Rückerstattung Sozialhilfe aus bezogenem Freizügigkeitsguthaben: Pfändbarkeit erst im Vollstreckungsverfahren beschränkt (Art. 93 SchKG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 148 V 114 · ATF 148 V 114 · DTF 148 V 114
- Datum
- 24.11.2021
- Geschäftsnummer
- BGE 148 V 114
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Art. 113 BV Art. 1 BVG Art. 13 BVG Art. 2 FZG Art. 4 FZG Art. 5 FZG Art. 9 FZG Art. 14 FZG Art. 20 FZG Art. 10 FZV Art. 16 FZV Art. 17 FZV Art. 20 SPG/AG Art. 20 SPV/AG Art. 92 SchKG Art. 93 SchKG
Zusammenfassung
Eine seit Februar 2011 wirtschaftliche Sozialhilfe beziehende Person liess sich 2019 ihr Freizügigkeitsguthaben in Höhe von über 132'000 Franken auszahlen, nachdem sie wegen gesundheitlicher Probleme ihre Stelle im Detailhandel aufgegeben hatte und die IV-Stelle ihr Rentenbegehren abgelehnt hatte. Die zuständige Gemeinde forderte daraufhin die Rückerstattung eines Teils der bezogenen Sozialhilfe in Höhe von rund 66'500 Franken aus dem ausgezahlten Guthaben. Dagegen wehrte sich die betroffene Person mit der Begründung, das Freizügigkeitsguthaben sei zweckgebundenes Vorsorgevermögen und dürfe nicht für die Sozialhilferückerstattung herangezogen werden. Das Verwaltungsgericht wies die Beschwerde ab, woraufhin die Sache ans Bundesgericht gelangte.
Das Bundesgericht weist die Beschwerde ab und bestätigt, dass bezogene Freizügigkeitsguthaben grundsätzlich zur Rückerstattung wirtschaftlicher Sozialhilfe verwendet werden dürfen. Gemäss § 20 Abs. 1 des aargauischen Gesetzes über die öffentliche Sozialhilfe und die soziale Prävention sowie § 20 Abs. 1 der entsprechenden Verordnung liegt eine Verbesserung der wirtschaftlichen Verhältnisse vor, wenn Vermögen vorhanden ist oder gebildet werden könnte. Da die Beschwerdeführerin ihr Freizügigkeitsguthaben gestützt auf Art. 16 Abs. 1 der Freizügigkeitsverordnung tatsächlich bezogen hat, steht es ihr frei darüber zu verfügen; der spezifische Vorsorgeschutz nach Art. 2 ff. und Art. 20 ff. FZG sowie Art. 10 ff. FZV greift nach erfolgtem Bezug nicht mehr.
Der Vorsorgeschutz wird jedoch durch die betreibungsrechtliche Regelung gewahrt. Ansprüche auf Vorsorgeleistungen sind zwar vor Eintritt der Fälligkeit gemäss Art. 92 Abs. 1 Ziff. 10 SchKG unpfändbar, doch unterliegen sie nach Fälligkeit und Bezug der beschränkten Pfändbarkeit gemäss Art. 93 Abs. 1 und 2 SchKG. Diese Beschränkung ist nicht bereits im verwaltungsrechtlichen Erkenntnisverfahren zu berücksichtigen, sondern erst im Rahmen der Zwangsvollstreckung durch das Betreibungsamt. Dort darf das Kapital nur bis zur Höhe einer hypothetischen Jahresrente gepfändet werden, wobei das betreibungsrechtliche Existenzminimum zu beachten ist. Eine Verletzung von Art. 113 BV oder Art. 49 BV liegt nicht vor, da diese Bestimmungen keinen individuellen Anspruch auf Erhalt des bezogenen Kapitals begründen und das kantonale Recht den Sinn des Bundesrechts nicht vereitelt.
Regeste
Art. 113 BV; § 20 Abs. 1 des Gesetzes des Kantons Aargau vom 6. März 2001 über die öffentliche Sozialhilfe und die soziale Prävention; § 20 Abs. 1 der Sozialhilfe- und Präventionsverordnung des Kantons Aargau vom 28. August 2002; Art. 16 Abs. 1 FZV; Art. 92 und Art. 93 Abs. 1 SchKG; Verwendung von Freizügigkeitsguthaben zwecks Rückerstattung wirtschaftlicher Sozialhilfe; Erhaltung des Vorsorgeschutzes. Pfändbarkeit von Freizügigkeitsleistungen (E. 7.2). Die gestützt auf Art. 16 Abs. 1 FZV bezogenen Freizügigkeitsguthaben können zur Rückerstattung wirtschaftlicher Sozialhilfe verwendet werden (E. 7.3.1). Dem Vorsorgeschutz wird mit einer beschränkten Pfändbarkeit im Rahmen von Art. 93 SchKG im Zuge der Vollstreckung - und nicht im Rahmen des Erkenntnisverfahrens auf Stufe Verwaltung bzw. Sachgericht - Rechnung getragen (E. 7.4). Regeste Art. 113 Cst.; § 20 al. 1 de la loi du canton d'Argovie du 6 mars 2001 sur l'aide sociale publique et la prévention sociale; § 20 al. 1 de l'ordonnance du canton d'Argovie du 28 août 2002 sur l'aide sociale et la prévention; art. 16 al. 1 OLP; art. 92 et art. 93 al. 1 LP; utilisation des avoirs de libre passage en vue de la restitution de l'aide sociale économique; maintien de la protection de la prévoyance. Saisissabilité des prestations de libre passage (consid. 7.2). Les avoirs de libre passage versés en vertu de l'art. 16 al. 1 OLP peuvent être utilisés pour restituer l'aide sociale économique (consid. 7.3.1). Il est tenu compte du but de protection de la prévoyance par le biais d'une saisissabilité relative dans le cadre de l'art. 93 LP lors de l'exécution forcée et non pas au stade de la procédure de restitution devant l'administration ou le juge (consid. 7.4). Regesto Art. 113 Cost.; § 20 cpv. 1 della legge del Canton Argovia del 6 marzo 2001 sull'aiuto sociale pubblico e la prevenzione sociale; § 20 cpv. 1 dell'ordinanza del Canton Argovia del 28 agosto 2002 sull'aiuto sociale e la prevenzione; art. 16 cpv. 1 OLP; art. 92 e art. 93 cpv. 1 LEF; uso della prestazione di libero passaggio per il rimborso di prestazioni sociali economiche; conservazione della protezione previdenziale. Pignorabilità di prestazioni di libero passaggio (consid. 7.2). Le prestazioni di libero passaggio versate a norma dell'art. 16 cpv. 1 OLP possono essere usate per il rimborso di prestazioni sociali economiche (consid. 7.3.1). Si tiene conto della protezione previdenziale con una pignorabilità limitata nel quadro dell'art. 93 LEF a livello dell'esecuzione forzata, ma non nella procedura di merito dinanzi all'autorità amministrativa o al giudice (consid. 7.4).
Originalentscheid beim Gericht ↗
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