Portugiesischer Rentner in Portugal verliert Anspruch auf Wiedereingliederungsmassnahmen mangels Versicherungsunterstellung (Art. 9 Abs. 1bis IVG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 145 V 266 · ATF 145 V 266 · DTF 145 V 266
- Datum
- 17.07.2019
- Geschäftsnummer
- BGE 145 V 266
- Ausgang
- Gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 1a AHVG Art. 4 CE Art. 2 FZA Art. 1b IVG Art. 8a IVG Art. 9 IVG Art. 11 VO
Zusammenfassung
Ein portugiesischer Staatsangehöriger, der von 1979 bis 1998 in der Schweiz arbeitete und ab 1999 eine halbe Invalidenrente bezog, wanderte im Februar 2004 nach Portugal aus und übte dort keine Erwerbstätigkeit mehr aus. Die IV-Stelle für Versicherte im Ausland hob seine Rente per 1. August 2014 auf und verneinte gleichzeitig einen Anspruch auf Wiedereingliederungsmassnahmen sowie die Weiterausrichtung der Rente während solcher Massnahmen. Das Bundesverwaltungsgericht hiess die Beschwerde des Versicherten gut und verpflichtete die IV-Stelle, die Rente weiter auszurichten und die Gewährung von Massnahmen zu prüfen. Dagegen erhob die IV-Stelle Beschwerde beim Bundesgericht.
Das Bundesgericht heisst die Beschwerde der IV-Stelle für Versicherte im Ausland gut und stellt den Anspruch auf Wiedereingliederungsmassnahmen sowie die akzessorische Weiterausrichtung der Rente fest.
Der Beschwerdeführer wohnte seit Februar 2004 in Portugal und war dort nicht mehr erwerbstätig. Zum Zeitpunkt des angefochtenen Entscheids vom 5. Juni 2014 erfüllte er somit die versicherungsmässigen Voraussetzungen gemäss Art. 1b IVG in Verbindung mit Art. 1a AHVG nicht mehr. Gemäss Art. 9 Abs. 1bis IVG entsteht der Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen frühestens mit der Unterstellung unter die Versicherung und endet spätestens mit deren Ende. Diese Voraussetzung gilt auch für Wiedereingliederungsmassnahmen nach Art. 8a IVG in Verbindung mit den Schlussbestimmungen der 6. IV-Revision. Da der Beschwerdeführer zum massgebenden Zeitpunkt nicht mehr versichert war, bestand kein Anspruch auf Wiedereingliederungsmassnahmen und folglich auch kein akzessorischer Anspruch auf Weiterführung der Rente.
Die Regelung verstösst nicht gegen das Diskriminierungsverbot gemäss Art. 2 FZA und Art. 4 VO Nr. 883/2004. Das Gemeinschaftsrecht koordiniert die sozialen Sicherungssysteme, harmonisiert sie aber nicht; die Schweiz darf den Anspruch auf Wiedereingliederungsmassnahmen auf versicherte Personen beschränken. Gemäss Art. 11 Abs. 3 Bst. e VO Nr. 883/2004 sind für Nichterwerbstätige die Rechtsvorschriften des Wohnmitgliedstaats anwendbar, weshalb Portugal zuständig ist. Der Ausschluss von Massnahmen im Ausland ist objektiv gerechtfertigt, da Wiedereingliederungsmassnahmen für Personen ohne Bezug zum schweizerischen Arbeitsmarkt regelmässig nur im Wohnsitzstaat wirksam sind. Zudem würde eine gegenteilige Lösung zu einer Privilegierung ausländischer gegenüber Schweizer Staatsangehörigen mit Wohnsitz im Ausland führen. Auch Art. 7 VO Nr. 883/2004 steht dem nicht entgegen, da es sich bei Wiedereingliederungsmassnahmen um Sachleistungen handelt.
