Staatsanwaltschaft vertritt sich nicht an Berufungsverhandlung: Rückzugsfiktion nach Art. 407 Abs. 1 lit. a StPO greift, Ordnungsbusse wegen Kumulationsverbot unzulässig (Art. 407 Abs. 1 lit. a StPO)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 150 IV 225 · ATF 150 IV 225 · DTF 150 IV 225
- Datum
- 25.04.2024
- Geschäftsnummer
- BGE 150 IV 225
- Abteilung
- CH_BGE_006
- Ausgang
- Gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 16 StPO Art. 104 StPO Art. 205 StPO Art. 405 StPO Art. 407 StPO
Zusammenfassung
Die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau erhob Anschlussberufung gegen ein erstinstanzliches Urteil. Das Obergericht des Kantons Aargau lud sie zur mündlichen Berufungsverhandlung am 9. Juni 2023 vor. Die Staatsanwaltschaft beantragte Verschiebung, weil sowohl der zuständige Staatsanwalt als auch die für sie vorgesehene Staatsanwältin A. an diesem Tag ferienbedingt abwesend seien und eine Vertretung durch andere Staatsanwälte nicht möglich sei. Das Obergericht wies das Gesuch ab und setzte die Verhandlung trotzdem an. Die Staatsanwaltschaft erschien nicht. Das Obergericht stellte fest, dass die Anschlussberufung als zurückgezogen gilt, und verhängte gegen Staatsanwältin A. eine Ordnungsbusse von Fr. 1'000.-. Gegen diesen Beschluss legte Staatsanwältin A. Beschwerde in Strafsachen ein. Gegen das gleichentags ergangene Urteil legte die Oberstaatsanwaltschaft Beschwerde ein. Streitig war, ob die Vorladung ordnungsgemäss war, ob die Abwesenheit entschuldigt war, ob die Rückzugsfiktion greift und ob die Ordnungsbusse rechtmäßig ist.
Das Bundesgericht hob den vorinstanzlichen Beschluss auf, mit dem Staatsanwältin A. eine Ordnungsbusse auferlegt worden war. Es stellte fest, dass die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau als Behörde grundsätzlich durch verschiedene Staatsanwälte vertreten werden kann und daher die Ferienabwesenheit zweier Personen bei zehn Mitarbeitern keinen wichtigen Grund für einen Widerruf der Vorladung nach Art. 205 Abs. 3 StPO darstellt. Die Vorladung war ordnungsgemäss, da die Staatsanwaltschaft als Behörde vorgeladen war und die für sie vorgesehene Staatsanwältin namentlich genannt wurde. Da die Staatsanwaltschaft trotz ordnungsgemässer Vorladung und abgewiesenem Verschiebungsgesuch unentschuldigt fernblieb, galt ihre Anschlussberufung gemäss Art. 407 Abs. 1 lit. a StPO als zurückgezogen. Weil diese Rückzugsfiktion bereits einen Rechtsverlust bewirkt, ist nach ständiger Lehre und bundesgerichtlicher Rechtsprechung eine zusätzliche Ordnungsbusse nach Art. 205 Abs. 4 i.V.m. Art. 64 StPO ausgeschlossen. Damit war die Ordnungsbusse gegen Staatsanwältin A. bundesrechtswidrig. Die Beschwerde der Oberstaatsanwaltschaft gegen das Urteil wurde abgewiesen, weil die Annahme der Rückzugsfiktion rechtskonform war und die Vorinstanz keine Verletzung des rechtlichen Gehörs begangen hatte. Die Entscheidung präzisiert die Parteistellung der Staatsanwaltschaft im Berufungsverfahren und klärt das Verhältnis zwischen Rückzugsfiktion und Ordnungsbusse.
