Schuldner bestreitet Kosten für Abholungseinladung, A-Post-Zustellung und Wegentschädigung bei Pfändung: Teilweise Erfolg wegen fehlender gesetzlicher Grundlage (Art. 23 GebV SchKG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 150 III 223 · ATF 150 III 223 · DTF 150 III 223
- Datum
- 20.03.2024
- Geschäftsnummer
- 5A_502/2023
- Abteilung
- II. Zivilrechtliche Abteilung
- Ausgang
- Teilweise gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 42 BGG Art. 45 BGG Art. 75 BGG Art. 76 BGG Art. 29 BV Art. 1 GebV Art. 9 GebV Art. 10bis GebV Art. 13 GebV Art. 14 GebV Art. 15 GebV Art. 16 GebV Art. 20 GebV Art. 24 GebV Art. 16 SchKG Art. 17 SchKG Art. 34 SchKG Art. 64 SchKG Art. 68 SchKG Art. 72 SchKG Art. 89 SchKG Art. 90 SchKG Art. 91 SchKG Art. 112 SchKG Art. 114 SchKG Art. 115 SchKG Art. 149 SchKG Art. 28 ZGB
Zusammenfassung
Ein Schuldner erhob Beschwerde gegen die Kostenrechnung des Betreibungsamtes Zug, das in zwei Betreibungsverfahren Verlustscheine ausgestellt hatte. Er beanstandete insbesondere die Kosten für eine Abholungseinladung, die doppelte Zustellung der Pfändungsankündigungen (einschliesslich A-Post), die gesonderte Berechnung der Verlustschein-Kosten sowie die Wegentschädigung. Das Obergericht des Kantons Zug wies die Beschwerde ab. Der Schuldner legte daraufhin Beschwerde ans Bundesgericht, wo er auch ein Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege und Verbeiständung stellte. Streitig waren die gesetzliche Zulässigkeit einzelner Kostenposten sowie die Frage, ob das Obergericht das rechtliche Gehör verletzt habe.
Das Bundesgericht hob das Urteil des Obergerichts teilweise auf und ordnete eine Neuberechnung der Kosten an. Es stellte fest, dass die Abholungseinladung für den Zahlungsbefehl keine vorgeschriebene Amtshandlung ist und daher nicht kostenpflichtig sein darf (Art. 23 GebV SchKG). Ebenso sei die Zustellung der Pfändungsankündigungen per A-Post nicht vorgeschrieben (Art. 34 Abs. 1 SchKG), weshalb die dafür verrechneten Gebühren und Portoauslagen je Fr. 9.10 gestrichen werden müssen. Auch die Zustellung der Verlustscheine an den Schuldner per A-Post war unzulässig; die entsprechenden Auslagen von je Fr. 1.10 sind daher zu streichen. Hingegen bestätigte das Bundesgericht die gesonderte Vergütung für die Abschriften der Pfändungsurkunde an Gläubiger und Schuldner (Art. 24 GebV SchKG, Art. 9 Abs. 1 GebV SchKG). Die Frage der Wegentschädigung wurde an das Obergericht zurückverwiesen, weil dieses die Rüge zur Anwendung von Art. 15 GebV SchKG nicht gewürdigt hatte und damit das rechtliche Gehör verletzt hatte (Art. 29 Abs. 2 BV). Für den Gang des Schuldners zum Betreibungsamt sah das Bundesgericht keine gesetzliche Grundlage für eine Entschädigung (Art. 68 SchKG) und verwies auf die kantonale Zuständigkeit für soziale Sicherung (Art. 12 BV). Die Beschwerde war somit teilweise erfolgreich. Das Bundesgericht verzichtete auf die Erhebung von Gerichtskosten (Art. 66 Abs. 1 BGG) und wies das Gesuch um unentgeltliche Verbeiständung ab, da keine besonderen Voraussetzungen vorlagen (Art. 68 Abs. 1 BGG). Dieses Urteil klärt entscheidend, dass nur vorgeschriebene Amtshandlungen kostenpflichtig sind und dass die Praxis der doppelten Zustellung ohne gesetzliche Grundlage nicht zu Lasten des Schuldners gehen darf.
