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Justizze. Art. 229 ZPO

Bundesgericht

Beschwerdeführer bestreitet Passivlegitimation in Rechtsöffnungsverfahren: zweiter Schriftenwechsel ermöglicht unbeschränkten Novenvortrag (Art. 229 Abs. 1 ZPO)

BGE / ATF / DTF
BGE 146 III 237 · ATF 146 III 237 · DTF 146 III 237
Datum
19.06.2020
Geschäftsnummer
5A_366/2019
Abteilung
II. Zivilrechtliche Abteilung
Ausgang
Abgewiesen

Tragende Normen

Art. 74 BGG Art. 105 BGG Art. 55 ZPO Art. 219 ZPO Art. 229 ZPO

Zusammenfassung

Ein Gläubiger beantragte beim Bezirksgericht die Vollstreckbarerklärung deutscher Titel und die definitive Rechtsöffnung gegen einen Schuldner. Der Schuldner erhob Rechtsvorschlag und bestreitet seine Passivlegitimation. Das Bezirksgericht erklärte die Titel für vollstreckbar und erteilte die Rechtsöffnung. Der Schuldner beschwerte sich beim Obergericht, das die Beschwerde abwies. Dagegen legte der Schuldner Beschwerde ans Bundesgericht ein, wobei strittig war, ob die Gläubigerin im bezirksgerichtlichen Verfahren zulässigerweise neue Beweismittel zur Identität nachgereicht hatte und ob die Beschwerde zulässig ist.

Das Bundesgericht wies die Beschwerde ab, soweit darauf einzutreten ist. Der Streitwert von Fr. 10'000.-- unterschreitet den für eine Beschwerde in Zivilsachen erforderlichen Mindestbetrag von Fr. 30'000.-- (Art. 74 Abs. 1 lit. b BGG), doch stellte das Gericht eine Rechtsfrage von grundsätzlicher Bedeutung fest, nämlich bis zu welchem Zeitpunkt im summarischen Verfahren unechte Noven vorgebracht werden können (Art. 74 Abs. 2 lit. a BGG). Das Bezirksgericht hatte mit Verfügung vom 30. August 2018 die Gläubigerin ausdrücklich zur Stellungnahme innerhalb einer Frist unter Hinweis auf Säumnisfolgen aufgefordert und diese Aufforderung im Entscheid als „Erstattung der Replik“ bezeichnet; daraus ergab sich ein formeller zweiter Schriftenwechsel (Art. 147 Abs. 2 ZPO). Damit durfte die Gläubigerin in ihrer Eingabe vom 28. September 2018 unbeschränkt Noven vorbringen (Art. 229 Abs. 2 ZPO analog), so dass ihr Vorbringen zur Passivlegitimation zulässig war. Der Beschwerdeführer begründete seine Rügen zur Identitätsfrage nicht genügend nach Art. 97 Abs. 1 BGG, indem er sich nicht mit den vorinstanzlich festgestellten Umständen zur Übereinstimmung der Unterschriften auf der Anwaltsvollmacht und den deutschen Urteilen auseinandersetzte (Art. 219 ZPO, Art. 229 Abs. 1 lit. b ZPO, Art. 55 Abs. 1 ZPO). Das Bundesgericht verurteilte den Beschwerdeführer zur Tragung der Gerichtskosten von Fr. 2'500.-- (Art. 66 Abs. 1 BGG) und zur Entschädigung der Beschwerdegegnerin mit Fr. 3'000.-- (Art. 68 Abs. 1 BGG). Die Entscheidung klärt erstmals höchstrichterlich, dass im summarischen Verfahren bei einem formellen zweiten Schriftenwechsel unbeschränkter Novenvortrag zulässig ist – eine praxisrelevante Klarstellung zum Aktenschluss und zur Novenregelung.

Regeste

Art. 219 i.V.m. Art. 229 Abs. 1 und 2 ZPO; Aktenschluss im summarischen Verfahren bei zweitem Schriftenwechsel. Wird im Summarverfahren ein zweiter Schriftenwechsel angeordnet, sind darin unbeschränkt Noven zulässig. Der Aktenschluss tritt nach dem zweiten Schriftenwechsel ein. Nachher sind Noven nur noch unter den Voraussetzungen von Art. 229 Abs. 1 ZPO zulässig (E. 3.1; Klärung der in BGE 144 III 117 offengelassenen Frage). Die Gerichte haben eindeutig anzugeben, ob sie einen formellen zweiten Schriftenwechsel anordnen oder lediglich das Replikrecht gewähren wollen (E. 3.2). Regeste Art. 219 en relation avec l'art. 229 al. 1 et 2 CPC; clôture de la phase d'allégation lors d'un second échange d'écritures en procédure sommaire. Les nova sont admis de manière illimitée lorsqu'un second échange d'écritures est ordonné dans une procédure sommaire. La clôture de la phase d'allégation n'intervient qu'après le second échange d'écritures. Les nova ne sont ensuite recevables qu'aux conditions de l'art. 229 al. 1 CPC (consid. 3.1; précision de la question laissée ouverte aux ATF 144 III 117 ). Les tribunaux doivent indiquer de manière explicite s'ils ordonnent formellement un second échange d'écritures ou s'ils se contentent de réserver le droit à la réplique (consid 3.2). Regesto Art. 219 in relazione con l'art. 229 cpv. 1 e 2 CPC; fine della fase allegatoria nella procedura sommaria in caso di secondo scambio di scritti. In un secondo scambio di scritti ordinato nella procedura sommaria, i nova sono ammissibili senza alcuna limitazione. La fine della fase allegatoria sopraggiunge dopo il secondo scambio di scritti. In seguito, i nova sono ancora ammissibili unicamente alle condizioni dell'art. 229 cpv. 1 CPC (consid. 3.1; precisazione della questione lasciata aperta in DTF 144 III 117 ). Il giudice deve indicare in modo chiaro se sta ordinando un secondo scambio di scritti formale o soltanto concedendo il diritto di replica (consid. 3.2).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.

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