Assistenzbeitrag: Erhöhung auf 120 Std. wegen vier Hilflosigkeitsbereichen, aber Kürzung durch Werkstattaufenthalt (Art. 42sexies IVG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 140 V 543 · ATF 140 V 543 · DTF 140 V 543
- Datum
- 17.10.2014
- Geschäftsnummer
- 9C_648/2013
- Abteilung
- II. sozialrechtliche Abteilung
- Ausgang
- Teilweise gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 9 ATSG Art. 61 ATSG Art. 112 BGG Art. 8 BV Art. 9 BV Art. 29 BV Art. 5 EMRK Art. 6 EMRK Art. 8 EMRK Art. 14 EMRK Art. 1 IFEG Art. 3 IFEG Art. 5 IFEG Art. 42quater IVG Art. 42quinquies IVG Art. 42sexies IVG Art. 57 IVG Art. 37 IVV Art. 38 IVV Art. 39e IVV Art. 39f IVV Art. 69 IVV Art. 25a KVG
Zusammenfassung
Der 1983 geborene Beschwerdeführer leidet nach einem Unfall im Jahr 1991 an einem schweren Schädel-Hirntrauma und bezieht seit 2004 eine ganze Invalidenrente sowie eine Entschädigung für mittlere Hilflosigkeit. Nach dem Bezug einer eigenen Wohnung im September 2012 sprach ihm die IV-Stelle einen monatlichen Assistenzbeitrag von Fr. 302.60 zu. Der Beschwerdeführer focht diesen Betrag an und verlangte eine höhere Leistung sowie eine separate Abklärung des Assistenzbedarfs unter Beizug eines externen Gutachters. Im Zentrum des Streits stand die korrekte Berechnung des anrechenbaren Zeitaufwands mittels des standardisierten Instruments FAKT2, die Frage, ob der Aufenthalt in einer geschützten Werkstatt als institutioneller Aufenthalt gilt, und die methodische Abgrenzung zwischen Hilflosenentschädigung und Assistenzbeitrag.
Das Bundesgericht heisst die Beschwerde teilweise gut und erhöht den Assistenzbeitrag. Es stellt fest, dass der Beschwerdeführer in vier Bereichen alltäglicher Lebensverrichtungen hilflos ist, was gemäss Art. 39e Abs. 2 lit. a Ziff. 2 IVV einen monatlichen Höchstansatz von 120 Stunden rechtfertigt, statt der von der Vorinstanz angenommenen 90 Stunden. Diese Korrektur ergibt sich aus dem Widerspruch zwischen dem Abklärungsbericht zur Hilflosigkeit (der nur drei Bereiche anerkannte) und dem Bericht zum Assistenzbeitrag (FAKT2), welcher massive Unterstützung bei gesellschaftlichen Kontakten und Mobilität auswies.
In anderen Punkten bleibt die Beschwerde erfolglos. Das Gericht bestätigt, dass die Werkstätte, in der der Beschwerdeführer arbeitet, als teilstationäre Institution im Sinne von Art. 42sexies Abs. 2 IVG und Art. 3 IFEG zu qualifizieren ist. Daher ist der anrechenbare Zeitbedarf um 10 Prozent pro Tag/Nacht Aufenthalt zu kürzen, was den Höchstansatz effektiv auf 60 Stunden senkt. Die Rüge, dies führe zu einem doppelten Abzug, wird verworfen, da es sich um verschiedene Vergleichsgrössen handelt.
Weiter hält das Gericht fest, dass die Methode, wonach die Zeit für die Hilflosenentschädigung (hier 35,69 Stunden) vom reduzierten Höchstansatz (60 Stunden) und nicht vom Gesamtbedarf abgezogen wird, gesetzeskonform ist. Dies dient der Gleichbehandlung und der Kostenkontrolle gemäss Art. 42sexies Abs. 4 IVG. Auch das standardisierte Abklärungsinstrument FAKT2 wird als geeignet erachtet; individuelle Abweichungen oder Noven (wie neue Stellungnahmen der Mutter) sind unzulässig bzw. nicht substanziiert dargelegt. Die Pauschale von Fr. 32.50/32.80 pro Stunde ist nicht willkürlich.
Im Ergebnis beträgt der monatliche Hilfebedarf 24,31 Stunden. Bei Anwendung der Pauschalen ergibt sich ein Assistenzbeitrag von monatlich Fr. 790.10 (bis Ende 2012) resp. Fr. 797.35 (ab 2013). Die Gerichtskosten werden anteilig verteilt, wobei der Beschwerdeführer eine reduzierte Parteientschädigung erhält.
