Beschwerdeführer schlägt Opfer nach Entreissdiebstahl ins Gesicht: Raub zutreffend, aber Schuldspruch wegen versuchter schwerer Körperverletzung verstösst gegen Anklageprinzip (Art. 325 Abs. 1 lit. f StPO)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 148 IV 124 · ATF 148 IV 124 · DTF 148 IV 124
- Datum
- 17.01.2022
- Geschäftsnummer
- 6B_1404/2020
- Abteilung
- Strafrechtliche Abteilung
- Ausgang
- Teilweise gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 9 StPO Art. 104 StPO Art. 325 StPO Art. 329 StPO Art. 333 StPO Art. 337 StPO Art. 350 StPO
Zusammenfassung
Der Beschwerdeführer wurde vom Obergericht des Kantons Aargau wegen Raubs und versuchter schwerer Körperverletzung verurteilt. Er rügte, der Raub sei rechtlich falsch qualifiziert und die Anklage enthalte keinen hinreichenden Vorwurf für eine versuchte schwere Körperverletzung. Die Staatsanwaltschaft hatte in der Anklage lediglich behauptet, er habe das Opfer 'ernsthaft' verletzen wollen, ohne die konkreten Tatbestandsvarianten von Art. 122 StGB zu benennen. Das Opfer beantragte wiederholt, die Anklage zu ergänzen, doch die Staatsanwaltschaft verzichtete darauf. Die Vorinstanz sprach ihn trotzdem wegen versuchter schwerer Körperverletzung schuldig. Der Beschwerdeführer wandte sich ans Bundesgericht und beantragte Freispruch von beiden Vorwürfen sowie eine mildere Strafe.
Das Bundesgericht hielt den Schuldspruch wegen Raubs nach Art. 140 Ziff. 1 Abs. 2 StGB für zulässig, weil der Beschwerdeführer C.________ nach dem Entreissen des Zigarettenpäckchens mit drei Schlägen ins Gesicht reagierte, um die Beute zu sichern, und damit Gewalt gegen eine Person anwandte, um einen Diebstahl zu begehen. Die Vorinstanz hatte zutreffend festgestellt, dass C.________ gar nicht erst die Gelegenheit bekam, Widerstand zu leisten, und dass der Beschwerdeführer bewusst Gewalt anwendete, um das gestohlene Päckchen zu behalten.
Hingegen stellte das Bundesgericht fest, dass der Schuldspruch wegen versuchter schwerer Körperverletzung gegen das Anklageprinzip verstösst. Die Anklageschrift warf dem Beschwerdeführer lediglich vor, er habe das Opfer B.________ 'ernsthaft' verletzen wollen, was nach allgemeinem Sprachgebrauch nicht mit 'lebensgefährlich', 'bleibend' oder anderen spezifischen Varianten von Art. 122 StGB gleichzusetzen ist. Die Staatsanwaltschaft hatte trotz mehrfacher Aufforderung durch das Opfer und einer Rückweisung durch das Bezirksgericht auf eine formelle Ergänzung der Anklage verzichtet. Damit fehlte es an der erforderlichen Umschreibung der subjektiven Vorsatzelemente für einen Versuch nach Art. 122 i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB, wie sie gemäss Art. 325 Abs. 1 lit. f StPO und Art. 350 Abs. 1 StPO zwingend vorgeschrieben ist. Die Vorinstanz durfte daher nicht über den angeklagten Sachverhalt hinausgehen.
Das Bundesgericht stützte seine Entscheidung auf Art. 325 Abs. 1 lit. f StPO, Art. 350 Abs. 1 StPO, Art. 329 Abs. 2 StPO, Art. 333 Abs. 1 StPO, Art. 333 Abs. 2 StPO, Art. 337 Abs. 2 StPO, Art. 344 StPO, Art. 379 StPO, Art. 391 Abs. 2 StPO, Art. 399 Abs. 3 lit. a StPO und Art. 404 Abs. 1 StPO. Es hob das Urteil des Obergerichts auf und verwies die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz. Das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege wurde gutgeheissen, soweit es nicht gegenstandslos geworden war, und dem Rechtsvertreter des Beschwerdeführers eine Entschädigung von Fr. 1'500.-- zugesprochen.