Regeste
Art. 1, Art. 2, Art. 9 Abs. 1 lit. a, Art. 10 bis , Art. 13 Abs. 1, Art. 14, Art. 15 Abs. 1, Art. 16 Abs. 1 und Abs. 3, Art. 20, Art. 24 GebV SchKG; Art. 16, Art. 34, Art. 72 Abs. 1, Art. 90, Art. 112, Art. 114, Art. 115 Abs. 1 SchKG; Kosten von Zahlungsbefehlen, Pfändungsankündigungen und Verlustscheinen. Allgemeines zu Gebühren und Entschädigungen gemäss GebV SchKG (E. 3.1). Kosten für die Zustellung von Zahlungsbefehlen (E. 3.2.1); Gebühr bei einem erfolglosen Zustellversuch (E. 3.2.2) und für eine Abholungseinladung. Art. 10 bis GebV SchKG stellt keine genügende gesetzliche Grundlage dar, um für die Einladung zur Abholung eines Zahlungsbefehls Kosten in Rechnung zu stellen (E. 3.2.3). Die Kosten für eine Pfändungsankündigung sind nicht in Art. 20 GebV SchKG geregelt (E. 3.3.1). Die Pfändungsankündigung ist nach Art. 34 SchKG zuzustellen. Die Zustellung mit A-Post ist nicht vorgesehen und kann nicht in Rechnung gestellt werden (E. 3.3.2). Pfändungsurkunde als Verlustschein (Art. 115 Abs. 1 SchKG). Art. 20 Abs. 1 GebV SchKG bezieht sich nur auf die Abfassung der Pfändungsurkunde für das Amt (Art. 112 SchKG) und nicht auf die Abschriften für den Schuldner und die Gläubiger (Art. 114 SchKG). Gebühren für diese Abschriften (Art. 24 GebV SchKG). Die Abschriften sind nach Art. 34 SchKG zuzustellen. Die Zustellung mit A-Post ist nicht vorgesehen und kann nicht in Rechnung gestellt werden (E. 3.4). Wegentschädigungen (Art. 14 und 15 GebV SchKG). Verletzung des rechtlichen Gehörs; Sachverhaltsfeststellung von Amtes wegen (Art. 20a Abs. 2 Ziff. 2 SchKG) und Pflicht der Aufsichtsbehörden, die Anwendung der GebV SchKG zu überwachen (Art. 2 GebV SchKG) (E. 3.5). Regeste Art. 1, art. 2, art. 9 al. 1 let. a, art. 10 bis , art. 13 al. 1, art. 14, art. 15 al. 1, art. 16 al. 1 et al. 3, art. 20, art. 24 OELP; art. 16, art. 34, art. 72 al. 1, art. 90, art. 112, art. 114, art. 115 al. 1 LP; frais des commandements de payer, des avis de saisie et des actes de défaut de biens. Généralités sur les émoluments et les indemnités selon l'OELP (consid. 3.1). Frais de notification des commandements de payer (consid. 3.2.1); émolument en cas de tentative infructueuse de notification (consid. 3.2.2) et pour une invitation à retirer l'envoi. L'art. 10 bis OELP ne constitue pas une base légale suffisante pour facturer des frais relatifs à l'invitation à retirer un commandement de payer (consid. 3.2.3). Les frais relatifs à un avis de saisie ne sont pas réglés à l'art. 20 OELP (consid. 3.3.1). L'avis de saisie doit être notifié conformément à l'art. 34 LP. La notification par courrier A n'est pas prévue et ne peut pas être facturée (consid. 3.3.2). Procès-verbal de saisie comme acte de défaut de biens (art. 115 al. 1 LP). L'art. 20 al. 1 OELP ne se réfère qu'à la rédaction du procès-verbal de saisie pour l'office (art. 112 LP) et non aux copies pour le débiteur et les créanciers (art. 114 LP). Émoluments pour ces copies (art. 24 OELP). Les copies doivent être notifiées conformément à l'art. 34 LP. La notification par courrier A n'est pas prévue et ne peut pas être facturée (consid. 3.4). Indemnités de déplacement (art. 14 et 15 OELP). Violation du droit d'être entendu; constatation des faits d'office (art. 20a al. 2 ch. 2 LP) et obligation des autorités de surveillance de veiller à l'application de l'OELP (art. 2 OELP) (consid. 3.5). Regesto Art. 1, art. 2, art. 9 cpv. 1 lett. a, art. 10 bis , art. 13 cpv. 1, art. 14, art. 15 cpv. 1, art. 16 cpv. 1 e cpv. 3, art. 20, art. 24 OTLEF; art. 16, art. 34, art. 72 cpv. 1, art. 90, art. 112, art. 114, art. 115 cpv. 1 LEF; spese per precetti esecutivi, avvisi di pignoramento e attestati di carenza di beni. Considerazioni generali su tasse e indennità secondo l'OTLEF (consid. 3.1). Spese per la notifica di precetti esecutivi (consid. 3.2.1); tassa in caso di tentativo infruttuoso di notifica (consid. 3.2.2) e per un invito a ritirare un precetto esecutivo. L'art. 10 bis OTLEF non costituisce una base legale sufficiente per fatturare le spese relative all'invito a ritirare un precetto esecutivo (consid. 3.2.3). Le spese per un avviso di pignoramento non sono regolamentate all'art. 20 OTLEF (consid. 3.3.1). L'avviso di pignoramento deve essere notificato conformemente all'art. 34 LEF. La notifica per posta A non è prevista e non può essere fatturata (consid. 3.3.2). Verbale di pignoramento valido come attestato di carenza di beni (art. 115 cpv. 1 LEF). L'art. 20 cpv. 1 OTLEF si riferisce soltanto alla stesura del verbale di pignoramento per l'ufficio (art. 112 LEF) e non alle copie per il debitore e i creditori (art. 114 LEF). Tasse per tali copie (art. 24 OTLEF). Le copie devono essere notificate conformemente all'art. 34 LEF. La notifica per posta A non è prevista e non può essere fatturata (consid. 3.4). Indennità di trasferta (art. 14 e 15 OTLEF). Violazione del diritto di essere sentito; accertamento dei fatti d'ufficio (art. 20a cpv. 2 n. 2 LEF) e obbligo delle autorità di vigilanza di sorvegliare l'applicazione dell'OTLEF (art. 2 OTLEF) (consid. 3.5).
Originalentscheid beim Gericht ↗
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