Erben geltend machen Genugtuungsanspruch wegen Asbestmesothelioms: Ansprüche sind nach zehnjähriger absoluter Verjährungsfrist verjährt (Art. 60 Abs. 1 OR)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 146 III 25 · ATF 146 III 25 · DTF 146 III 25
- Datum
- 06.11.2019
- Geschäftsnummer
- 4A_554/2013
- Abteilung
- I. Zivilrechtliche Abteilung
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Art. 41 OR Art. 60 OR Art. 127 OR Art. 130 OR Art. 679 ZGB Art. 684 ZGB
Zusammenfassung
Die Erben eines 2006 verstorbenen Mannes, der 1953 geboren wurde und von 1961 bis 1972 in unmittelbarer Nähe eines Eternit-Werks in Niederurnen wohnte, erhoben 2009 Klage gegen mehrere Unternehmen, darunter die Eternit (Schweiz) AG, ehemalige Geschäftsführer und die Schweizerischen Bundesbahnen SBB AG. Sie machten Genugtuungsansprüche wegen eines 2004 diagnostizierten, mutmasslich asbestinduzierten Pleuramesothelioms geltend. Die Kläger beriefen sich auf verschiedene Haftungsgrundlagen: Haftung aus Grundeigentum, Werkeigentum, unerlaubter Handlung und Mietvertrag. Die Vorinstanz wies die Klage zufolge Verjährung ab. Die Erben legten Beschwerde beim Bundesgericht ein und argumentierten, die absolute Verjährungsfrist müsse erst mit Kenntnis des Schadens beginnen, insbesondere im Lichte des EGMR-Urteils Howald Moor gegen Schweiz. Sie rügten zudem eine unterlassene Informationspflicht der Beklagten nach 1972 sowie Rechtsmissbrauch durch die Verjährungseinrede.
Das Bundesgericht verwirft die Beschwerde und bestätigt die Abweisung der Klage wegen Verjährung. Es stellt fest, dass die letzte behauptete Asbestexposition des Verstorbenen im Jahr 1972 stattfand. Nach ständiger Rechtsprechung beginnt die absolute Verjährungsfrist von zehn Jahren sowohl bei vertraglicher als auch bei ausservertraglicher Haftung mit dem schadenstiftenden Ereignis, also mit der letzten Exposition. Da die Klage erst am 16. Juli 2009 erhoben wurde, waren sämtliche Ansprüche bereits Ende 1982 absolut verjährt. Die Beschwerdeführer konnten nicht substantiiert darlegen, dass eine eigenständige Informationspflicht der Beklagten nach 1972 bestand, etwa über die Gefährlichkeit von Asbest für Anwohner; sie nannten weder eine gesetzliche, vertragliche noch grundsätzliche Grundlage dafür, und es fehlten konkrete Behauptungen dazu, wann und wie die Beklagten diese Pflicht hätten erkennen müssen. Auch die Berufung auf das EGMR-Urteil Howald Moor gegen Schweiz führt nicht zum Erfolg: Das Urteil verlangt keine Aufhebung aller absoluten Verjährungsfristen, sondern kritisiert lediglich deren unangemessene Länge im Einzelfall; eine Klage 37 Jahre nach der letzten möglichen Schädigung ist jedoch nicht mehr zulässig. Die Verjährungseinrede ist zudem nicht rechtsmissbräuchlich, da objektive Fristen bestehen und die Treuwidrigkeit nicht allein mit der Nichterkennbarkeit des Schadens begründet werden kann. Die Beschwerdeführer tragen die Gerichtskosten von Fr. 5'000.-- und müssen die Beschwerdegegner mit je Fr. 6'000.-- entschädigen. Das Urteil bestätigt die strikte Anwendung der absoluten Verjährungsfrist bei Spätschäden und klärt, dass das Urteil Howald Moor keine generelle Ausnahme vom Verjährungsgrundsatz schafft.
