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Justizze. Art. 125 ZGB

Bundesgericht

Ehepaar führt acht Jahre lang Beziehung auf Distanz ohne gemeinsamen Haushalt: nachehelicher Unterhalt ab Trennung 2012 verneint (Art. 125 Abs. 1 ZGB)

BGE / ATF / DTF
BGE 147 III 249 · ATF 147 III 249 · DTF 147 III 249
Datum
03.11.2020
Geschäftsnummer
5A_907/2018
Abteilung
II. Zivilrechtliche Abteilung
Ausgang
Teilweise gutgeheissen

Tragende Normen

Art. 72 BGG Art. 74 BGG Art. 75 BGG Art. 112 BGG Art. 114 ZGB Art. 125 ZGB Art. 162 ZGB Art. 163 ZGB Art. 198 ZGB Art. 200 ZGB

Zusammenfassung

Ein Ehemann beschwert sich beim Bundesgericht gegen ein kantonales Urteil, das ihm nachehelichen Unterhalt bis zum AHV-Alter seiner Ehefrau auferlegt hat. Die Ehe war kinderlos und wurde 2012 getrennt, nachdem die Ehegatten acht Jahre lang – bedingt durch die Auslandstätigkeit des Ehemannes – getrennte Haushalte geführt hatten. Die Ehefrau lebte in der Schweiz, besuchte ihren Mann nur gelegentlich im Ausland und erbrachte keine Naturalunterhaltsleistungen. Der Ehemann bestreitet, dass die Ehe lebensprägend war, und macht geltend, er habe bereits acht Jahre lang Unterhalt gezahlt. Streitig ist auch die Zuordnung verschiedener Vermögenswerte im Güterrecht, insbesondere eines Fahrzeugs, Investitionen in Ferienhäuser und eines Bankkontos.

Das Bundesgericht hebt den Teil des kantonalen Urteils auf, der dem Ehemann die Zahlung von nachehelichem Unterhalt bis zum AHV-Alter der Ehefrau auferlegt. Es stellt fest, dass die Ehe nicht lebensprägend war, weil die Ehegatten acht Jahre lang getrennte Haushalte führten, die Ehefrau den gemeinsamen Haushalt nicht besorgte und somit keine Naturalunterhaltsleistungen im Sinn von Art. 163 ZGB erbrachte. Die Ehefrau hatte vor der Ehe vollzeit gearbeitet, weist keine gesundheitlichen Einschränkungen auf und bewarb sich nach der Trennung erfolglos auf Stellen in ihrem Berufsfeld. Der Ehemann zahlte seit der Trennung im August 2012 acht Jahre lang monatlich Fr. 4'500.-- Unterhalt; dieser Umstand rechtfertigt nach Auffassung des Bundesgerichts die Erfüllung seiner Pflichten aus der Ehe im Rahmen der nachehelichen Solidarität gemäss Art. 125 Abs. 1 ZGB. Das Bundesgericht prüft zudem die güterrechtlichen Fragen und bestätigt die kantonale Zuordnung des Jeep Cherokee als Schenkung zugunsten des Eigenguts der Ehefrau gemäss Art. 198 Ziff. 2 ZGB sowie die Zuordnung der Investitionen in die Ferienhäuser und des Kontos bei der Bank D.________ zur Errungenschaft, da der Ehemann den Nachweis der Herkunft aus seinem Eigengut nicht erbracht hat, wie Art. 200 Abs. 3 ZGB dies verlangt. Die Gerichtskosten werden zu einem Fünftel dem Ehemann und zu vier Fünfteln der Ehefrau auferlegt; die Ehefrau muss den Ehemann mit Fr. 3'000.-- entschädigen. Das Urteil ist bemerkenswert, weil es die Lebensprägung einer Ehe nicht schematisch an der Dauer misst, sondern konkret prüft, ob tatsächlich eine ökonomische Gemeinschaft mit Naturalleistungen bestand, und weil es klargestellt hat, dass eine langjährige Unterhaltszahlung nach der Trennung die nacheheliche Solidarität erschöpfen kann.

