Justizze.

Die Schweizer Rechtsdatenbank mit KI.

Justizze. Art. 406 StPO

Bundesgericht

Beschuldigte wird erstinstanzlich freigesprochen, Berufungsinstanz spricht sie schuldig – mündliche Verhandlung im Berufungsverfahren zwingend erforderlich (Art. 406 Abs. 2 lit. a StPO)

BGE / ATF / DTF
BGE 147 IV 127 · ATF 147 IV 127 · DTF 147 IV 127
Datum
28.10.2020
Geschäftsnummer
6B_973/2019
Abteilung
Strafrechtliche Abteilung
Ausgang
Rückweisung

Tragende Normen

Art. 78 BGG Art. 80 BGG Art. 90 BGG Art. 32 BV Art. 6 EMRK Art. 339 StPO Art. 389 StPO Art. 405 StPO Art. 406 StPO

Zusammenfassung

Eine Beschuldigte wurde in erster Instanz wegen mehrfacher Sachbeschädigung freigesprochen, weil die Täterschaft auf den Videoaufnahmen nicht erkennbar war. Die Staatsanwaltschaft legte Berufung ein. Das Obergericht des Kantons Aargau behandelte die Berufung im schriftlichen Verfahren und sprach die Beschuldigte schuldig. Sie erhob Beschwerde in Strafsachen mit der Rüge, das schriftliche Verfahren verletze ihr Recht auf mündliche Verhandlung und auf rechtliches Gehör. Streitig war, ob die Berufungsinstanz bei Aufhebung des Freispruchs und neuem Schuldspruch ohne mündliche Verhandlung und persönliche Anhörung verfahren durfte.

Das Bundesgericht hob das angefochtene Urteil auf und verwies die Sache zur Durchführung des mündlichen Berufungsverfahrens an die Vorinstanz zurück. Es stellte fest, dass die Beschwerdeführerin den Anklagesachverhalt von Beginn an bestritten hatte und im erstinstanzlichen Verfahren freigesprochen worden war, weil die erste Instanz die Täterschaft auf den Videoaufnahmen nicht erkennen konnte. Die Berufungsinstanz führte daraufhin eine Neubeurteilung des Sachverhalts durch und sprach die Beschwerdeführerin schuldig, ohne sie persönlich anzuhören. Das Bundesgericht entschied, dass eine Berufungsinstanz, die als erste verurteilende Gerichtsinstanz eine beschuldigte Person schuldig spricht, diese zwingend mündlich anhören muss, um ihr die Möglichkeit zu geben, sich zu den Vorwürfen zu äussern und Umstände vorzubringen, die der Klärung des Sachverhalts und ihrer Verteidigung dienen. Die Anwesenheit der Beschwerdeführerin war daher erforderlich, so dass die Vorinstanz nicht auf ein mündliches Verfahren verzichten durfte. Dies ergibt sich aus Art. 406 Abs. 2 lit. a StPO, dessen Voraussetzung – dass die Anwesenheit der beschuldigten Person nicht erforderlich ist – hier nicht erfüllt war. Zudem sind die Kriterien nach Art. 406 Abs. 2 lit. a und b StPO kumulativ zu verstehen, was bedeutet, dass auch das Vorliegen des zweiten Kriteriums (Berufung gegen Urteil eines Einzelgerichts) allein nicht ausreicht. Die Verletzung dieser Vorschriften stellt zugleich eine Verletzung von Art. 6 Ziff. 1 EMRK dar, da die Beschuldigte grundsätzlich von jenem Gericht angehört werden muss, welches sie verurteilt. Für das bundesgerichtliche Verfahren werden keine Gerichtskosten erhoben; der Kanton Aargau hat der Beschwerdeführerin eine Entschädigung von Fr. 3'000.-- auszurichten. Die Entscheidung ist bemerkenswert, weil sie klärt, dass die kumulative Auslegung der Voraussetzungen für das schriftliche Berufungsverfahren dem gesetzgeberischen Verständnis des schriftlichen Verfahrens als Ausnahme entspricht und die Rechte der beschuldigten Person im Kern schützt.