Die Entscheidung ist bemerkenswert, weil sie klärt, dass der Begriff 'ernsthaft' in der Anklageschrift nicht ausreicht, um den subjektiven Tatbestand einer versuchten schweren Körperverletzung zu erfüllen, und dass die Privatklägerschaft auch ohne Zivilforderungen ein rechtlich geschütztes Interesse an einer korrekten Anklage hat.
Regeste
Art. 11 Abs. 1, Art. 119 Abs. 2 lit. a, Art. 319 Abs. 1 lit. a, Art. 320 Abs. 4, Art. 324 Abs. 2, Art. 333 Abs. 1 StPO; Art. 4 des Protokolls Nr. 7 zur EMRK; Art. 14 Abs. 7 UNO-Pakt II; Teileinstellungsverfügung; Grundsatz "ne bis in idem"; Anklageergänzung nach einem bundesgerichtlichen Rückweisungsentscheid. Eine explizite Teileinstellungsverfügung, die nicht den ganzen Lebenssachverhalt, sondern lediglich einzelne, erschwerende Tatvorwürfe betrifft, kann zur Wahrung der Rechte der Privatklägerschaft erforderlich sein (Bestätigung der Rechtsprechung von BGE 138 IV 241 E. 2; E. 2.6.5). Solche Teileinstellungsverfügungen führen nicht zur Anwendung des Grundsatzes "ne bis in idem" hinsichtlich der gleichzeitig zur Anklage gebrachten Vorwürfe. Entscheidend ist, dass die Teileinstellungsverfügung auf die gleichzeitig erhobene oder bereits hängige Anklage bzw. den gleichzeitig erlassenen Strafbefehl Bezug nimmt und folglich als solche deklariert wird. Aus der Teileinstellungsverfügung muss hervorgehen, dass das Verfahren nicht als Ganzes, sondern lediglich bezüglich einzelner, nicht angeklagter, erschwerender Tatumstände eingestellt wird (Präzisierung der Rechtsprechung von BGE 144 IV 362; E. 2.6.6). Eine Anklageergänzung in Anwendung von Art. 333 Abs. 1 StPO ist bei Verfahren ohne Beteiligung von Privatklägern nur in engen Grenzen möglich, wenn es darum geht, ungerechtfertigte Freisprüche zu verhindern. Hingegen darf die Privatklägerschaft ihren Anspruch auf Verfolgung und Bestrafung der für die Straftat verantwortlichen Person im Gerichtsverfahren bei einer ihrer Ansicht nach ungenügenden Anklage auch mittels eines Antrags auf Ergänzung der Anklage im Sinne einer qualifizierten Tatbegehung bzw. einer härteren rechtlichen Qualifikation durchsetzen (E. 2.6.7). Vorliegend ersuchte der Privatkläger im kantonalen Verfahren, sowohl erst- als auch zweitinstanzlich, wiederholt um Ergänzung der Anklage, wobei sein Antrag im kantonalen Verfahren nicht korrekt behandelt wurde, da die Staatsanwaltschaft weder die Anklage ergänzte noch eine anfechtbare Teileinstellungsverfügung erliess. Unter diesen Umständen ist eine Änderung bzw. Ergänzung der Anklage auch nach dem bundesgerichtlichen Rückweisungsentscheid, mit welchem der vorinstanzliche Schuldspruch auf Beschwerde der beschuldigten Person hin wegen Verletzung des Anklageprinzips aufgehoben wurde, noch möglich (E. 2.6.8). Regeste Art. 11 al. 1, art. 119 al. 2 let. a, art. 319 al. 1 let. a, art. 320 al. 4, art. 324 al. 2, art. 333 al. 1 CPP; art. 4 du Protocole n° 7 à la CEDH; art. 14 par. 7 Pacte ONU II; ordonnance de classement partiel; principe "ne bis in idem"; complément d'accusation après un arrêt de renvoi du Tribunal fédéral. Une ordonnance de classement partiel explicite qui ne concerne pas l'entier de l'état de fait, mais simplement quelques circonstances aggravantes peut s'avérer nécessaire pour la sauvegarde des droits de la partie plaignante (confirmation de la jurisprudence de l' ATF 138 IV 241 consid. 2; consid. 2.6.5). Une telle ordonnance de classement partiel ne conduit pas à l'application du principe "ne bis in idem" concernant les reproches formulés simultanément dans l'acte d'accusation. Ce qui est déterminant c'est que l'ordonnance de classement partiel se réfère à l'accusation soulevée ou pendante, respectivement à l'ordonnance pénale rendue simultanément, et qu'elle soit par conséquent déclarée comme telle. Il doit ressortir de l'ordonnance de classement partiel que la procédure n'est pas classée dans son ensemble, mais seulement en ce qui concerne certaines circonstances aggravantes qui ne font pas l'objet de l'accusation (précision de la jurisprudence de l' ATF 144 IV 362; consid. 