Regeste
a Art. 16 Abs. 2, Art. 104 Abs. 1 lit. c, Art. 205 Abs. 3 und Art. 405 Abs. 3 lit. b StPO; Parteistellung der Staatsanwaltschaft, Vertretung vor Gericht, Widerruf der Vorladung aus wichtigen Gründen. Soweit die Staatsanwaltschaft Berufung oder Anschlussberufung erhoben hat, ist sie von der Verfahrensleitung zur Verhandlung vorzuladen und hat der zuständige Staatsanwalt oder eine ihn vertretende Staatsanwältin bzw. ein ihn vertretender Staatsanwalt zur Verhandlung zu erscheinen (Präzisierung der Rechtsprechung; E. 4.2.6). Die Ferienabwesenheit oder anderweitige Verhinderung des zuständigen Staatsanwalts und seiner Stellvertreterin stellt in der Regel keinen wichtigen Grund i.S.v. Art. 205 Abs. 3 StPO für einen Widerruf der Vorladung dar, da die als Partei vorgeladene Staatsanwaltschaft grundsätzlich auch von einer anderen Staatsanwältin oder einem anderen Staatsanwalt vertreten werden kann (E. 4.5). Regeste b Art. 205 Abs. 4 i.V.m. Art. 64 und 407 Abs. 1 lit. a StPO; Folgen des unentschuldigten Fernbleibens der (Anschluss-)Berufung führenden Partei. Im Falle der gesetzlichen Rückzugsfiktion aufgrund des unentschuldigten Fernbleibens der (Anschluss-)Berufung führenden Partei an der mündlichen Berufungsverhandlung i.S.v. Art. 407 Abs. 1 lit. a StPO ist keine (zusätzliche) Ordnungsbusse für das unentschuldigte Missachten einer Vorladung i.S.v. Art. 205 Abs. 4 (i.V.m. Art. 64) StPO möglich (E. 4.2.3 und 4.6). Regeste a Art. 16 al. 2, art. 104 al. 1 let. c, art. 205 al. 3 et art. 405 al. 3 let. b CPP; qualité de partie du ministère public, représentation devant le tribunal, révocation du mandat de comparution pour de justes motifs. Si le ministère public a déclaré l'appel ou l'appel joint, la direction de la procédure doit le citer à comparaître aux débats et le procureur en charge, ou un ou une autre procureur(e) le représentant, est tenu de s'y présenter (précision de jurisprudence; consid. 4.2.6). L'absence pour cause de vacances ou un autre empêchement du procureur en charge et de sa remplaçante ne constitue pas, en règle générale, un juste motif de révocation du mandat de comparution au sens de l'art. 205 al. 3 CPP, puisque le ministère public cité comme partie peut, en principe, être représenté par un ou une autre procureur(e) (consid. 4.5). Regeste b Art. 205 al. 4 en relation avec les art. 64 et 407 al. 1 let. a CPP; conséquences de l'absence non excusée de la partie qui a déclaré l'appel ou l'appel joint. Lorsque la fiction légale du retrait, consacrée à l'art. 407 al. 1 let. a CPP, s'applique en raison du défaut aux débats d'appel sans excuse valable de la partie qui a déclaré l'appel ou l'appel joint, il n'est pas possible d'infliger une amende d'ordre (en plus de la perte du droit), au sens de l'art. 205 al. 4 CPP (en relation avec l'art. 64 CPP), pour ne pas avoir donné suite, sans être excusé, à un mandat de comparution (consid. 4.2.3 et 4.6). Regesto a Art. 16 cpv. 2, art. 104 cpv. 1 lett. c, art. 205 cpv. 3 e art. 405 cpv. 3 lett. b CPP; qualità di parte del pubblico ministero, rappresentazione dinanzi al tribunale, revoca della citazione per gravi motivi. Se il pubblico ministero ha interposto appello o appello incidentale, chi dirige il procedimento deve convocarlo al dibattimento e il procuratore pubblico competente o chi lo sostituisce deve comparire al dibattimento (precisazione della giurisprudenza; consid. 4.2.6). L'assenza per ferie o altro impedimento del procuratore pubblico competente e del suo sostituto non costituisce di regola un grave motivo ai sensi dell'art. 205 cpv. 3 CPP per revocare una citazione, dal momento che il pubblico ministero convocato come parte può, in linea di principio, essere rappresentato anche da un altro procuratore pubblico (consid. 4.5). Regesto b Art. 205 cpv. 4 unitamente agli art. 64 e 407 cpv. 1 lett. a CPP; conseguenze dell'ingiustificata mancata comparizione dell'appellante (incidentale). Ove sia applicata la finzione legale del ritiro a causa dell'ingiustificata mancata comparizione dell'appellante (incidentale) all'udienza dibattimentale di appello giusta l'art. 407 cpv. 1 lett. a CPP, non v'è margine per infliggere (in aggiunta) una multa disciplinare per l'ingiustificato mancato seguito dato a una citazione ai sensi dell'art. 205 cpv. 4 (unitamente all'art. 64) CPP (consid. 4.2.3 e 4.6).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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