Regeste

Art. 125 ZGB; nachehelicher Unterhalt; Frage der Lebensprägung. Prinzipien der Unterhaltsfestsetzung (E. 3.4). Begriff und Folgen der lebensprägenden Ehe nach bisheriger Rechtsprechung (E. 3.4.1). Die Frage der Lebensprägung darf keinen "Kippeffekt" für die Rechtsfolgen zeitigen; vielmehr ist die konkrete Ehe zu würdigen und der Einzelfall zu beurteilen (E. 3.4.2). Weiterentwicklung des Begriffes der lebensprägenden Ehe, welche zur Bestimmung des gebührenden nachehelichen Unterhaltes eine Anknüpfung am ehelich gelebten Standard rechtfertigt (E. 3.4.3). Selbst bei lebensprägender Ehe geht die Eigenversorgung einem allfälligen Unterhaltsanspruch vor. Grundsätzlich ist eine vorhandene Erwerbskapazität vollständig auszuschöpfen (E. 3.4.4). Wenn sie ganz oder teilweise fehlt, besteht gegenüber dem anderen Ehegatten auch nachehelich ein Unterhaltsanspruch, soweit dieser leistungsfähig ist. Der Unterhaltsanspruch ist zeitlich angemessen zu begrenzen (E. 3.4.5). Insgesamt massgeblich sind somit die Umstände des Einzelfalles, d.h. das, was die konkrete Ehe ausgemacht hat (E. 3.4.6). Anwendung dieser Prinzipien auf den vorliegenden Fall (E. 3.5). Regeste Art. 125 CC; entretien après le divorce; question de l'impact décisif du mariage sur la vie. Principes régissant la fixation de l'entretien (consid. 3.4). Notion et conséquences du mariage qui a concrètement influencé la situation financière de l'époux créancier selon la jurisprudence valable jusqu'à présent (consid. 3.4.1). Cette question ne doit pas avoir un "effet de bascule" sur les conséquence juridiques; il s'agit plutôt d'apprécier le mariage en cause et de juger le cas individuel (consid. 3.4.2). Poursuite du développement de la notion de mariage qui a eu une influence concrète, lequel justifie de se référer au train de vie mené par les époux pour déterminer l'entretien convenable dû après le divorce (consid. 3.4.3). Même lorsque le mariage a durablement marqué de son empreinte la situation de l'époux bénéficiaire, le principe de l'autonomie prime sur toute prétention d'entretien. S'il existe une capacité de gain, elle doit en règle générale être entièrement épuisée (consid. 3.4.4). Lorsqu'elle fait défaut, en tout ou en partie, l'époux concerné peut prétendre à une contribution d'entretien, même après le divorce, pour autant que l'autre conjoint dispose d'une capacité contributive suffisante. Le droit à une contribution d'entretien doit être limité dans le temps de manière appropriée (consid. 3.4.5). D'une manière générale, ce sont donc les circonstances du cas particulier qui sont déterminantes, c'est-à-dire ce qui a spécifiquement constitué le mariage (consid. 3.4.6). Application de ces principes en l'espèce (consid. 3.5). Regesto Art. 125 CC; mantenimento dopo il divorzio; questione dell'influenza concreta sulla vita. Principi che reggono la fissazione del mantenimento (consid. 3.4). Concetto e conseguenze del matrimonio che ha concretamente influenzato la vita del coniuge creditore secondo la giurisprudenza finora valida (consid. 3.4.1). La questione dell'influenza concreta sulla vita non deve produrre un "effetto di ribaltamento" sulle conseguenze giuridiche; occorre piuttosto valutare il matrimonio specifico esaminare il singolo caso (consid. 3.4.2). Sviluppo ulteriore del concetto di matrimonio che ha concretamente influenzato la vita del coniuge creditore, matrimonio che giustifica di riferirsi al tenore di vita coniugale per determinare il debito mantenimento dopo il divorzio (consid. 3.4.3). Anche in caso di matrimonio che ha concretamente influenzato la vita del coniuge creditore, l'indipendenza economica ha la priorità su un eventuale diritto al mantenimento. Se esiste una capacità di guadagno, essa va in linea di principio completamente sfruttata (consid. 3.4.4). Se tale capacità è assente, in parte o del tutto, il coniuge creditore ha diritto al mantenimento da parte dell'altro coniuge anche dopo il divorzio, per quanto quest'ultimo abbia una capacità contributiva sufficiente. Il diritto al mantenimento va opportunamente limitato nel tempo (consid. 3.4.5). Complessivamente sono quindi determinanti le circostanze del singolo caso, vale a dire ciò che ha costituito il matrimonio specifico (consid. 3.4.6). Applicazione di tali principi al caso di specie (consid. 3.5).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.

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