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Justizze. Art. 29 StPO

Bundesgericht

Staatsanwaltschaft beantragt Massnahme für schuldunfähige Person, stellt aber gleichzeitig Eventualantrag auf Schuldspruch: Verfahren nach Art. 374 f. StPO unzulässig, Rückweisung an Staatsanwaltschaft (Art. 2 Abs. 2 StPO)

BGE / ATF / DTF
BGE 147 IV 93 · ATF 147 IV 93 · DTF 147 IV 93
Datum
08.10.2020
Geschäftsnummer
BGE 147 IV 93
Ausgang
Gutgeheissen

Tragende Normen

Art. 41 BGG Art. 93 BGG Art. 29 StPO Art. 375 StPO Art. 404 StPO

Zusammenfassung

Der Beschwerdeführer wurde beschuldigt, eine Frau gewürgt und danach sexuell missbraucht zu haben; die Staatsanwaltschaft des Kantons Zürich stellte einen Antrag auf Anordnung einer Massnahme für eine schuldunfähige Person gemäss Art. 374 f. StPO, enthielt aber gleichzeitig einen Eventualantrag auf Schuldspruch und Bestrafung. Das Bezirksgericht Zürich sprach ihn der Störung des Totenfriedens schuldig und verhängte eine Freiheitsstrafe, obwohl es sich um ein Massnahmeverfahren handelte. Das Obergericht des Kantons Zürich bestätigte diesen Schuldspruch und erklärte ihn für rechtskräftig. Der Beschwerdeführer erhob Beschwerde in Strafsachen beim Bundesgericht.

Das Bundesgericht hob das obergerichtliche Urteil auf und wies die Sache zur Weiterführung des Vorverfahrens an die Staatsanwaltschaft zurück. Die Staatsanwaltschaft hatte bereits im Vorverfahren Zweifel an der Schuldunfähigkeit des Beschwerdeführers geäussert, was sich aus ihrem Eventualantrag auf Schuldspruch und aus ihrer Aktennotiz zum Telefonat mit dem forensisch-psychiatrischen Sachverständigen ergab; daher war das besondere Verfahren nach Art. 374 f. StPO von Anfang an unzulässig, weil dessen Voraussetzung – die eindeutige Feststellung der Schuldunfähigkeit hinsichtlich aller Tatbestände – nicht vorlag. Stattdessen hätte die Staatsanwaltschaft Anklage im ordentlichen Verfahren erheben müssen. Das Bezirksgericht verstoss gegen den Grundsatz der Formstrenge (Art. 2 Abs. 2 StPO), indem es im Massnahmeverfahren einen Schuldspruch aussprach, obwohl ein solcher nur im ordentlichen Verfahren möglich ist und zwingend eine Anklage voraussetzt. Dies stellt einen besonders schweren und offensichtlichen Verfahrensfehler dar. Das Obergericht hätte gemäss Art. 404 Abs. 2 StPO zugunsten des Beschwerdeführers auch den nicht angefochtenen Schuldspruch überprüfen und aufheben müssen, da dieser gesetzeswidrig war; stattdessen liess es den Schuldspruch in Rechtskraft erwachsen. Gemäss Art. 375 Abs. 3 StPO war der Antrag der Staatsanwaltschaft abzuweisen und das Verfahren an die Staatsanwaltschaft zurückzuweisen. Das Bundesgericht betont, dass mit dieser Rückweisung lediglich der Verfahrensfehler korrigiert wird, ohne dass eine materielle Prüfung der Schuldfrage erfolgt.

Die Entscheidung klärt zentral, dass das Verfahren bei einer schuldunfähigen Person (Art. 374 f. StPO) ein strikt getrenntes, selbstständiges Verfahren ist, das keine Vermischung mit dem ordentlichen Verfahren zulässt; ein Eventualantrag auf Schuldspruch macht das Massnahmeverfahren von vornherein unmöglich. Der Grundsatz der Formstrenge (Art. 2 Abs. 2 StPO) ist ein fundamentaler Grundsatz des Strafrechts, der die Einhaltung der gesetzlich vorgesehenen Verfahrensformen zwingend vorschreibt. Die Entscheidung präzisiert auch die Anwendung von Art. 404 Abs. 2 StPO: Das Berufungsgericht muss gesetzeswidrige Entscheidungen zugunsten der beschuldigten Person auch dann überprüfen, wenn sie nicht angefochten wurden.