2.6.6). Dans les procédures n'impliquant pas la participation d'une partie plaignante, un complément d'accusation au sens de l'art. 333 al. 1 CPP n'est possible que de manière restrictive, lorsqu'il s'agit d'éviter des acquittements injustifiés. En revanche, la partie plaignante peut faire valoir son droit à la poursuite et à la condamnation de l'auteur de l'infraction dans le cadre de la procédure judiciaire, si elle estime que l'accusation est insuffisante, en demandant que l'accusation soit complétée dans le sens qu'elle retienne un comportement délictuel aggravé ou une qualification juridique plus sévère (consid. 2.6.7). En l'espèce, la partie plaignante a demandé à plusieurs reprises dans le cadre de la procédure cantonale, tant en première qu'en deuxième instance, de compléter l'accusation. Sa demande n'a pas été traitée correctement dans la procédure cantonale, le Ministère public n'ayant ni complété l'accusation ni rendu une ordonnance de classement partiel susceptible de recours. Dans ces circonstances, une modification ou un complément de l'accusation est encore possible même après l'arrêt de renvoi du Tribunal fédéral, par lequel la condamnation prononcée par l'autorité précédente a été annulée sur recours du prévenu pour violation du principe de l'accusation (consid. 2.6.8). Regesto Art. 11 cpv. 1, art. 119 cpv. 2 lett. a, art. 319 cpv. 1 lett. a, art. 320 cpv. 4, art. 324 cpv. 2, art. 333 cpv. 1 CPP; art. 4 del Protocollo n. 7 alla CEDU; art. 14 n. 7 Patto ONU II; decreto di abbandono parziale; principio "ne bis in idem"; completamento dell'accusa dopo una sentenza di rinvio del Tribunale federale. Un decreto di abbandono parziale esplicito, che non concerne l'integralità del complesso fattuale, ma unicamente singoli rimproveri aggravanti, può essere necessario per tutelare i diritti dell'accusatore privato (conferma della giurisprudenza di cui alla DTF 138 IV 241 consid. 2; consid. 2.6.5). Un simile decreto di abbandono parziale non conduce all'applicazione del principio "ne bis in idem" riguardo ai rimproveri per i quali è contemporaneamente promossa l'accusa. È determinante che il decreto di abbandono parziale faccia riferimento alla contestuale accusa, promossa o già pendente, rispettivamente alla concomitante emanazione del decreto di accusa, e sia conseguentemente designato come tale. Dal decreto di abbandono parziale deve risultare che il procedimento non è abbandonato nel suo complesso, bensì unicamente riguardo a singole circostanze di fatto aggravanti non oggetto di accusa (precisazione della giurisprudenza di cui alla DTF 144 IV 362; consid. 2.6.6). Nei procedimenti senza partecipazione dell'accusatore privato, un completamento dell'accusa in applicazione dell'art. 333 cpv. 1 CPP è possibile solo entro limiti ristretti per evitare proscioglimenti ingiustificati. Per contro, se ritiene l'accusa insufficiente, l'accusatore privato può far valere la sua pretesa al perseguimento e alla condanna del responsabile del reato, nella procedura giudiziaria, anche con un'istanza di completamento dell'accusa volta a integrare la forma aggravata di un reato o una qualificazione giuridica più severa (consid. 2.6.7). In concreto, nel procedimento cantonale sia di prima sia di seconda istanza, l'accusatore privato ha ripetutamente chiesto un completamento dell'accusa. La sua richiesta non è stata evasa correttamente in sede cantonale, atteso che il pubblico ministero non ha completato l'accusa né ha emanato un decreto di abbandono parziale impugnabile. In simili circostanze, una modifica o un completamento dell'accusa è possibile anche dopo una sentenza di rinvio del Tribunale federale, con cui la condanna pronunciata dall'istanza precedente è stata annullata su ricorso dell'imputato per violazione del principio accusatorio (consid. 2.6.8).
Originalentscheid beim Gericht ↗
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