Regeste
Art. 42 sexies IVG; Art. 39e und 39f IVV; Assistenzbeitrag. Das standardisierte Abklärungsinstrument FAKT2 ist grundsätzlich geeignet, den gesamten Hilfebedarf einer versicherten Person zu ermitteln (E. 3.2.2). Die Höhe des Pauschalansatzes für den Assistenzbeitrag von Fr. 32.50 resp. 32.80 pro Stunde gemäss Art. 39f Abs. 1 IVV ist gesetzeskonform (E. 3.3). Im Verfahren betreffend den Assistenzbeitrag kann eine neue Abklärung von Aspekten der Hilflosigkeit namentlich dann angezeigt sein, wenn sie zwar nicht für den Schweregrad der Hilflosigkeit und den entsprechenden Entschädigungsanspruch, jedoch für den Anspruch auf Assistenzbeitrag bedeutsam sind (E. 3.4.4). Was unter einer Institution im Sinne von Art. 42 sexies Abs. 2 IVG und Art. 39e Abs. 4 IVV zu verstehen ist, ergibt sich in erster Linie aus Art. 3 IFEG. Die in Art. 39e Abs. 4 IVV vorgesehene pauschale Kürzung des Höchstansatzes entsprechend dem regelmässigen Aufenthalt in einer solchen Institution ist gesetzmässig (E. 3.5). Die Höchstansätze von Art. 39e IVV beinhalten die durch die Hilflosenentschädigung und allfällige Beiträge für Dienstleistungen Dritter oder an Grundpflege nach Art. 25a KVG zu deckende Zeit (E. 3.6.3). Regeste Art. 42 sexies LAI; art. 39e et 39f RAI; contribution d'assistance. L'instrument d'enquête standardisé FAKT2 est propre en principe à établir tous les besoins d'aide de la personne assurée (consid. 3.2.2). Le montant forfaitaire de la contribution d'assistance de 32 fr. 50, respectivement 32 fr. 80 par heure au sens de l'art. 39f al. 1 RAI est conforme à la loi (consid. 3.3). Dans la procédure en matière de contribution d'assistance, un nouvel examen de certains aspects de l'impotence peut notamment être nécessaire s'ils s'avèrent importants, non pas pour fixer le degré de l'impotence et le montant de l'allocation correspondante, mais pour déterminer le droit à une contribution d'assistance (consid. 3.4.4). Ce qu'il y a lieu d'entendre par établissement au sens des art. 42 sexies al. 2 LAI et 39e al. 4 RAI résulte en première ligne de l'art. 3 LIPPI. La réduction forfaitaire prévue à l'art. 39e al. 4 RAI du nombre maximal d'heures à prendre en compte en fonction du temps passé dans un tel établissement est conforme à la loi (consid. 3.5). Les nombres d'heures maximaux de l'art. 39e RAI incluent le temps couvert par l'allocation pour impotent, par les éventuelles prestations de tiers et par les éventuelles contributions aux soins de base de l'art. 25a LAMal (consid. 3.6.3). Regesto Art. 42 sexies LAI; art. 39e e 39f OAI; contributo per l'assistenza. Lo strumento di indagine standardizzato FAKT2 è generalmente atto a quantificare il bisogno complessivo di assistenza di una persona (consid. 3.2.2). L'importo forfettario del contributo per l'assistenza di fr. 32.50 o 32.80 all'ora a norma dell'art. 39f cpv. 1 OAI è conforme alla legge (consid. 3.3). Nella procedura riguardante il contributo per l'assistenza una nuova indagine per chiarire gli aspetti della grande invalidità può segnatamente essere giustificata, non tanto per determinare il grado della grande invalidità e il conseguente contributo, bensì piuttosto per verificare il diritto al contributo per l'assistenza (consid. 3.4.4). Che cosa si intenda per stabilimento secondo gli art. 42 sexies cpv. 2 LAI e 39e cpv. 4 OAI, risulta in primo luogo dall'art. 3 LIPIn. La riduzione lineare del limite massimo di ore corrispondente alla degenza in un tale stabilimento prevista all'art. 39e cpv. 4 OAI è conforme alla legge (consid. 3.5). I limiti massimi di ore previsti dall'art. 39e OAI comprendono il tempo che sarebbe da coprire dalla grande invalidità e da eventuali contribuiti per prestazioni di terzi o per le cure di base a norma dell'art. 25a LAMal (consid. 3.6.3).
Originalentscheid beim Gericht ↗
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