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Justizze. Art. 70 ATSG

Bundesgericht

Arbeitslosenkasse zieht Taggelder zurück, nachdem IV-Stelle Vorbescheid erlässt: Vorleistungspflicht endet erst mit rechtskräftiger Verfügung, nicht mit Vorbescheid oder interner Mitteilung (Art. 70 Abs. 2 lit. b ATSG)

BGE / ATF / DTF
BGE 145 V 399 · ATF 145 V 399 · DTF 145 V 399
Datum
24.10.2019
Geschäftsnummer
BGE 145 V 399
Ausgang
Abgewiesen

Tragende Normen

Art. 70 ATSG Art. 8 AVIG Art. 15 AVIG Art. 23 AVIG Art. 15 AVIV Art. 40b AVIV

Zusammenfassung

Die Öffentliche Arbeitslosenkasse des Kantons Aargau hatte dem Versicherten A. nach Beendigung seines Arbeitsverhältnisses Arbeitslosentaggelder gezahlt. Nachdem die IV-Stelle des Kantons Aargau am 30. April 2018 einen Beschluss erlassen hatte, wonach A. ab 1. Januar 2017 eine Viertelsrente und ab 1. April 2017 eine halbe Rente erhalten sollte, zog die Arbeitslosenkasse ihre Taggeldleistungen für die Monate April 2017 bis Mai 2018 in Wiedererwägung und kürzte sie auf 50 Prozent. Der Versicherte legte Einsprache ein. Das Versicherungsgericht des Kantons Aargau hob den Einspracheentscheid auf. Die Arbeitslosenkasse erhob Beschwerde ans Bundesgericht und beantragte die Aufhebung des kantonalen Gerichtsentscheids.

Das Bundesgericht wies die Beschwerde der Arbeitslosenkasse ab. Es stellte fest, dass der Schwebezustand – also die Vorleistungspflicht der Arbeitslosenversicherung zur Vermeidung von Lücken im Erwerbsersatz – erst mit einer Verfügung der IV-Stelle endet, die Aussenwirkung entfaltet und den Erwerbsunfähigkeitsgrad rechtsgestaltend festlegt. Der Vorbescheid vom 30. April 2018 war kein solcher hoheitlicher Verwaltungsakt, sondern ein verwaltungsinterner Beschluss, der sich nicht an den Versicherten richtete und lediglich die Ausgleichskasse zur Berechnung der Rente aufforderte. Gegen diesen Vorbescheid waren zudem Einwände erhoben worden, weshalb der Invaliditätsgrad zum damaligen Zeitpunkt noch nicht feststand. Auch die viermonatige Zeitspanne zwischen Beschluss und Verfügung vom 7. September 2018 zeigte, dass der Sachverhalt bis dahin noch offen war und Änderungen möglich blieben. Die Rechtsprechung verlangt daher, dass die Vorleistungspflicht nur mit der Verfügung endet, um Rechtssicherheit und Praktikabilität im Verwaltungsverfahren zu gewährleisten. Dies folgt aus Art. 70 Abs. 2 lit. b ATSG, Art. 8 Abs. 1 lit. f und Art. 15 Abs. 2 AVIG i.V.m. Art. 15 Abs. 3 AVIV, Art. 23 AVIG sowie Art. 40b AVIV. Die Arbeitslosenkasse erlitt dadurch keinen Rechtsnachteil, da ihr Rückforderungsanspruch gegenüber der Invalidenversicherung unberührt blieb. Die Entscheidung klärt abschließend, dass auch eine verwaltungsinterne Mitteilung an die Ausgleichskasse keine hinreichende Grundlage für die Beendigung des Schwebezustands bildet.

Regeste

Art. 70 Abs. 2 lit. b ATSG; Art. 8 Abs. 1 lit. f und Art. 15 Abs. 2 AVIG i.V.m. Art. 15 Abs. 3 AVIV; Art. 23 AVIG; Art. 40b AVIV; Vorleistungspflicht der Arbeitslosenversicherung im Verhältnis zur Invalidenversicherung. Die Arbeitslosenversicherung ist für die Zeit, in welcher der Anspruch auf Leistungen einer anderen Versicherung abgeklärt wird, vorleistungspflichtig, um Lücken im Erwerbsersatz zu vermeiden (Schwebezustand). Die Rechtsprechung zur Beendigung dieser Vorleistungspflicht zielt darauf ab, dass die Arbeitslosenkasse sobald als möglich, nämlich dann, wenn der Erwerbsunfähigkeitsgrad feststeht, die notwendige Leistungsanpassung vornehmen kann. Diese Anpassung, je nach Fallkonstellation, auch im Zeitpunkt eines verwaltungsinternen Beschlusses zuzulassen, ginge zulasten der Rechtssicherheit und der Praktikabilität im Verwaltungsverfahren. Von der grundsätzlichen Beendigung des Schwebezustands durch Erlass der Verfügung der IV-Stelle ist daher nicht abzuweichen, zumal hieraus der Arbeitslosenkasse kein Rechtsnachteil erwächst (E. 2-4). Regeste Art. 70 al. 2 let. b LPGA; art. 8 al. 1 let. f et art. 15 al. 2 LACI en relation avec l'art. 15 al. 3 OACI; art. 23 LACI; art. 40b OACI; obligation de l'assurance-chômage de prise en charge provisoire des prestations en relation avec l'assurance-invalidité. L'assurance-chômage est tenue de prendre en charge provisoirement les prestations pour la période durant laquelle le droit à des prestations d'une autre assurance fait l'objet d'une instruction, afin d'éviter des lacunes dans l'indemnisation de la perte de gain (état d'incertitude). La jurisprudence sur la cessation de cette prise en charge provisoire vise à ce que la caisse de chômage procède à l'adaptation nécessaire de la prestation le plus tôt possible, c'est-à-dire lorsque le taux de l'incapacité de gain est établi. Permettre d'effectuer cette adaptation, selon le cas particulier, également au moment d'une décision interne de l'administration irait à l'encontre de la sécurité du droit et de la praticabilité en procédure administrative. Il n'y a dès lors pas lieu de s'écarter du principe selon lequel l'état d'incertitude prend fin par le prononcé d'une décision de l'office AI, d'autant que cela n'entraîne aucun préjudice de nature juridique pour la caisse de chômage (consid. 2-4). Regesto Art. 70 cpv. 2 lett. b LPGA; art. 8 cpv. 1 lett. f e art. 15 cpv. 2 LADI in relazione con l'art. 15 cpv. 3 OADI; art. 23 LADI; art. 40b OADI; obbligo di prestazione anticipata dell'assicurazione contro la disoccupazione in relazione con l'assicurazione invalidità. L'assicurazione contro la disoccupazione è tenuta a versare una prestazione anticipata per il tempo in cui viene chiarito il diritto a prestazioni di un'altra assicurazione, affinché siano evitate lacune nella perdita di guadagno (situazione sospensiva). La giurisprudenza sul termine della prestazione anticipata mira, che la cassa di disoccupazione provveda al necessario adattamento di prestazione il più presto possibile ossia quando è accertato il grado di incapacità lavorativa. La possibilità di ammettere secondo i casi tale adattamento anche nel momento di una decisione interna dell'amministrazione andrebbe a scapito della sicurezza giuridica e della praticabilità nel procedimento amministrativo. Non occorre scostarsi dal principio secondo cui occorre fissare il termine della situazione sospensiva con l'emanazione della decisione dell'ufficio invalidità, soprattutto perché alla cassa di disoccupazione non deriva un danno giuridico (consid. 2-4).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.

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