Justizze.

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Justizze. Art. 190 StGB

Bundesgericht

Stiefvater missbraucht acht- bis zehneinhalbjährige Stieftochter im gemeinsamen Haushalt: Vergewaltigung und sexuelle Nötigung wegen psychischen Drucks durch Geheimhaltung und Manipulation (Art. 190 Abs. 1 und Art. 189 Abs. 1 StGB)

BGE / ATF / DTF
BGE 146 IV 153 · ATF 146 IV 153 · DTF 146 IV 153
Datum
09.04.2020
Geschäftsnummer
6B_1265/2019
Abteilung
Strafrechtliche Abteilung
Ausgang
Abgewiesen

Tragende Normen

Art. 42 BGG Art. 47 StGB Art. 49 StGB Art. 187 StGB Art. 189 StGB Art. 190 StGB Art. 191 StGB Art. 343 StPO Art. 389 StPO Art. 405 StPO

Zusammenfassung

Ein Mann wurde wegen mehrfacher Vergewaltigung, mehrfacher sexueller Nötigung, mehrfacher sexueller Handlungen mit Kindern, mehrfacher Pornographie und mehrfacher Gewaltdarstellungen verurteilt. Die Vorinstanz bestätigte den Schuldspruch in den wesentlichen Punkten und verurteilte ihn zu einer Freiheitsstrafe von acht Jahren sowie zu einer Genugtuung von 50'000 Franken an das Opfer. Der Beschwerdeführer rügte insbesondere, die Vorinstanz habe zu Unrecht eine 'tatsituative Zwangssituation' angenommen, da er kein Redeverbot auferlegt und keine Drohungen ausgesprochen habe. Er beantragte die Aufhebung des Urteils und eine mildere Strafe. Es war streitig, ob die Einvernahme der Beschwerdegegnerin 2 durch die Vorinstanz erforderlich war, ob die Zeugenaussage von D._________ zulässig war und ob die Vorinstanz die Strafzumessung rechtskonform vorgenommen hatte.

Die Beschwerde wird abgewiesen, soweit darauf eingetreten wird. Das Bundesgericht stellt fest, dass die Videoeinvernahme der Beschwerdegegnerin 2 ausreichend war, um sich ein hinreichendes Bild von ihrem Aussageverhalten zu verschaffen, zumal weitere Sachbeweise wie Foto- und Videomaterial vorlagen und die Aussagen der Beschwerdegegnerin 2 durch diese objektiven Beweise bestätigt wurden. Der Beschwerdeführer lebte im gleichen Haushalt mit der acht- bis zehneinhalbjährigen Beschwerdegegnerin 2, nahm für sie eine Vaterrolle wahr und genoss großes Vertrauen sowohl von ihr als auch von ihrer Mutter. Er schuf eine Geheimnissituation, indem er ihr nach der ersten sexuellen Handlung sagte, dies bleibe unter ihnen und sei ihr Geheimnis, und begründete dies damit, dass solche Handlungen zwischen Erwachsenen und Kindern verboten seien. Das Opfer war zwar urteilsfähig, aber aufgrund seines jungen Alters, der engen Bezugspersonenbeziehung und der noch nicht abgeschlossenen Persönlichkeitsentwicklung stark beeinflussbar. Der Beschwerdeführer vermittelte die sexuellen Handlungen als Selbstverständlichkeit, Normalität oder Spiel und manipulierte dadurch die Willensbildung des Opfers. Er setzte die sexuellen Handlungen fort, obwohl die Beschwerdegegnerin 2 explizit Ablehnung äußerte. Diese Umstände reichten aus, um eine 'tatsituative Zwangssituation' im Sinne von Art. 189 Abs. 1 und Art. 190 Abs. 1 StGB zu bejahen. Die Vorinstanz wog die Strafzumessungsfaktoren im Rahmen ihres Ermessens richtig ab und berücksichtigte alle wesentlichen Gesichtspunkte. Der Antrag auf Reduktion der Genugtuung war unbegründet, weil der Beschwerdeführer ihn nicht begründete. Das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege wird gutgeheissen und Rechtsanwalt Stephan Bernard als Rechtsbeistand beigegeben. Rechtsanwalt Stephan Bernard erhält eine Entschädigung von 3'000 Franken aus der Bundesgerichtskasse. Dieses Urteil konkretisiert die Rechtsprechung zur 'tatsituativen Zwangssituation' bei sexuellem Missbrauch von Kindern im sozialen Nahbereich und klärt, dass ein Schweigegebot in einer Abhängigkeitssituation mit der Begründung, solche Handlungen seien verboten, ohne explizite Drohung oder Sanktionsandrohung bereits als Nötigungsmittel gilt.

