Sozialhilfeempfänger muss Freizügigkeitskapital nicht vor AHV-Vorbezug beziehen: Rückforderung unwirksam bei drohender erneuter Bedürftigkeit (Art. 5 Abs. 2 BV, Art. 113 BV)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 150 V 161 · ATF 150 V 161 · DTF 150 V 161
- Datum
- 01.02.2024
- Geschäftsnummer
- BGE 150 V 161
- Abteilung
- CH_BGE_007
- Ausgang
- Gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 5 BV Art. 113 BV Art. 1 BVG Art. 4 FZG Art. 10 FZV Art. 92 SchKG
Zusammenfassung
Ein Sozialhilfeempfänger im Kanton Basel-Landschaft erhielt zwischen April 2019 und März 2022 wirtschaftliche Hilfe, obwohl er über ein nicht gemeldetes Freizügigkeitsguthaben von rund 105'000 Franken verfügte. Die Sozialhilfebehörde forderte die ausgerichteten Leistungen in Höhe von 77'671.80 Franken zurück, da der Empfänger das Kapital bereits mit Erreichen des 60. Altersjahres hätte beziehen können. Das Kantonsgericht bestätigte die Rückforderungspflicht unter Verweis auf das Subsidiaritätsprinzip. Der Beschwerdeführer rügte eine Verletzung des bundesrechtlichen Vorsorgeschutzes und des Verhältnismässigkeitsgrundsatzes, da ein Vorbezug im Alter von 60 Jahren ohne gleichzeitigen Anspruch auf Ergänzungsleistungen zu einem vollständigen Aufbrauchen des Kapitals vor dem ordentlichen Rentenalter geführt hätte.
Das Bundesgericht hiess die Beschwerde gut und hob die Rückforderung der Sozialhilfeleistungen auf. Es stellte fest, dass eine Verpflichtung zum frühestmöglichen Bezug des Freizügigkeitskapitals den bundesrechtlichen Vorsorgeschutz und den Verhältnismässigkeitsgrundsatz verletzt, wenn trotz des Vorbezugs ein erneuter Rückfall in die Sozialhilfe vor dem Zeitpunkt des AHV-Altersrentenvorbezugs droht.
Im konkreten Fall verfügte der heute 64-jährige Beschwerdeführer über ein Freizügigkeitsguthaben von rund 105'551.55 Franken (Stand Ende 2021), welches er erst fünf Jahre nach dem frühestmöglichen Bezugszeitpunkt (April 2019) tatsächlich bezog. Bei einem Vorbezug im Alter von 60 Jahren wäre das Guthaben nach Abzug der Steuern auf rund 100'000 Franken geschrumpft. Angesichts anerkannter Jahresausgaben von ca. 39'179 Franken gemäss Ergänzungsleistungsberechnung hätte dieses Kapital nicht bis zum Beginn des AHV-Rentenvorbezugs im Alter von 63 Jahren gereicht. Ein solcher Vorbezug hätte somit zu einer empfindlichen Schmälerung der Alterssicherung geführt und einen erneuten Sozialhilfebezug vor dem Rentenalter provoziert.
Entgegen der Auffassung der Vorinstanz wog der Vorsorgeschutz gemäss Art. 113 BV und Art. 1 Abs. 1 BVG in dieser Konstellation schwerer als das Subsidiaritätsprinzip. Anders als bei einem AHV-Vorbezug, dessen Kürzung durch Ergänzungsleistungen kompensiert wird, fehlte hier ein solcher Ausgleich; der Beschwerdeführer hätte seinen gesamten Lebensunterhalt zu 100% aus eigenen Mitteln bestreiten müssen. Die Vorinstanz hatte den Sachverhalt bezüglich der finanziellen Tragweite des Vorbezugs unvollständig festgestellt und damit willkürlich gehandelt. Da der Vorbezug im Alter von 60 Jahren unzumutbar war, bezog der Beschwerdeführer die Sozialhilfeleistungen von April 2019 bis März 2022 rechtmässig, weshalb keine Grundlage für eine Rückforderung nach § 13a Abs. 1 SHG bestand. Die Rügen betreffend Verletzung von Art. 5 Abs. 2 BV und Art. 113 BV waren begründet.
