Entsiegelung von Anwaltsakten: Gebühr im Zwischenverfahren aufgehoben, Entsiegelung sonst bestätigt (Art. 248 StPO)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 138 IV 225 · ATF 138 IV 225 · DTF 138 IV 225
- Datum
- 10.10.2012
- Geschäftsnummer
- 1B_397/2012
- Abteilung
- Beschwerdekammer des Bundesstrafgerichts
- Ausgang
- Teilweise gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 171 StPO Art. 197 StPO Art. 248 StPO Art. 263 StPO Art. 264 StPO Art. 421 StPO Art. 423 StPO Art. 426 StPO Art. 428 StPO
Zusammenfassung
In einer Strafuntersuchung wegen Veruntreuung und Geldwäscherei gegen eine Beschuldigte ordnete das Zwangsmassnahmengericht die Entsiegelung umfangreicher Aktenbestände an, darunter Korrespondenzen mit mehreren Anwälten. Die Beschuldigte focht diesen Entscheid sowie die prozessleitende Verfügung beim Bundesgericht an. Sie rügte insbesondere das Fehlen eines hinreichenden Tatverdachts, die Verletzung des Anwaltsgeheimnisses durch die Freigabe von Dokumenten ihrer Verteidiger und Kollegen sowie die Auferlegung einer hohen Entscheidgebühr für das Entsiegelungsverfahren.
Das Bundesgericht hiess die Beschwerde teilweise gut, indem es die erstinstanzliche Entscheidgebühr aufhob, wies sie jedoch im Übrigen ab. Die Aufhebung der Gebühr von Fr. 10'000.-- begründete das Gericht damit, dass das Entsiegelungsverfahren ein selbstständiges Zwangsmassnahmenverfahren darstellt, für welches die Kostenregelungen des Hauptverfahrens (Art. 426 StPO) noch nicht gelten. Da keine gesetzliche Grundlage für die Kostentragung durch die beschuldigte Person in diesem Stadium bestehe, habe der Kanton die Kosten gemäss Art. 423 Abs. 1 StPO zu tragen.
Im materiellen Punkt bestätigte das Gericht den hinreichenden Tatverdacht (Art. 197 Abs. 1 lit. b StPO). Dieser stütze sich auf konkrete Verdachtsmomente wie unklare Barzahlungen über Fr. 4 Mio. beim Verkauf einer Villa in St. Moritz, die Übertragung von Eigentum an Kinder zur Verschleierung sowie die Einzahlung auf neu eröffnete Konten. Diese Umstände rechtfertigten die Zwangsmassnahme auch unter dem Aspekt der Verhältnismässigkeit (Art. 197 Abs. 2 StPO).
Bezüglich des Anwaltsgeheimnisses (Art. 264 Abs. 1 lit. c StPO i.V.m. Art. 171 Abs. 1 StPO) entschied das Gericht, dass Unterlagen von Anwälten, die selbst Mitbeschuldigte sind oder deren Tätigkeit Gegenstand der Untersuchung ist, nicht privilegiert sind. Dies gelte auch für substituierte Büropartner oder ausländische Korrespondenzanwälte, wenn diese im Auftrag des mitbeschuldigten Mandatsträgers handelten. Die pauschale Behauptung fehlender Deliktskonnexität wurde verworfen, da die Beschwerdeführin keine konkreten Gründe für die Irrelevanz der einzelnen Dokumente darlegte und Stichproben die Relevanz bestätigten.
Regeste
a Art. 171 Abs. 1, Art. 197 Abs. 1 lit. c und d sowie Abs. 2, Art. 248 Abs. 1, Art. 264 Abs. 1 lit. a und c StPO; Berufsgeheimnis, Entsiegelung von Anwaltsakten. Ein in der Sache selbst mitbeschuldigter Anwalt kann untersuchungsrelevante Beweisunterlagen aus dem Mandatsverhältnis nicht dem Zugriff der Strafverfolgungsbehörde entziehen, indem er Büropartner oder ausländische Korrespondenzanwälte mit dem Fall substituiert (E. 6). Anforderungen an die Darlegung (und Bestreitung) der sachlichen Konnexität zwischen den entsiegelten Aufzeichnungen und dem Gegenstand der Strafuntersuchung (E. 7). Regeste b Art. 416, Art. 421 Abs. 2 lit. a, Art. 423 Abs. 1, Art. 426 Abs. 1 und 2, Art. 428 StPO; Kostenauflage an die beschuldigte Person. Eine Auferlegung von Verfahrenskosten an die im Entsiegelungsverfahren vor dem Zwangsmassnahmengericht unterliegende beschuldigte Person kommt erst nach Abschluss der Strafuntersuchung (nach Massgabe von Art. 426 StPO) in Frage. Bis dahin hat (gemäss Art. 423 Abs. 1 StPO) der Kanton die angefallenen Verfahrenskosten zu tragen (E. 8). Regeste a Art. 171 al. 1, art. 197 al. 1 let. c et d et al. 2, art. 248 al. 1, art. 264 al. 1 let. a et c CPP; secret professionnel, levée des scellés sur des documents d'un avocat. L'avocat qui est lui-même co-inculpé ne peut s'opposer à la saisie, par l'autorité de poursuite pénale, de moyens de preuve pertinents relatifs au rapport de mandat, en se faisant remplacer dans l'affaire par un collègue d'étude ou des avocats correspondants étrangers (consid. 6). Exigences quant à la présentation (et à la contestation) du lien de connexité matérielle entre les documents dont les scellés sont levés et l'objet de l'instruction pénale (consid. 7). Regeste b Art. 416, art. 421 al. 2 let. a, art. 423 al. 1, art. 426 al. 1 et 2, art. 428 CPP; mise des frais à la charge du prévenu. La mise des frais à la charge du prévenu qui succombe dans la procédure de levée des scellés devant le Tribunal des mesures de contrainte, ne peut intervenir (dans la mesure prévue à l'art. 426 CPP) qu'après la clôture de l'instruction. Jusque-là, il appartient au canton (selon l'art. 423 al. 1 CPP) de supporter les frais de procédure échus (consid. 8). Regesto a Art. 171 cpv. 1, art. 197 cpv. 1 lett. c e d nonché cpv. 2, art. 248 cpv. 1, art. 264 cpv. 1 lett. a e c CPP; segreto professionale, dissigillamento di documenti di un avvocato. Un avvocato lui stesso coaccusato non può sottrarsi al sequestro da parte dell'autorità del perseguimento penale di mezzi di prova rilevanti relativi al rapporto di mandato, facendosi sostituire nella causa da colleghi di studio o avvocati corrispondenti stranieri (consid. 6). Esigenze riguardo all'esposizione (e alla contestazione) della connessione materiale tra i documenti dissigillati e l'oggetto dell'istruzione penale (consid. 7). Regesto b Art. 416, art. 421 cpv. 2 lett. a, art. 423 cpv. 1, art. 426 cpv. 1 e 2 , art. 428 CPP; onere delle spese a carico dell'imputato. Un'imposizione delle spese procedurali a carico dell'imputato soccombente nella procedura di dissigillamento dinanzi al giudice dei provvedimenti coercitivi entra in considerazione (nella misura prevista dall'art. 426 CPP) soltanto dopo la chiusura dell'istruzione. Fino a quel momento spetta al Cantone (secondo l'art. 423 cpv. 1 CPP) sostenere le spese procedurali occorse (consid. 8).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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