Regeste

Art. 189 ff., Art. 187 StGB; Konkretisierung der Rechtsprechung zum Schutz der sexuellen Freiheit von Kindern, insbesondere zur Zwangssituation bei der Ausübung psychischen Drucks durch einen nahestehenden Täter; Bestätigung der Rechtsprechung zur Konkurrenz zwischen den sexuellen Nötigungstatbeständen und sexuellen Handlungen mit Kindern. In Fällen, in denen ein "Nein" eines Kindes zu sexuellen Handlungen nicht zu erwarten ist, weil es diese noch nicht einordnen kann, ist der Tatbestand der Schändung einschlägig. Eine allein altersbedingte Urteilsunfähigkeit ist nur zurückhaltend anzunehmen. Für den Zeitpunkt des Endes der Urteilsunfähigkeit sind die Umstände des Einzelfalles entscheidend. Auf die Festlegung einer fixen Altersgrenze ist weiterhin zu verzichten (E. 3.5.3). Bei gegebener Urteilsfähigkeit kann ein Täter aus dem sozialen Nahraum ein Kind auch ohne aktive Ausübung von Zwang oder Androhung von Nachteilen unter Druck setzen und damit die sexuellen Nötigungstatbestände erfüllen. Der Täter, der dem Kind vorspiegelt, die sexuellen Handlungen seien normal, eine schöne Sache oder als Gefälligkeit zu erbringen, schafft für das Kind eine ausweglose Situation, die von diesen Tatbeständen ebenso erfasst wird. Entscheidend ist, ob vom Kind angesichts seines Alters, seiner familiären und sozialen Situation, der Nähe des Täters, dessen Funktion in seinem Leben, seines Vertrauens in den Täter und der Art und Weise der Vornahme der sexuellen Handlungen erwartet werden kann, dass es sich dem Missbrauch eigenständig entgegensetzt (E. 3.5.5). Lassen sich Kinder im Alter wie vorliegend (achteinhalb- bis zehneinhalbjährig) ohne sich zu wehren in sexuelle Handlungen involvieren, kann daraus nicht auf eine freiwillige Mitwirkung geschlossen werden; es ist eine immer nur vermeintliche Freiwilligkeit (E. 3.5.6). Sichert sich der Täter den Zwangszustand durch das Schaffen einer Geheimnissituation und hält er diese aufrecht, ist ohne Weiteres davon auszugehen, dass die Ausweglosigkeit für das Kind andauert (E. 3.5.8). Regeste Art. 189 ss, art. 187 CP; concrétisation de la jurisprudence sur la protection de la liberté sexuelle des enfants, en particulier concernant une situation de contrainte par la pression psychique exercée par un auteur proche; confirmation de la jurisprudence sur le concours entre les infractions de contrainte sexuelle et les actes d'ordre sexuel avec des enfants. Dans les cas où un "non" de la part d'un enfant face à des actes d'ordre sexuel ne peut être attendu, car ceux-ci ne peuvent encore être compris, l'infraction d'actes d'ordre sexuel commis sur une personne incapable de discernement ou de résistance est applicable. Une incapacité de discernement fondée exclusivement sur l'âge ne doit être admise qu'avec retenue. S'agissant du moment de la fin de l'incapacité de discernement, les circonstances du cas d'espèce sont déterminantes. Il convient de renoncer à définir une limite d'âge fixe (consid. 