Mord an Partnerin und versuchte Tötung des Säuglings: Schuldspruch bestätigt, Kostenentscheid wegen Gehörsverletzung aufgehoben (Art. 112 StGB)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 141 IV 465 · ATF 141 IV 465 · DTF 141 IV 465
- Datum
- 05.11.2015
- Geschäftsnummer
- 6B_877/2014
- Abteilung
- Strafrechtliche Abteilung
- Ausgang
- Teilweise gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 29 BV Art. 32 BV Art. 12 StGB Art. 47 StGB Art. 49 StGB Art. 111 StGB Art. 112 StGB Art. 113 StGB Art. 369 StGB Art. 380 StGB Art. 9 StPO Art. 81 StPO Art. 135 StPO Art. 221 StPO Art. 422 StPO Art. 423 StPO Art. 424 StPO Art. 426 StPO
Zusammenfassung
Ein Mann wurde erstinstanzlich wegen vorsätzlicher Tötung und versuchter vorsätzlicher Tötung seines sechs Monate alten Sohnes zu einer Freiheitsstrafe von 15 Jahren verurteilt. Das Obergericht qualifizierte die Tat zum Nachteil seiner Lebenspartnerin als Mord und erhöhte die Strafe auf 18 Jahre. Der Verurteilte focht dieses Urteil vor Bundesgericht an und rügte unter anderem eine Verletzung des Anklageprinzips, willkürliche Sachverhaltsfeststellungen sowie die Höhe und Zusammensetzung der ihm auferlegten Untersuchungskosten von über 134'000 Franken.
Das Bundesgericht heisst die Beschwerde teilweise gut. Im Hauptpunkt bleibt der Schuldspruch wegen Mordes (Art. 112 StGB) und versuchter eventualvorsätzlicher Tötung (Art. 13, 111, 12 Abs. 2 Satz 2 StGB) bestehen. Die Qualifikation als Mord ist gerechtfertigt, da der Täter besonders skrupellos handelte: Er stach elfmal mit voller Kraft auf die fliehende, um Hilfe schreiende Mutter ein, die das gemeinsame Baby auf dem Arm trug. Diese Gefühlskälte und Grausamkeit liessen auch die Annahme eines privilegierten Totschlags (Art. 113 StGB) nicht zu, da die Tat weder durch eine ausweglose Konfliktsituation ausgelöst wurde noch ein entschuldbarer Affekt vorlag. Die versuchte Tötung des Kindes wurde bejaht, weil der Täter den Tod des Säuglings zumindest eventualvorsätzlich in Kauf nahm, indem er wahllos auf die Mutter einstach.
Die Strafzumessung von 18 Jahren wird nicht beanstandet. Die Vorinstanz durfte die Brutalität der Tat und die Gefühlskälte als schweres Verschulden werten. Auch wenn die Aspiration auf eine hypothetische lebenslange Strafe nach Art. 49 Abs. 1 StGB methodisch fragwürdig war, verletzte das Ergebnis kein Bundesrecht, da die Strafe aufgrund verminderter Schuldfähigkeit und Täterkomponenten zeitlich begrenzt blieb. Die Rüge, gelöschte Vorstrafen seien strafverschärfend berücksichtigt worden, wurde verworfen; die «kriminelle Energie» basierte auf der bekannten Alkoholproblematik des Täters.
Im Kostenpunkt wird das Urteil aufgehoben und die Sache zurückgewiesen. Die Vorinstanz verletzte das rechtliche Gehör (Art. 29 Abs. 2 BV), indem sie die hohen Untersuchungskosten ohne nähere Begründung auferlegte. Das Bundesgericht prüfte die Zulässigkeit einzelner Positionen nach Art. 422 ff. StPO. Es stellte fest, dass Kosten für Untersuchungshaft und Bewachung (Art. 221 Abs. 1 StPO) keine Auslagen im Sinne von Art. 422 Abs. 2 StPO sind, sondern nur nach Art. 380 Abs. 2 StGB als Strafvollzugskosten geltend gemacht werden können. Ebenso sind allgemeine Polizeikosten (z.B. Datensicherung, Ausrücktaxe) keine Auslagen, sondern Teil der Gebühren, deren Bemessung jedoch einer gesetzlichen Grundlage bedarf (Art. 424 StPO). Auch medizinische Behandlungskosten des Beschuldigten und Reinigungskosten des Tatorts wurden als nicht erstattungsfähige Verfahrenskosten qualifiziert. Da die Belege fehlten und interne Weisungen als Gebührengrundlage nicht genügten, muss die Vorinstanz die Kosten neu beurteilen.