Regeste

Art. 2 Abs. 2, Art. 374 f. und Art. 404 Abs. 2 StPO; Grundsatz der Formstrenge, selbstständiges Massnahmeverfahren bei einer schuldunfähigen beschuldigten Person, Eingriff in die Dispositionsfreiheit. Beim Grundsatz der Formstrenge (Art. 2 Abs. 2 StPO) handelt es sich um einen fundamentalen Grundsatz des Strafprozessrechts (E. 1.3.2). Das Verfahren bei einer schuldunfähigen Person ist ein vom ordentlichen Verfahren klar abzugrenzendes selbstständiges, besonderes Verfahren, in dem mangels Vorwurfs eines schuldhaften Verhaltens kein Schuldspruch ergehen kann. Es gelangt zur Anwendung, wenn bereits im Vorverfahren die Schuldunfähigkeit hinsichtlich aller zu beurteilenden Straftaten eindeutig festgestellt wird. Wird eine Person mehrerer Taten beschuldigt, die teilweise mit und teilweise ohne Schuld begangen wurden, sind alle Taten im ordentlichen Verfahren gemäss Art. 328 ff. StPO zu beurteilen (E. 1.3). Wird in einem Verfahren bei einer schuldunfähigen Person ein Schuldspruch ausgesprochen, stellt dies zwar einen besonders schweren und offensichtlichen Verfahrensfehler dar, der jedoch in casu nicht zur Nichtigkeit des Urteils, sondern zu dessen Anfechtbarkeit führt (E. 1.4). Jedoch muss das Berufungsgericht in einem solchen Fall gestützt auf Art. 404 Abs. 2 StPO zugunsten der beschuldigten Person auch einen nicht angefochtenen (unzulässigen) Schuldspruch überprüfen bzw. aufheben (E. 1.5). Regeste Art. 2 al. 2, art. 374 s. et art. 404 al. 2 CPP; principe de l'immutabilité, procédure indépendante en matière de mesures à l'égard d'un prévenu irresponsable, atteinte à la maxime de disposition. Le principe de l'immutabilité (art. 2 al. 2 CPP) constitue un principe fondamental du droit de procédure pénale (consid. 1.3.2). La procédure concernant un prévenu irresponsable est une procédure spéciale, indépendante, qui doit être clairement distinguée de la procédure ordinaire, dans laquelle, à défaut de reproche d'un comportement fautif, aucune condamnation ne peut être prononcée. Elle s'applique lorsque, durant la procédure préliminaire déjà, l'irresponsabilité concernant toutes les infractions à juger est clairement constatée. Si une personne se voit reprocher plusieurs actes, qui ont été commis en partie avec et en partie sans culpabilité, tous les actes doivent être jugés selon la procédure ordinaire des art. 328 ss CPP (consid. 1.3). Si une condamnation est prononcée dans le cadre d'une procédure à l'encontre d'une personne irresponsable, cela constitue certes une faute de procédure particulièrement grave et manifeste, qui ne conduit toutefois pas, en l'espèce, à la nullité du jugement, mais à son annulabilité (consid. 1.4). Le tribunal d'appel doit cependant, dans un tel cas, sur la base de l'art. 404 al. 2 CPP et en faveur du prévenu, examiner - respectivement annuler - une condamnation (interdite) n'ayant pas été contestée (consid. 1.5). Regesto Art. 2 cpv. 2, art. 374 seg. e art. 404 cpv. 2 CPP; principio del rigore formale, procedura indipendente in materia di misure applicabile agli imputati penalmente incapaci, intervento nella libertà di disporre dei limiti dell'impugnazione. Il rigore formale (art. 2 cpv. 2 CPP) costituisce un principio fondamentale del diritto processuale penale (consid. 1.3.2). La procedura applicabile agli imputati penalmente incapaci è una procedura particolare, indipendente, da distinguere chiaramente da quella ordinaria, e in cui non può essere pronunciata una condanna in mancanza di accuse di un comportamento colpevole. Trova applicazione ove già nel corso della procedura preliminare sia appurata in modo evidente l'incapacità penale riguardo a tutte le infrazioni da giudicare. Se una persona è imputata di più reati, alcuni commessi con colpa e altri senza, tutti devono essere giudicati nella procedura ordinaria secondo gli art. 328 segg. CPP (consid. 1.3). La pronuncia di una condanna nell'ambito di una procedura applicabile a un imputato penalmente incapace costituisce senza dubbio un errore procedurale particolarmente grave e manifesto che tuttavia, nella fattispecie, non implica la nullità della sentenza, ma la sua annullabilità (consid. 1.4). In un caso simile però il tribunale d'appello deve, in virtù dell'art. 404 cpv. 2 CPP, esaminare rispettivamente annullare a favore dell'imputato anche una (inammissibile) condanna che non è stata impugnata (consid. 1.5).

Originalentscheid beim Gericht ↗

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