Regeste
Art. 60 Abs. 1 OR; Art. 127 i.V.m. Art. 130 Abs. 1 OR; Art. 6 Ziff. 1 EMRK; Schadenersatzansprüche der Erben eines Asbestopfers; Beginn der absoluten Verjährung vertraglicher und ausservertraglicher Ansprüche; Bedeutung des EGMR-Urteils Howald Moor und andere gegen Schweiz vom 11. März 2014. Der Gesetzgeber hat im Rahmen der Revision des Verjährungsrechts (Inkrafttreten am 1. Januar 2020) am System der doppelten Verjährungsfristen festgehalten (E. 3). Frage der generellen Anwendbarkeit der sog. Schubert-Praxis bei einem Konflikt zwischen Landesrecht und Art. 6 Ziff. 1 EMRK offengelassen (E. 7). Voraussetzung für die Anwendung von Art. 6 Ziff. 1 EMRK ist das Bestehen eines materiellrechtlichen Anspruchs nach innerstaatlichem Recht (E. 8.1). Dem EGMR-Urteil Howald Moor kann nicht entnommen werden, dass damit absolute Verjährungsfristen nach innerstaatlichem materiellem Recht ausgeschlossen wären. Ein Anspruch, der erst rund 37 Jahre nach der letztmöglichen Schädigung geltend gemacht wird, ist verjährt (E. 8.2). Frage offengelassen, inwieweit mit dem Entschädigungsfonds für Asbestopfer eine alternative Lösung für Schädigungen unter bisherigem Recht geschaffen wurde (E. 8.3). Regeste Art. 60 al. 1 CO; art. 127 en lien avec art. 130 al. 1 CO; art. 6 par. 1 CEDH; prétentions en dommages-intérêts émises par les héritiers d'une victime de l'amiante; point de départ du délai de prescription absolu pour les prétentions contractuelles et délictuelles; portée de l'arrêt rendu le 11 mars 2014 par la CourEDH dans l'affaire Howald Moor et autres contre la Suisse. Lors de la révision du droit de la prescription (entrée en vigueur le 1 er janvier 2020), le législateur a décidé de maintenir le système du double délai de prescription (consid. 3). Question de l'applicabilité générale de la "jurisprudence Schubert" en cas de conflit entre le droit interne et l'art. 6 par. 1 CEDH laissée en suspens (consid. 7). L'art. 6 par. 1 CEDH présuppose l'existence d'une prétention de droit matériel selon le droit interne (consid. 8.1). On ne peut inférer de l'arrêt de la CourEDH Howald Moor qu'il serait exclu de fixer des délais de prescription absolus en droit matériel interne. Une prétention qui n'est invoquée que quelque 37 ans après la dernière atteinte possible est prescrite (consid. 8.2). Renonciation à examiner dans quelle mesure le fonds d'indemnisation pour les victimes de l'amiante a institué une "autre solution" pour les atteintes relevant de l'ancien droit (consid. 8.3). Regesto Art. 60 cpv. 1 CO; art. 127 in relazione con l'art. 130 cpv. 1 CO; art. 6 n. 1 CEDU; pretese di risarcimento danni di eredi di una vittima dell'amianto; inizio della prescrizione assoluta di pretese contrattuali ed extracontrattuali; portata della sentenza della CorteEDU in re Howald Moor e altri contro la Svizzera dell'11 marzo 2014. Nel quadro della revisione del diritto in materia di prescrizione (entrata in vigore il 1° gennaio 2020) il legislatore ha mantenuto il sistema dei duplici termini di prescrizione (consid. 3). La questione dell'applicabilità generale della cosiddetta prassi Schubert nel caso di un conflitto fra il diritto nazionale e l'art. 6 n. 1 CEDU è stata lasciata aperta (consid. 7). L'applicazione dell'art. 6 n. 1 CEDU presuppone l'esistenza di una pretesa di diritto materiale secondo il diritto nazionale (consid. 8.1). Dalla sentenza della CorteEDU in re Howald Moor non può essere dedotto che il diritto nazionale non possa prevedere termini di prescrizione assoluti. Una pretesa fatta valere solo dopo 37 anni dall'ultimo possibile danneggiamento è prescritta (consid. 8.2). È rimasta indecisa la questione di sapere in che misura è stata creata, con l'istituzione di un fondo di risarcimento delle vittime dell'amianto, una soluzione alternativa per i danni subiti sotto il diritto previgente (consid. 8.3).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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