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Justizze. Art. 337 StPO

Bundesgericht

Beschuldigter legt Berufung gegen bedingte 12-Monats-Freiheitsstrafe ein: Staatsanwaltschaft darf auf persönliche Teilnahme an Berufungsverhandlung verzichten, da kein Antrag auf überjährige Freiheitsstrafe (Art. 337 Abs. 3 StPO)

BGE / ATF / DTF
BGE 148 IV 456 · ATF 148 IV 456 · DTF 148 IV 456
Datum
14.09.2022
Geschäftsnummer
BGE 148 IV 456
Ausgang
Abgewiesen

Tragende Normen

Art. 130 StPO Art. 337 StPO Art. 391 StPO Art. 405 StPO

Zusammenfassung

Der Beschwerdeführer A. war wegen qualifizierter grober Verletzung der Verkehrsregeln zu einer bedingten Freiheitsstrafe von zwölf Monaten verurteilt worden. Er legte Berufung ein, die vom Kantonsgericht bestätigt wurde. In der bundesgerichtlichen Beschwerde rügte A., die Staatsanwaltschaft habe an der Berufungsverhandlung persönlich teilnehmen müssen, weil ihm eine Freiheitsstrafe von zwölf Monaten drohe und damit ein Fall notwendiger Verteidigung vorliege. Er verlangte die Aufhebung des Urteils und entweder Freispruch oder eine mildere Verurteilung sowie die Feststellung einer Verletzung der Strafprozessordnung. Die Frage, ob die Staatsanwaltschaft verpflichtet war, persönlich an der Berufungsverhandlung teilzunehmen, stand im Zentrum des Rechtsstreits.

Das Bundesgericht wies die Beschwerde ab. Es stellte fest, dass die Staatsanwaltschaft im Berufungsverfahren weder Berufung noch Anschlussberufung erhoben hatte und daher nur dann zur persönlichen Teilnahme verpflichtet gewesen wäre, wenn sie im erstinstanzlichen Verfahren eine Freiheitsstrafe von mehr als einem Jahr beantragt hätte. Tatsächlich hatte sie aber lediglich eine bedingte Freiheitsstrafe von genau zwölf Monaten beantragt. Der klare Wortlaut von Art. 337 Abs. 3 StPO verlangt die persönliche Vertretung der Anklage nur bei einem Antrag auf eine Freiheitsstrafe „von mehr als einem Jahr“, also mindestens ein Jahr und ein Tag. Da im Berufungsverfahren nachweislich keine Freiheitsstrafe von über einem Jahr drohte – das Berufungsgericht war gemäss Art. 391 Abs. 2 StPO zudem daran gehindert, eine höhere Strafe zu verhängen – war es unter dem Aspekt des fairen Verfahrens nicht zu beanstanden, dass die Staatsanwaltschaft von der Teilnahme dispensiert wurde. Die Rüge des Beschwerdeführers, die auf eine angebliche Korrelation mit Art. 130 lit. b StPO gestützt war, erwies sich als unbegründet, denn auch bei Vorliegen eines Falls notwendiger Verteidigung ändert dies nichts an der fehlenden gesetzlichen Verpflichtung zur persönlichen Teilnahme, wenn keine überjährige Freiheitsstrafe im Spiel ist. Die Entscheidung klärt die Auslegung von Art. 337 Abs. 3 StPO und bestätigt die Rechtsprechung, dass die Staatsanwaltschaft bei einem Antrag auf genau zwölf Monate nicht persönlich erscheinen muss.

