Beschwerdeführerin erhält Aufhebung des Zwischenentscheids wegen Verletzung des rechtlichen Gehörs bei Abweisung eines Gesuchs um vorsorgliche Massnahmen und willkürlicher Parteientschädigung (Art. 29 Abs. 2 BV, Art. 6 Ziff. 1 EMRK, Art. 58 Abs. 1 ZPO)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 151 III 227 · ATF 151 III 227 · DTF 151 III 227
- Datum
- 20.12.2024
- Geschäftsnummer
- 4A_418/2024
- Abteilung
- I. Zivilrechtliche Abteilung
- Ausgang
- Gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 93 BGG Art. 98 BGG Art. 106 BGG Art. 9 BV Art. 29 BV Art. 6 EMRK Art. 58 ZPO Art. 105 ZPO Art. 183 ZPO
Zusammenfassung
Die A.________ GmbH reichte beim Bundespatentgericht ein Gesuch um vorsorgliche Massnahmen gegen die B.________ AG ein, wobei sie eine superprovisorische Anordnung verlangte. Die B.________ AG hatte zuvor eine Schutzschrift hinterlegt. Das Bundespatentgericht wies das Gesuch ab und verurteilte die A.________ GmbH zur Zahlung einer Parteientschädigung von Fr. 25'000.-- an die B.________ AG, obwohl diese keinen entsprechenden Antrag gestellt hatte. Die A.________ GmbH legte Beschwerde beim Bundesgericht ein und rügte insbesondere die Verletzung ihres rechtlichen Gehörs sowie eine willkürliche Entscheidung. Streitig war, ob die Beschwerde zulässig ist und ob die Vorinstanz die Verfahrensgarantien beachtet hat.
Das Bundesgericht hebt das Urteil des Bundespatentgerichts vollumfänglich auf, weil die Vorinstanz sowohl den Gehörsanspruch der Beschwerdeführerin als auch die Dispositionsmaxime verletzt hat. Erstens verletzte das Bundespatentgericht den Gehörsanspruch nach Art. 29 Abs. 2 BV und Art. 6 Ziff. 1 EMRK, indem es das Gesuch um vorsorgliche Massnahmen ohne Durchführung eines zweistufigen Verfahrens definitiv abwies, obwohl die Beschwerdegegnerin zuvor eine Schutzschrift eingereicht hatte: Es stellte die Schutzschrift der Beschwerdeführerin erst zusammen mit dem Urteil vom 10. Juli 2024 zur Kenntnis, ohne ihr Gelegenheit zu geben, sich dazu zu äussern oder auf die Stellungnahme der Beschwerdegegnerin zu replizieren. Dies verstösst gegen Art. 253 ZPO, Art. 265 Abs. 1 und 2 ZPO sowie Art. 270 Abs. 1 und 2 ZPO, die ein kontradiktorisches Verfahren zur Wahrung des rechtlichen Gehörs gebieten. Zweitens verletzte die Vorinstanz die Dispositionsmaxime nach Art. 58 Abs. 1 ZPO i.V.m. Art. 105 ZPO und Art. 32 PatGG, indem sie der Beschwerdegegnerin ohne deren Antrag eine Parteientschädigung von Fr. 25'000.-- zusprach – eine Entscheidung, die nach Art. 105 Abs. 2 ZPO unstatthaft ist. Drittens ist die Beschwerde zulässig, weil der Zwischenentscheid des Bundespatentgerichts einen nicht wieder gutzumachenden Nachteil rechtlicher Natur im Sinne von Art. 93 Abs. 1 lit. a BGG bewirkt: Der Kollateralschaden in zahlreichen hängigen Verfahren vor ausländischen Gerichten, den die Beschwerdeführerin geltend machte und den die Beschwerdegegnerin nicht widerlegte, erfüllt diese Voraussetzung. Das Bundesgericht verurteilt die Beschwerdegegnerin zu den Gerichtskosten von Fr. 15'000.-- und zur Entschädigung der Beschwerdeführerin mit Fr. 17'000.-- für das bundesgerichtliche Verfahren nach Art. 66 Abs. 1 und Art. 68 Abs. 2 BGG. Diese Entscheidung präzisiert die Pflichten des Gerichts bei der Behandlung von Schutzschriften im summarischen Verfahren und stellt klar, dass eine Parteientschädigung nur bei ausdrücklichem Antrag zugesprochen werden darf.