3.5.3). Lorsque la capacité de discernement existe, un auteur se trouvant dans le proche entourage social d'un enfant peut aussi, sans utilisation active de la contrainte ou de la menace de désavantages, exercer sur lui une pression et ainsi réaliser des infractions de contrainte sexuelle. L'auteur qui laisse entendre à l'enfant que les actes sexuels seraient normaux, qu'ils seraient une belle chose, ou qu'ils constitueraient une faveur, place l'enfant dans une situation sans issue, laquelle est également couverte par ces infractions. Est déterminante la question de savoir si l'enfant - compte tenu de son âge, de sa situation familiale et sociale, de la proximité de l'auteur, de la fonction de ce dernier dans sa vie, de sa confiance en l'auteur et de la manière dont sont commis les actes d'ordre sexuel - peut, de manière autonome, s'opposer aux abus (consid. 3.5.5). Lorsque des enfants de l'âge concerné en l'espèce (huit ans et demi à dix ans et demi) se laissent, sans opposition, impliquer dans des actes d'ordre sexuel, on ne saurait ainsi conclure à une participation volontaire; il ne s'agit que d'un prétendu consentement (consid. 3.5.6). Lorsque l'auteur s'assure un état de contrainte par l'élaboration d'une relation secrète et qu'il maintient celle-ci, on peut sans autre considérer que la situation sans issue perdure pour l'enfant (consid. 3.5.8). Regesto Art. 189 segg., art. 187 CP; concretizzazione della giurisprudenza relativa alla tutela della libertà sessuale dei fanciulli, con particolare riguardo alla situazione di costrizione derivante da pressioni psicologiche esercitate da un autore vicino alla vittima; conferma della giurisprudenza sul concorso tra coazione sessuale e atti sessuali con fanciulli. La fattispecie penale di atti sessuali con persone incapaci di discernimento o inette a resistere è applicabile ai casi in cui non è possibile attendersi dal bambino che opponga un rifiuto agli atti sessuali, in quanto non ancora in grado di capirli. Un'incapacità di discernimento dovuta unicamente all'età va ammessa solo con riserbo. La fine dell'incapacità di discernimento si determina sulla base delle circostanze del singolo caso. Occorre rinunciare a stabilire un limite di età fisso (consid. 3.5.3). Se la capacità di discernimento è data, l'autore appartenente alla ristretta cerchia sociale del bambino può esercitare pressioni su di lui anche senza l'uso attivo di costrizioni o il ricorso alla minaccia di svantaggi e può pertanto rendersi colpevole di coazione sessuale. L'autore che fa credere al bambino che gli atti sessuali siano normali, qualcosa di bello o un favore, lo pone in una situazione senza via d'uscita, parimenti compresa da questa fattispecie penale. Risulta decisivo sapere se è possibile attendersi dal bambino che si opponga autonomamente agli abusi, tenuto conto della sua età, della sua situazione familiare e sociale, della vicinanza e del ruolo dell'autore nella sua vita, della fiducia che ripone in lui e del modo in cui sono commessi gli atti sessuali (consid. 3.5.5). Non è possibile dedurre una partecipazione volontaria agli atti sessuali dal fatto che bambini dell'età come quella del caso concreto (da otto anni e mezzo fino a dieci anni e mezzo) vi si lasciano coinvolgere senza opporsi, trattandosi sempre e solo di una presunta volontà (consid. 3.5.6). Se l'autore si assicura uno stato di costrizione creando e mantenendo un contesto di segretezza, si può senz'altro ritenere che per il bambino perduri la mancanza di vie di uscita (consid. 3.5.8).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.

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