beschwerde zulässig sein kann, wenn eine Rechtsfrage von grundsätzlicher Bedeutung vorliegt, greift nicht, weil die Beschwerdeführerin die aufgeworfene Rechtsfrage gerade mit der Verletzung des Grundsatzes des Vorrangs des Bundesrechts (Art. 49 Abs. 1 BV) begründet. In diesem Fall bleibt nach ständiger Rechtsprechung kein Raum für die Annahme einer solchen Rechtsfrage, da das Bundesgericht bei der Prüfung der Verfassungsmässigkeit kantonaler Normen ohnehin mit freier Kognition entscheidet und somit die gleiche Kognition wie bei einer Beschwerde in Zivilsachen hätte. Die Beschwerdeführerin rügt ferner, Art. 79i EG ZGB verstoße gegen Art. 642 ZGB und andere bundesrechtliche Bestimmungen. Das Bundesgericht stellt klar, dass der Rechtsetzungsvorbehalt zugunsten der Kantone nach Art. 686 Abs. 2 ZGB auch im Verhältnis zur Miteigentumsvermutung gemäss Art. 670 ZGB gilt. Der Kanton Bern durfte daher die streitgegenständliche Regelung erlassen, ohne den Grundsatz der derogatorischen Kraft des Bundesrechts (Art. 49 BV) zu verletzen. Die Beschwerde in Zivilsachen ist deshalb nicht zulässig, und das Bundesgericht tritt nicht darauf ein. Die Zulässigkeit der subsidiären Verfassungsbeschwerde wird nicht geprüft, da die Beschwerde in Zivilsachen bereits nicht zulässig ist und das Bundesgericht nicht auf die Verfassungsbeschwerde eingeht. Die Kostenentscheidung erfolgt nicht, da das Bundesgericht nicht in die Sache eintreten muss.

Regeste

a Art. 74 Abs. 2 lit. a BGG; Art. 49 Abs. 1 BV; Beschwerde in Zivilsachen; Rechtsfrage von grundsätzlicher Bedeutung; Grundsatz des Vorrangs des Bundesrechts. Trotz Unterschreitens der gesetzlichen Streitwertgrenze verbleibt kein Raum für die Annahme einer Rechtsfrage von grundsätzlicher Bedeutung, wenn die Beschwerde mit Bezug auf die aufgeworfene Rechtsfrage mit der Verletzung des Grundsatzes des Vorrangs des Bundesrechts begründet wird (E. 1.2). Regeste b Art. 670 und Art. 686 Abs. 2 ZGB; Miteigentumsvermutung bei Vorrichtungen auf der Grundstücksgrenze; Rechtsetzungsvorbehalt zugunsten der Kantone. Der Rechtsetzungsvorbehalt zugunsten der Kantone nach Art. 686 Abs. 2 ZGB für das Aufstellen weiterer Bauvorschriften gilt auch im Verhältnis zur Miteigentumsvermutung gemäss Art. 670 ZGB (E. 3.5). Regeste a Art. 74 al. 2 let. a LTF; art. 49 al. 1 Cst.; recours en matière civile; question juridique de principe; principe de la primauté du droit fédéral. Même lorsque la valeur litigieuse légale n'est pas atteinte, on ne saurait admettre l'existence d'une question juridique de principe lorsque le recours est fondé, s'agissant de la question juridique litigieuse, sur la violation du principe de la primauté du droit fédéral (consid. 1.2). Regeste b Art. 670 et art. 686 al. 2 CC; présomption de copropriété s'agissant des clôtures situées sur la limite entre deux immeubles; réserve de compétence législative en faveur des cantons. La compétence de légiférer réservée aux cantons selon l'art. 686 al. 2 CC pour établir d'autres règles pour les constructions vaut également s'agissant de la présomption de copropriété de l'art. 670 CC (consid. 3.5). Regesto a Art. 74 cpv. 2 lett. a LTF; art. 49 cpv. 1 Cost.; ricorso in materia civile; questione di diritto di importanza fondamentale; principio della preminenza del diritto federale. Nonostante il valore di lite minimo legale non sia raggiunto, non vi è spazio per ammettere l'esistenza di una questione di diritto di importanza fondamentale quando il ricorso è basato, per quanto concerne la questione giuridica sollevata, sulla violazione del principio della preminenza del diritto federale (consid. 1.2). Regesto b Art. 670 e art. 686 cpv. 2 CC; presunzione di comproprietà in caso di opere divisorie situate in confine tra due fondi; riserva legislativa in favore dei Cantoni. La riserva legislativa in favore dei Cantoni prevista dall'art. 686 cpv. 2 CC per l'emanazione di ulteriori norme edilizie vale anche con riferimento alla presunzione di comproprietà secondo l'art. 670 CC (consid. 3.5).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.

Verwandte Entscheide