Regeste
Art. 93 BGG; Art. 253, 265, 270 ZPO; Art. 29 Abs. 2 BV; Art. 58 ZPO; Verfahrensablauf bei einem superprovisorischen Massnahmebegehren und vorgängig eingereichter Schutzschrift; Gewährung des rechtlichen Gehörs. Festhalten an der ständigen Praxis, wonach bei Anfechtung von Zwischenentscheiden über vorsorgliche Massnahmen der Verlust einer Verfassungskontrolle nicht genügt, um einen nicht wieder gutzumachenden Nachteil im Sinne von Art. 93 Abs. 1 lit. a BGG zu begründen (E. 1.1-1.5.1). Reicht eine Partei eine Schutzschrift ein, verläuft ein allfällig angehobenes Verfahren um Anordnung superprovisorischer Massnahmen grundsätzlich zweistufig: In der ersten Stufe entscheidet das Gericht unter Berücksichtigung der Schutzschrift über das Superprovisorium. Wegen der Wahrung des Gehörsanspruchs darf die Schutzschrift allein keine Basis für eine sofortige Abweisung des gesamten Massnahmebegehrens bilden. Im Anschluss an den (impliziten) Entscheid über das Superprovisorium gewährt das Gericht den Parteien in der kontradiktorischen zweiten Stufe das rechtliche Gehör samt Replikrecht. Die zweite Stufe endet mit dem definitiven Entscheid über die vorsorgliche Massnahme. Einzig offensichtlich unzulässige oder offensichtlich unbegründete Massnahmebegehren dürfen bereits in der ersten Stufe durch Nichteintreten oder Abweisung definitiv erledigt werden (E. 4). Im Anwendungsbereich der ZPO setzt die Zusprechung einer Parteientschädigung einen entsprechenden Parteiantrag voraus (E. 6). Regeste Art. 93 LTF; art. 253, 265, 270 CPC; art. 29 al. 2 Cst.; art. 58 CPC; déroulement de la procédure lorsque des mesures superprovisionnelles sont requises et qu'un mémoire préventif a été déposé préalablement; respect du droit d'être entendu. En cas de recours contre une décision incidente sur mesures provisionnelles, la perte d'un contrôle constitutionnel ne suffit pas à fonder un préjudice irréparable au sens de l'art. 93 al. 1 let. a LTF (confirmation de la jurisprudence) (consid. 1.1-1.5.1). Si une partie dépose un mémoire préventif, une éventuelle procédure en vue d'obtenir des mesures superprovisionnelles se déroule en principe en deux temps: dans une première phase, le tribunal statue sur les mesures superprovisionnelles en prenant en compte le mémoire préventif. À cause de la garantie du droit d'être entendu, le mémoire préventif ne saurait à lui seul constituer une base pour le rejet immédiat de la requête de mesures superprovisionnelles et provisionnelles. À la suite de la décision (implicite) sur les mesures superprovisionnelles, le tribunal accorde aux parties, dans la seconde phase de nature contradictoire, le droit d'être entendu, y compris le droit de répliquer. La seconde phase se termine avec le prononcé définitif sur les mesures provisionnelles. Ce n'est que si les mesures requises sont manifestement irrecevables ou manifestement mal fondées que leur sort pourrait déjà être définitivement tranché dans la première phase, par une non-entrée en matière ou un rejet de la requête (consid. 4). Dans le champ d'application du CPC, l'allocation de dépens suppose une conclusion correspondante de l'ayant droit (consid. 6). Regesto Art. 93 LTF; art. 253, 265, 270 CPC; art. 29 cpv. 2 Cost.; art. 58 CPC; svolgimento della procedura nel caso di una domanda di provvedimenti superprovvisionali e di una memoria difensiva antecedente; rispetto del diritto di essere sentito. Conferma della prassi costante secondo cui in caso di impugnazione di decisioni incidentali concernenti provvedimenti cautelari la perdita di un controllo costituzionale non basta per creare un pregiudizio irreparabile nel senso dell'art. 93 cpv. 1 lett. a LTF (consid. 1.1-1.5.1). Se una parte produce una memoria difensiva, un'eventuale procedura avviata per ottenere la pronuncia di provvedimenti superprovvisionali si svolge in linea di principio in due fasi: nella prima fase il tribunale decide la domanda di provvedimenti superprovvisionali, considerando la memoria difensiva. A causa della garanzia del diritto di essere sentito la memoria difensiva non può costituire da sola la base per respingere immediatamente l'intera richiesta di provvedimenti cautelari. Dopo la decisione (implicita) sui provvedimenti superprovvisionali il tribunale concede alle parti, nella seconda fase di natura contraddittoria, il diritto di essere sentite, compreso il diritto di replica. La seconda fase termina con la decisione definitiva sui provvedimenti cautelari. Solo domande cautelari manifestamente inammissibili o manifestamente infondate possono già essere decise definitivamente nella prima fase mediante una decisione di non entrare nel merito o di reiezione della domanda (consid. 4). Nel campo di applicazione del CPC l'attribuzione di ripetibili presuppone una corrispondente richiesta (consid. 6).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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