Regeste
Art. 1b, 8a und 9 Abs. 1 bis IVG; lit. a Abs. 1-3 der Schlussbestimmungen der am 1. Januar 2012 in Kraft getretenen Änderung vom 18. März 2011 des IVG (6. IV-Revision, erstes Massnahmenpaket; nachfolgend: SchlBest. IVG); Art. 2 FZA und Art. 4 der Verordnung (EG) Nr. 883/2004; versicherungsmässige Voraussetzungen für Wiedereingliederungsmassnahmen. Die in Art. 9 Abs. 1 bis IVG statuierte Voraussetzung der Versicherungsunterstellung gilt auch für die in lit. a Abs. 2 SchlBest. IVG in Verbindung mit Art. 8a IVG vorgesehenen Wiedereingliederungsmassnahmen (E. 4.2). Es ist mit dem Gemeinschaftsrecht, insbesondere dem Diskriminierungsverbot, vereinbar, Personen ohne Wohnsitz und Erwerbstätigkeit in der Schweiz, deren Invalidenrente gestützt auf lit. a Abs. 1 SchlBest. IVG aufgehoben wurde, mangels Versicherungsunterstellung vom Anspruch auf Wiedereingliederungsmassnahmen und vom akzessorischen Anspruch auf Weiterausrichtung der bisherigen Rente während deren Dauer (lit. a Abs. 2 und 3 SchlBest. IVG) auszuschliessen (E. 6.3). Regeste Art. 1b, 8a et 9 al. 1 bis LAI; let. a al. 1-3 des dispositions finales de la modification du 18 mars 2011 de la LAI introduite le 1 er janvier 2012 (6 e révision AI, 1 er volet; ci-après: Disp. fin. LAI); art. 2 ALCP et art. 4 du Règlement (CE) n° 883/2004; conditions d'assurance pour les mesures de nouvelle réadaptation. La condition d'assujettissement à l'assurance énoncée à l'art. 9 al. 1 bis LAI s'applique également pour les mesures de nouvelle réadaptation prévues à la let. a al. 2 Disp. fin. LAI en lien avec l'art. 8a LAI (consid. 4.2). Le fait d'exclure les personnes qui ne sont pas domiciliées en Suisse et n'y exercent pas d'activité lucrative, et dont la rente d'invalidité a été supprimée en vertu de la let. a al. 1 Disp. fin. LAI, du droit à des mesures de nouvelle réadaptation ainsi que du droit accessoire au maintien de la rente pendant la durée de mise en oeuvre de celles-ci, faute d'assujettissement à l'assurance, est compatible avec le droit communautaire, en particulier avec l'interdiction de discrimination (let. a al. 2 et 3 Disp. fin. LAI) (consid. 6.3). Regesto Art. 1b, 8a e 9 cpv. 1 bis LAI; lett. a cpv. 1-3 delle disposizioni finali della modifica del 18 marzo 2011 della LAI entrata in vigore il 1° gennaio 2012 (6a revisione dell'AI, primo pacchetto di misure; in seguito: Disp. fin. LAI); art. 2 ALC e art. 4 del Regolamento (CE) n. 883/2004; condizioni assicurative in relazione con i provvedimenti di reintegrazione. La condizione d'assoggettamento all'assicurazione prevista all'art. 9 cpv. 1 bis LAI si applica anche ai provvedimenti di reintegrazione previsti alla lett. a cpv. 2 Disp. fin. LAI in relazione con l'art. 8a LAI (consid. 4.2). È compatibile con il diritto comunitario, in particolare con il divieto di discriminazione, escludere - per mancanza del presupposto d'assoggettamento all'assicurazione - persone senza domicilio e attività lucrativa in Svizzera, a cui è stata soppressa la rendita d'invalidità in virtù della lett. a cpv. 1 Disp. fin. LAI, dal diritto a provvedimenti di reintegrazione e dal diritto accessorio al mantenimento della rendita erogata finora per la loro durata (lett. a cpv. 2 e 3 Disp. fin. LAI) (consid. 6.3).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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