Regeste
Art. 422, 423 Abs. 1, Art. 424 und 426 Abs. 1 und 3 lit. a StPO; Begriff der Verfahrenskosten; gesetzliche Regelung der Gebühren; interne Weisungen; Beleg von Auslagen. Begriff der Verfahrenskosten; Abgrenzung zwischen Gebühren und Auslagen (E. 9.5.1). Die Kosten der Untersuchungs- oder Sicherheitshaft sind keine Auslagen im Sinne von Art. 422 StPO. Sie dürfen der verurteilten Person nicht gestützt auf Art. 426 Abs. 1 StPO auferlegt werden. Kosten für die Bewachung zu Sicherungszwecken während eines Spitalaufenthalts sind den Kosten der Untersuchungshaft gleichzustellen (E. 9.5.2). Begriff der Kosten im Sinne von Art. 422 Abs. 2 lit. d StPO. Für Leistungen der Polizei, welche diese aufgrund ihrer Stellung als Strafbehörde in einem konkreten Strafverfahren zu erbringen hat, dürfen der verurteilten Person - abgesehen von allfälligen Auslagen für Material u.Ä. - keine Auslagen verrechnet werden (E. 9.5.3). Umgang mit Kosten für die medizinische bzw. ärztliche Behandlung der verurteilten Person (E. 9.5.4) sowie mit Kosten für die Reinigung des Tatorts (E. 9.5.5). Art und Bemessungsgrundlagen der Gebühren müssen gesetzlich geregelt sein. Soweit für die Begründung des pflichtgemässen Ermessens bei der Festsetzung der Gebühren auf interne Weisungen verwiesen wird, müssen diese der betroffenen Person zugänglich gemacht werden (E. 9.5.6). Pflicht der Staatsanwaltschaft, Auslagen zu belegen (E. 9.7). Regeste Art. 422, 423 al. 1, art. 424 et 426 al. 1 et 3 let. a CPP; notion de frais de procédure; régime légal des émoluments; instructions internes; justification des débours. Notion de frais de procédure; délimitation entre émoluments et débours (consid. 9.5.1). Les frais de détention provisoire et de détention pour des motifs de sûreté ne sont pas des débours au sens de l'art. 422 CPP. Ils ne peuvent pas être mis à la charge du prévenu sur la base de l'art. 426 al. 1 CPP. Les frais de surveillance pour des motifs de sûreté durant une hospitalisation doivent être traités comme des frais de détention provisoire (consid. 9.5.2). Notion de frais au sens de l'art. 422 al. 2 let. d CPP. S'agissant des prestations de la police, qu'elle doit réaliser en raison de sa fonction d'autorité de poursuite pénale dans une procédure pénale concrète, aucun débours - mis à part les éventuels débours pour le matériel et autre - ne peut être mis à la charge du prévenu (consid. 9.5.3). Sort des frais de traitement médical du prévenu (consid. 9.5.4) et des frais de nettoyage du lieu du crime (consid. 9.5.5). La manière de calculer et les principes de calcul des émoluments doivent être réglés dans la loi. Dans la mesure où il est renvoyé à des directives internes pour motiver, dans le cadre du pouvoir d'appréciation, la fixation des émoluments, ces directives doivent être accessibles au prévenu (consid. 9.5.6). Devoir du ministère public de justifier les débours (consid. 9.7). Regesto Art. 422, 423 cpv. 1, art. 424 e 426 cpv. 1 e 3 lett. a CPP; nozione di spese procedurali; regolamentazione legale degli emolumenti; direttive interne; giustificativi dei disborsi. Nozione di spese procedurali; delimitazione tra emolumenti e disborsi (consid. 9.5.1). I costi della carcerazione preventiva o della carcerazione di sicurezza non costituiscono dei disborsi giusta l'art. 422 CPP. Non possono essere posti a carico dell'imputato sulla base dell'art. 426 cpv. 1 CPP. I costi della sorveglianza a scopo di sicurezza durante una degenza ospedaliera devono essere equiparati ai costi della carcerazione preventiva (consid. 9.5.2). Nozione di costi ai sensi dell'art. 422 cpv. 2 lett. d CPP. Eccezion fatta per eventuali disborsi per il materiale e simili, a carico dell'imputato non può essere posto alcun disborso relativo a prestazioni fornite dalla polizia in quanto autorità penale nell'ambito di una procedura penale concreta (consid. 9.5.3). Sorte dei costi dei trattamenti medicamentosi rispettivamente medici dell'imputato (consid. 9.5.4) nonché dei costi della pulizia del luogo del reato (consid. 9.5.5). Il genere di emolumenti e la loro base di calcolo devono essere disciplinati dalla legge. Nella misura in cui si rinvia a delle direttive interne per giustificare il potere d'apprezzamento nel fissare gli emolumenti, queste devono essere rese accessibili all'interessato (consid. 9.5.6). Obbligo del pubblico ministero di documentare i disborsi (consid. 9.7).
Originalentscheid beim Gericht ↗
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