Regeste
Art. 5 Abs. 2, Art. 6, Art. 113 BV; Art. 1 Abs. 1 BVG; Art. 2-4 FZG; Art. 16 Abs. 1 FZV; Art. 92 Abs. 1 Ziff. 10 und Art. 93 SchKG; § 5 Abs. 1, § 6 Abs. 3, § 7 Abs. 1, § 11, § 13a Abs. 1 des Gesetzes des Kantons Basel-Landschaft vom 21. Juni 2001 über die Sozial- und die Jugendhilfe; § 17a Abs. 1 lit. a und c sowie § 18 der Sozialhilfeverordnung des Kantons Basel-Landschaft vom 25. September 2001; Subsidiaritätsprinzip und Vorsorgeschutz. Die Verpflichtung einer Sozialhilfe beziehenden Person zum frühestmöglichen Bezug des Freizügigkeitskapitals verletzt jedenfalls dann den bundesrechtlichen Vorsorgeschutz und den Verhältnismässigkeitsgrundsatz, wenn trotz des Vorbezugs ein erneuter Rückfall in die Sozialhilfe vor dem Zeitpunkt des Vorbezugs der AHV-Altersrente droht (E. 7.3.2, 7.3.3 und 7.4). Eine verfassungswidrige Ungleichbehandlung liegt nicht vor (E. 7.3.7). Regeste Art. 5 al. 2, art. 6, art. 113 Cst.; art. 1 al. 1 LPP; art. 2-4 LFLP; art. 16 al. 1 OLP; art. 92 al. 1 ch. 10 et art. 93 LP; § 5 al. 1, § 6 al. 3, § 7 al. 1, § 11, § 13a al. 1 de la loi du canton de Bâle-Campagne du 21 juin 2001 sur l'aide sociale et la protection de la jeunesse; § 17a al. 1 let. a et c ainsi que § 18 de l'ordonnance du canton de Bâle-Campagne du 25 septembre 2001 sur l'aide sociale; principe de subsidiarité et protection de la prévoyance professionnelle. L'obligation pour une personne bénéficiaire de l'aide sociale de retirer son capital de libre passage le plus tôt possible constitue en tout cas une violation du principe de la protection de la prévoyance - qui est de droit fédéral - ainsi que du principe de la proportionnalité lorsque, malgré le retrait anticipé, la personne risque de dépendre à nouveau de l'aide sociale avant le moment du versement de la rente de vieillesse AVS en cas de retraite anticipée (consid. 7.3.2, 7.3.3 et 7.4). Il n'y a pas d'inégalité de traitement contraire à la Constitution (consid. 7.3.7). Regesto Art. 5 cpv. 2, art. 6, art. 113 Cost.; art. 1 cpv. 1 LPP; art. 2-4 LFLP; art. 16 cpv. 1 OLP; art. 92 cpv. 1 n. 10 e art. 93 LEF; § 5 cpv. 1, § 6 cpv. 3, § 7 cpv. 1, § 11, § 13a cpv. 1 della legge del Cantone di Basilea Campagna del 21 giugno 2001 sull'assistenza sociale e l'aiuto alla gioventù; § 17a cpv. 1 lett. a e c nonché § 18 dell'ordinanza del Cantone di Basilea Campagna del 25 settembre 2001 sull'assistenza sociale; principio della sussidiarietà e protezione previdenziale. L'obbligo per un beneficiario dell'assistenza sociale di prelevare il più presto possibile il capitale di libero passaggio viola in ogni caso la protezione previdenziale del diritto federale e il principio di proporzionalità se, nonostante il prelievo anticipato, sussiste il rischio di dipendere nuovamente dall'assistenza sociale prima della riscossione anticipata della rendita di vecchiaia AVS (consid. 7.3.2, 7.3.3 e 7.4). Non vi è alcuna disparità di trattamento contraria alla Costituzione (consid. 7.3.7).
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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