Justizze.

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Justizze. Art. 30 StPO

Bundesgericht

Beschuldigter beantragt Vereinigung zweier getrennter Strafverfahren wegen gemeinsamer Tat: Verfahrenstrennung zulässig, da keine Nebentäterschaft und kein sachlicher Grund für Vereinigung (Art. 29 Abs. 1 lit. b und Art. 30 StPO)

BGE / ATF / DTF
BGE 147 IV 188 · ATF 147 IV 188 · DTF 147 IV 188
Datum
28.12.2020
Geschäftsnummer
1B_524/2020
Abteilung
I. Öffentlich-rechtliche Abteilung
Ausgang
Abgewiesen

Tragende Normen

Art. 78 BGG Art. 80 BGG Art. 92 BGG Art. 93 BGG Art. 29 StPO Art. 30 StPO Art. 147 StPO Art. 339 StPO

Zusammenfassung

Ein Beschuldigter erhob Beschwerde gegen die Entscheidung einer kantonalen Strafkammer, mit der diese die Beschwerde gegen eine Verfügung der Staatsanwaltschaft abwies, welche zwei Strafverfahren – eines gegen den Beschwerdeführer wegen Schändung, eines gegen einen Mitbeschuldigten wegen sexueller Nötigung – getrennt hatte. Streitig war, ob die Trennung rechtswidrig sei, weil beide Vorwürfe denselben Lebenssachverhalt betreffen und eine gemeinsame Verfahrensführung geboten sei, um widersprüchliche Urteile zu vermeiden und die Parteirechte des Beschwerdeführers im Verfahren gegen den Mitbeschuldigten zu wahren. Der Beschwerdeführer machte geltend, es liege Nebentäterschaft vor oder zumindest ein sachlicher Grund für die Vereinigung nach Art. 30 StPO.

Das Bundesgericht entschied, dass die Beschwerde abzuweisen sei. Es stellte fest, dass die Beschwerde zulässig sei, weil die Verfahrenstrennung einen drohenden, nicht wieder gutzumachenden Nachteil bewirken könne: Der Beschwerdeführer verliere seine Parteirechte im Verfahren gegen den Mitbeschuldigten, insbesondere das Recht auf Teilnahme an dessen Einvernahmen und an weiteren Beweiserhebungen, was aus Art. 147 Abs. 1 StPO e contrario folge. Für die Zulässigkeit genüge es, dass dieser Nachteil schlüssig behauptet werde; der Beschwerdeführer habe dies durch den Hinweis auf den engen zeitlichen, örtlichen und inhaltlichen Zusammenhang der Vorwürfe nachvollziehbar getan. Zur Begründetheit führte das Gericht aus, dass keine Nebentäterschaft im Sinne von Art. 29 Abs. 1 lit. b StPO vorliege, weil die Geschädigte zu unterschiedlichen Zeitpunkten in ihrer sexuellen Integrität verletzt worden sein soll – es fehle also an einem einheitlichen tatbestandsmässigen Erfolg. Auch ein sachlicher Grund für eine Verfahrensvereinigung nach Art. 30 StPO sei nicht gegeben: Der bloße Umstand, dass sich zwei gegen dieselbe Person gerichtete Taten am selben Ort und in derselben Nacht ereigneten, reiche nicht aus; ebenso wenig genüge die Notwendigkeit, die Glaubhaftigkeit der Aussagen der Geschädigten in beiden Verfahren einheitlich zu beurteilen. Die Staatsanwaltschaft habe zudem sachlich begründet, dass es sich um zwei voneinander unabhängige Lebenssachverhalte handle und die Untersuchung gegen den Beschwerdeführer bereits abgeschlossen sei, während sie gegen den Mitbeschuldigten noch andauere – dies spreche für die Legitimität der Verfahrenstrennung im Sinne des Beschleunigungsgebots. Das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege wurde bewilligt, weil die gesetzlichen Voraussetzungen nach Art. 64 BGG erfüllt seien. Das Urteil ist bemerkenswert, weil es die Rechtsprechung zur Zulässigkeit von Beschwerden gegen Verfahrenstrennungen klärt und bestätigt, dass ein drohender Verlust von Parteirechten grundsätzlich einen nicht wieder gutzumachenden Nachteil darstellt, während die materielle Prüfung der Vereinigungsvoraussetzungen streng bleibt.