Regeste

Art. 337 Abs. 3 und Art. 405 Abs. 3 StPO; persönliches Erscheinen der Staatsanwaltschaft an der Berufungsverhandlung. Art. 405 Abs. 3 StPO schreibt für das mündliche Verfahren vor, dass die Verfahrensleitung die Staatsanwaltschaft in den in Art. 337 Abs. 3 und 4 StPO vorgesehenen Fällen (lit. a) oder wenn die Staatsanwaltschaft Berufung oder Anschlussberufung erklärt (lit. b) zur mündlichen Berufungsverhandlung vorlädt. Gemäss Art. 337 Abs. 3 StPO hat die Staatsanwaltschaft die Anklage persönlich vor Gericht zu vertreten, wenn sie eine Freiheitsstrafe von mehr als einem Jahr oder eine freiheitsentziehende Massnahme beantragt. Entscheidend ist grundsätzlich der im erstinstanzlichen Verfahren gestellte Antrag der Staatsanwaltschaft und nicht der erstinstanzliche Urteilsspruch. Drohen der beschuldigten Person im Berufungsverfahren jedoch weder eine Freiheitsstrafe von mehr als einem Jahr noch eine freiheitsentziehende Massnahme, weil die Erstinstanz dem Antrag der Staatsanwaltschaft nicht gefolgt ist und nur die beschuldigte Person Berufung angemeldet hat, ist unter dem Aspekt des fairen Verfahrens nicht zu beanstanden, wenn die Staatsanwaltschaft von der Teilnahme an der Berufungsverhandlung dispensiert und damit auf die Durchführung eines kontradiktorischen Verfahrens verzichtet wird (E. 2.3.1). Aus einer grammatikalischen Auslegung von Art. 337 Abs. 3 StPO ergibt sich, dass die Staatsanwaltschaft nur dann zur persönlichen Teilnahme verpflichtet ist, wenn sie eine Freiheitsstrafe beantragt, die über einem Jahr liegt, d.h. eine solche von mindestens einem Jahr und einem Tag (E. 2.3.3). Regeste Art. 337 al. 3 et art. 405 al. 3 CPP; comparution en personne du ministère public aux débats d'appel. L'art. 405 al. 3 CPP prescrit, pour la procédure orale, que la direction de la procédure cite le ministère public à comparaître aux débats d'appel dans les cas visés à l'art. 337 al. 3 et 4 CPP (let. a) ou si le ministère public a déclaré l'appel ou l'appel joint (let. b). Conformément à l'article 337 al. 3 CPP, le ministère public est tenu de soutenir en personne l'accusation devant le tribunal lorsqu'il requiert une peine privative de liberté de plus d'un an ou une mesure entraînant une privation de liberté. Est déterminante, en principe, la réquisition du ministère public lors de la procédure de première instance et non le jugement de première instance. Toutefois, si le prévenu n'est menacé en appel ni d'une peine privative de liberté de plus d'un an, ni d'une mesure entraînant une privation de liberté parce que l'autorité de première instance n'a pas suivi la proposition du ministère public et que seul le prévenu a fait appel, il n'est pas critiquable, au regard de la notion de procès équitable, que le ministère public soit dispensé de participer à l'audience d'appel et renonce ainsi à la tenue d'une procédure contradictoire (consid. 2.3.1). Il résulte d'une interprétation grammaticale de l'art. 337 al. 3 CPP que le ministère public n'est tenu de participer en personne que lorsqu'il requiert une peine privative de liberté supérieure à un an, c'est-à-dire une peine d'au moins un an et un jour (consid. 2.3.3). Regesto Art. 337 cpv. 3 e art. 405 cpv. 3 CPP; comparizione personale del pubblico ministero al dibattimento di appello. Per la procedura orale, l'art. 405 cpv. 3 CPP prevede che chi dirige il procedimento convoca il pubblico ministero al dibattimento di appello nei casi di cui all'art. 337 cpv. 3 e 4 CPP (lett. a) oppure se il pubblico ministero ha interposto appello o appello incidentale (lett. b). Secondo l'art. 337 cpv. 3 CPP, il pubblico ministero sostiene personalmente l'accusa al dibattimento se chiede una pena detentiva superiore a un anno o una misura privativa della libertà. Decisiva al riguardo è in linea di principio la richiesta formulata dal pubblico ministero nel procedimento di primo grado e non la condanna pronunciata in prima istanza. Tuttavia, se l'imputato, nel procedimento di appello, non rischia di incorrere né in una pena detentiva superiore a un anno né in una misura privativa della libertà, perché il tribunale di primo grado non ha dato seguito alla richiesta del pubblico ministero e l'appello è stato inoltrato unicamente dall'imputato, non è censurabile sotto il profilo del diritto a un processo equo la dispensa del pubblico ministero dal partecipare al dibattimento di appello, rinunciando così allo svolgimento di una procedura in contraddittorio (consid. 2.3.1). Da un'interpretazione grammaticale dell'art. 337 cpv. 3 CPP si evince che il pubblico ministero è tenuto a partecipare personalmente al dibattimento unicamente se chiede una pena detentiva superiore a un anno, vale a dire una pena di una durata di almeno un anno e un giorno (consid. 2.3.3).

Originalentscheid beim Gericht ↗

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