Justizze.

Die Schweizer Rechtsdatenbank mit KI.

Justizze. Art. 130 DBG

Bundesgericht

Steuerpflichtige wird jahrelang nach pflichtgemässem Ermessen veranlagt: Ermessensveranlagungen ab 2006 wegen bewusster Willkür und wider besseren Wissens nichtig (Art. 130 DBG)

BGE / ATF / DTF
BGE 145 V 326 · ATF 145 V 326 · DTF 145 V 326
Datum
11.07.2017
Geschäftsnummer
2C_679/2016
Abteilung
II. Öffentlich-rechtliche Abteilung
Ausgang
Teilweise gutgeheissen

Tragende Normen

Art. 82 BGG Art. 105 BGG Art. 127 DBG Art. 130 DBG Art. 132 DBG Art. 133 DBG Art. 146 DBG Art. 147 DBG Art. 148 DBG Art. 174 DBG Art. 43 StHG Art. 46 StHG Art. 48 StHG Art. 51 StHG Art. 73 StHG

Zusammenfassung

Eine Ärztin reichte von 2004 bis 2012 keine Steuererklärungen ein und wurde jeweils nach pflichtgemässem Ermessen veranlagt. Nachdem sie 2014 Revision beantragte, wies das kantonale Verwaltungsgericht ihre Klage ab. Sie legte Beschwerde ans Bundesgericht mit der Behauptung, die Ermessensveranlagungen seien nichtig, weil sie krass willkürlich seien. Streitig war, ob die Veranlagungen ab 2006 aufgrund der Kenntnis der tatsächlichen Einkommensverhältnisse durch Pfändungsakten als nichtig einzustufen sind und ob die gleiche Beurteilung für die Kantons- und Gemeindesteuern gilt.

Das Bundesgericht stellt fest, dass die Ermessensveranlagungen für die Steuerperioden 2006 bis 2012 nichtig sind, weil das Steueramt wider besseres Wissen und bewusst willkürlich handelte. Nach der ersten Lohnpfändung im Dezember 2006 erhielt das Steueramt im Januar 2007 eine Kopie der Pfändungsunterlagen, aus der sich ergab, dass der monatliche Grundlohn der Beschwerdeführerin Fr. 10'320.-- und der ausbezahlte Monatslohn per September 2006 Fr. 11'581.75 betrug – also ein Jahresbruttoeinkommen von rund Fr. 250'000.--. Trotz dieser klaren Kenntnis erhöhte das Steueramt die Einschätzungen für 2006 weiterhin auf Fr. 400'000.-- und steigerte sie danach systematisch auf Fr. 500'000.-- (2007), Fr. 600'000.-- (2008) und Fr. 750'000.-- (2009/2010). Diese Erhöhungen standen in krassen Widerspruch zu den verfügbaren Informationen und führten innerhalb weniger Jahre zum finanziellen Ruin der Beschwerdeführerin. Das Bundesgericht stützt seine Entscheidung auf Art. 130 Abs. 2 DBG (Ermessensveranlagung), Art. 132 Abs. 3 DBG (Anfechtbarkeit), Art. 133 Abs. 3 DBG (Fristwiederherstellung), Art. 147 DBG (Revisionsgründe) und Art. 148 DBG (Frist für Revision), sowie auf Art. 43 Abs. 2, Art. 46 Abs. 3, Art. 48 Abs. 2, Art. 51 Abs. 1 und 3 StHG für die Kantons- und Gemeindesteuern. Für die Perioden 2004 und 2005 lehnt das Bundesgericht die Nichtigkeitsrüge ab, weil die Pfändungsunterlagen für diese Jahre nicht vorlagen und daher kein vergleichbares Wissen des Steueramts nachweisbar war. Das Bundesgericht weist die Sache zur Rückabwicklung der rechtswidrig erfolgten Ermessensveranlagungen und zur Neuveranlagung im ordentlichen Verfahren aufgrund der nachträglich eingereichten Steuererklärungen an das Kantonale Steueramt Zürich zurück. Es verurteilt den Kanton Zürich zur Tragung sämtlicher Gerichtskosten von Fr. 25'000.-- und zur Zahlung einer Parteientschädigung von Fr. 25'000.-- an die Beschwerdeführerin. Dieses Urteil ist bemerkenswert, weil es erstmals klarstellt, dass eine Ermessensveranlagung nichtig wird, sobald die Veranlagungsbehörde wider besseres Wissen und ohne sachliche Grundlage systematisch überhöht – selbst wenn die Steuerpflichtige ihre Mitwirkungspflicht verletzt hat.

Regeste

Art. 9 Abs. 1 AHVG; Art. 5 VwVG; Art. 49 ATSG; Art. 9 BV; Nichtigkeit einer Verfügung über Beiträge aus selbständiger Erwerbstätigkeit. Die im Steuerrecht geltenden Grundsätze zur Nichtigkeit einer (rechtskräftigen) Ermessensveranlagung (vgl. Urteil 2C_679/2016 vom 11. Juli 2017) gelten sinngemäss auch bei Verfügungen über Beiträge aus selbständiger Erwerbstätigkeit, welche auf einer steuerrechtlichen Ermessensveranlagung beruhen, wenn die betreffende versicherte Person bestreitet, überhaupt selbständig erwerbstätig zu sein (E. 4). Regeste Art. 9 al. 1 LAVS; art. 5 PA; art. 49 LPGA; art. 9 Cst.; nullité d'une décision portant sur les cotisations perçues sur le revenu provenant d'une activité indépendante. Les principes valables en droit fiscal relatifs à la nullité d'une décision de taxation d'office (entrée en force; cf. arrêt 2C_679/2016 du 11 juillet 2017) s'appliquent par analogie également aux décisions portant sur les cotisations perçues sur le revenu provenant d'une activité indépendante, qui reposent sur une décision de taxation fiscale d'office, lorsque la personne assurée concernée conteste exercer une activité indépendante (consid. 4). Regesto Art. 9 cpv. 1 LAVS; art. 5 PA; art. 49 LPGA; art. 9 Cost.; nullità di una decisione sui contributi da attività indipendente. I principi vigenti in diritto fiscale sulla nullità di una tassazione d'ufficio (passata in giudicato; cfr. sentenza 2C_679/2016 dell'11 luglio 2017) si applicano per analogia anche alle decisioni sui contributi da attività indipendente, che si basano su una tassazione d'ufficio fiscale, quando la persona assicurata oggetto della decisione contesta integralmente di esercitare un'attività indipendente (consid. 4).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.

Verwandte Entscheide