Regeste

Art. 29 f. StPO, Art. 92 und 93 Abs. 1 lit. a BGG; Eintretensfrage bei Trennung von Strafverfahren. Darstellung der früheren, uneinheitlichen Rechtsprechung (E. 1.2). Art. 92 BGG ist bei Verfahrenstrennungen nur anwendbar, wenn im konkreten Einzelfall die Frage der Verfahrenstrennung ausnahmsweise mit derjenigen der Zuständigkeit zusammenfällt (E. 1.3.1). Weil die Verfahrenstrennung zu erheblichen prozessualen Rechtsnachteilen führen kann (Verlust der Parteistellung) und vor dem Hintergrund der bundesgerichtlichen Praxis zu Art. 93 Abs. 1 lit. a BGG ist es angezeigt, die beschuldigte Person bei Verfahrenstrennungen (bzw. der Verweigerung einer Verfahrensvereinigung) nicht auf die Anfechtbarkeit des Endentscheids zu verweisen, sondern grundsätzlich einen drohenden, nicht wieder gutzumachenden Nachteil im Sinne dieser Bestimmung zu bejahen (E. 1.3.2-1.3.5). Dass diese Voraussetzung im konkreten Fall gegeben ist, muss der Beschwerdeführer in schlüssiger Weise dartun (E. 1.4). Regeste Art. 29 s. CPP, art. 92 et 93 al. 1 let. a LTF; problématique de l'entrée en matière en cas de disjonction de procédures pénales. Exposé de la jurisprudence non uniforme rendue précédemment en la matière (consid. 1.2). En cas de disjonction de procédure, l'art. 92 LTF ne s'applique que si, dans le cas d'espèce, la question de la disjonction des procédures coïncide exceptionnellement avec une problématique de compétence (consid. 1.3.1). Dès lors que la disjonction des procédures peut entraîner d'importants inconvénients procéduraux (perte de la qualité de partie) et eu égard à la pratique du Tribunal fédéral en lien avec l'art. 93 al. 1 let. a LTF, il convient, non pas de renvoyer le prévenu en cas de disjonction (respectivement de refus de joindre des causes) à la procédure de recours contre la décision finale, mais d'admettre en principe l'existence d'un préjudice irréparable au sens de cette disposition (consid. 1.3.2-1.3.5). Le recourant doit démontrer avec une certaine vraisemblance que cette condition est réalisée dans le cas d'espèce (consid. 1.4). Regesto Art. 29 seg. CPP, art. 92 e 93 cpv. 1 lett. a LTF; questione di ammissibilità nel caso di disgiunzione di procedimenti penali. Descrizione della precedente, non uniforme, giurisprudenza in materia (consid. 1.2). Nell'ambito della disgiunzione dei procedimenti, l'art. 92 CPP si applica soltanto se, nel singolo caso concreto, la questione della disgiunzione dei procedimenti coincide eccezionalmente con quella della competenza (consid. 1.3.1). Poiché la disgiunzione dei procedimenti può comportare pregiudizi procedurali rilevanti (perdita della qualità di parte) e in considerazione della prassi del Tribunale federale relativa all'art. 93 cpv. 1 lett. a LTF, conviene non rinviare l'imputato in caso di disgiunzione dei procedimenti (rispettivamente di rifiuto di congiungerli) all'impugnabilità della decisione finale, ma ammettere di principio la minaccia di un pregiudizio irreparabile ai sensi di questa disposizione (consid. 1.3.2-1.3.5). Il ricorrente deve dimostrare in modo convincente che questa condizione è adempiuta nel caso concreto (consid. 1.4).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.

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