Regeste

Art. 406 StPO; Art. 6 Ziff. 1 EMRK; Voraussetzungen für die Durchführung eines schriftlichen Berufungsverfahrens. Das Berufungsverfahren ist grundsätzlich mündlich. Es kann nur ausnahmsweise unter den engen Voraussetzungen von Art. 406 StPO schriftlich durchgeführt werden, deren Vorliegen von der Berufungsinstanz von Amtes wegen zu prüfen ist. Liegt ein Einverständnis der Parteien mit dem schriftlichen Verfahren vor, kann dieses die gesetzlichen Voraussetzungen von Art. 406 Abs. 2 StPO nicht ersetzen, sondern tritt zu diesen hinzu (Bestätigung der Rechtsprechung; E. 2.1 und 2.2). Die Voraussetzungen von Art. 406 Abs. 2 lit. a und b StPO müssen dabei kumulativ vorliegen (E. 2.2.2). Art. 406 StPO entbindet das Berufungsgericht nicht davon, im Einzelfall zu prüfen, ob der Verzicht auf die öffentliche Verhandlung mit Art. 6 Ziff. 1 EMRK vereinbar ist. Nach der Rechtsprechung des EGMR soll die angeklagte Person grundsätzlich erneut angehört werden, wenn in der Berufungsinstanz das erstinstanzliche Urteil aufgehoben wird und der Aufhebung eine andere Würdigung des Sachverhalts zugrunde liegt (E. 2.3). Vorliegend waren die Voraussetzungen für die Durchführung des schriftlichen Verfahrens nicht erfüllt. Da das Berufungsgericht die erstinstanzlichen Sachverhaltsfeststellungen verwerfen und die beschuldigte Person in Abänderung des angefochtenen Urteils schuldig sprechen wollte, konnte es den Sachverhalt nicht lediglich auf Grundlage der Akten feststellen. Es hätte die Beschuldigte zu einer mündlichen Berufungsverhandlung vorladen und ihr damit die Möglichkeit einräumen müssen, sich zu den Vorwürfen persönlich zu äussern und diejenigen Umstände vorzubringen, die der Klärung des Sachverhalts und ihrer Verteidigung dienen können. Die Anwesenheit der Beschuldigten erwies sich im Berufungsverfahren als erforderlich, so dass die Vorinstanz nicht auf ein mündliches Verfahren verzichten konnte (E. 3). Regeste Art. 406 CPP; art. 6 par. 1 CEDH; conditions pour le traitement de l'appel en procédure écrite. La procédure d'appel est en principe orale. L'appel ne peut être traité en procédure écrite qu'à titre exceptionnel et aux conditions restrictives de l'art. 406 CPP, dont la réalisation doit être examinée d'office par la cour d'appel. L'accord des parties pour la procédure écrite ne peut remplacer les conditions légales prévues par l'art. 406 al. 2 CPP, mais les complète (confirmation de la jurisprudence; consid. 2.1 et 2.2). Les conditions de l'art. 406 al. 2 let. a et b CPP doivent être réalisées cumulativement (consid. 2.2.2). L'art. 406 CPP ne dispense pas la cour d'appel d'examiner dans le cas d'espèce si la renonciation à l'audience publique est compatible avec l'art. 6 par. 1 CEDH. Selon la jurisprudence de la CourEDH, l'accusé devrait en principe être entendu à nouveau si le jugement de première instance est annulé en appel et que l'annulation est fondée sur une appréciation différente des faits (consid. 2.3). En l'espèce, les conditions requises pour la conduite de la procédure écrite n'étaient pas remplies. Comme la cour d'appel a voulu s'écarter des constatations de fait de première instance et déclarer la prévenue coupable en modifiant le jugement attaqué, elle ne pouvait pas établir les faits sur la seule base du dossier. Elle aurait dû convoquer la prévenue à une audience d'appel et lui donner ainsi la possibilité de se déterminer en personne sur les faits incriminés et de présenter les éléments pouvant servir à clarifier les faits de l'affaire et sa défense. La présence de la prévenue s'avérait nécessaire en procédure d'appel, de sorte que la cour cantonale ne pouvait pas se dispenser d'une procédure orale (consid. 3). Regesto Art. 406 CPP; art. 6 n. 1 CEDU; presupposti per lo svolgimento di una procedura di appello in forma scritta. Di principio la procedura di appello è orale. Può essere svolta in forma scritta solo eccezionalmente, alle severe condizioni dell'art. 406 CPP, la cui realizzazione dev'essere esaminata d'ufficio dall'istanza di appello. Il consenso delle parti alla procedura scritta non supplisce ai presupposti legali dell'art. 406 cpv. 2 CPP, ma si aggiunge ad essi (conferma della giurisprudenza; consid. 2.1 e 2.2). Le condizioni dell'art. 406 cpv. 2 lett. a e lett. b CPP sono cumulative (consid. 2.2.2). L'art. 406 CPP non esime il tribunale d'appello dall'esaminare nel singolo caso se la rinuncia al pubblico dibattimento sia compatibile con l'art. 6 n. 1 CEDU. Secondo la giurisprudenza della CorteEDU, in linea di principio l'imputato dovrebbe essere sentito nuovamente se la sentenza di primo grado è annullata in appello sulla scorta di una diversa valutazione dei fatti (consid. 2.3). Nel caso concreto non erano date le condizioni per svolgere una procedura scritta. Poiché il tribunale d'appello intendeva scostarsi dai fatti accertati dall'istanza di primo grado e dichiarare colpevole l'imputata ribaltando la sentenza impugnata, esso non poteva procedere all'accertamento dei fatti unicamente sulla base degli atti dell'incarto. Avrebbe dovuto citare l'imputata a un dibattimento di appello e accordarle così la possibilità di esprimersi personalmente sulle accuse e di addurre tutti quegli elementi utili al chiarimento dei fatti e alla sua difesa. La presenza dell'imputata nella procedura di appello era necessaria, di modo che l'autorità precedente non poteva rinunciare alla procedura orale (consid. 3).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.

Verwandte Entscheide