Privatkläger rügt Einstellung des Verfahrens wegen heimlicher Videoaufnahme: Staatsanwaltschaft verletzt Grundsatz "in dubio pro duriore", Verfahren muss fortgeführt werden (Art. 319 Abs. 1 lit. c StPO)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 144 I 37 · ATF 144 I 37 · DTF 144 I 37
- Datum
- 05.01.2018
- Geschäftsnummer
- 6B_1356/2016
- Abteilung
- Strafrechtliche Abteilung
- Ausgang
- Rückweisung
Tragende Normen
Art. 81 BGG Art. 30 BV Art. 6 EMRK Art. 17 StGB Art. 179quater StGB Art. 319 StPO Art. 427 StPO Art. 433 StPO Art. 28 ZGB
Zusammenfassung
Ein Privatkläger erhob Beschwerde gegen das Urteil des Kantonsgerichts Freiburg, das die Einstellung des Strafverfahrens gegen eine ehemalige Kollegin wegen heimlicher Videoaufnahme bestätigt hatte. Streitig war, ob die Staatsanwaltschaft rechtmässig das Verfahren eingestellt hatte, nachdem sie die heimliche Aufzeichnung eines Gesprächs mit dem Beschwerdeführer als straflos qualifiziert hatte. Der Beschwerdeführer machte zudem geltend, die Zusammensetzung des Bundesgerichts verletze den Anspruch auf ein gesetzliches Gericht nach Art. 6 EMRK und verlangte vorgängige Bekanntgabe des Spruchkörpers.
Das Bundesgericht entschied, dass die Beschwerde gutzuheissen ist und das Urteil der Vorinstanz aufzuheben sowie die Sache zurückzuweisen ist. Die Vorinstanz verletzte Bundesrecht, indem sie die Einstellungsverfügung der Staatsanwaltschaft schützte, obwohl diese den Grundsatz "in dubio pro duriore" verletzte: Die heimliche Videoaufnahme des Beschwerdeführers durch die Beschwerdegegnerin 2 erfüllt grundsätzlich den Tatbestand der Verletzung des Geheim- oder Privatbereichs nach Art. 179quater StGB, und ein rechtfertigender Notstand nach Art. 17 StGB lag nicht offensichtlich vor. Die Vorinstanz ging fälschlich davon aus, eine Verurteilung sei nicht wahrscheinlicher als ein Freispruch; doch nach Art. 319 Abs. 1 lit. c StPO darf das Verfahren nur bei klarer Straflosigkeit eingestellt werden, und bei Zweifel ist Anklage zu erheben. Die Vorinstanz verkannte zudem, dass die Frage, ob das Interesse der Beschwerdegegnerin 2 dasjenige des Beschwerdeführers überwiegt, einer gerichtlichen Entscheidung vorbehalten ist. Der Beschwerdeführer hat als Privatkläger ein rechtlich geschütztes Interesse gemäss Art. 81 Abs. 1 lit. b Ziff. 5 BGG, weil sich die Einstellung auf seine Zivilansprüche aus Art. 28 ZGB auswirkt. Sein Gesuch um vorgängige Bekanntgabe der Zusammensetzung des Spruchkörpers wurde abgewiesen, weil das Bundesgericht dazu weder verfassungs- noch konventionsrechtlich verpflichtet ist und die Besetzung nach Art. 32 BGG und Art. 40 BGerR auf sachlichen Kriterien beruht, was mit Art. 30 Abs. 1 BV und Art. 6 Abs. 1 EMRK vereinbar ist. Dem Beschwerdeführer steht eine Parteientschädigung von Fr. 1'500.-- zu, die gemeinsam von der Beschwerdegegnerin 2 und dem Kanton Freiburg zu tragen ist; die Gerichtskosten von Fr. 1'500.-- trägt allein die Beschwerdegegnerin 2. Die Entscheidung präzisiert die Anwendung des Grundsatzes "in dubio pro duriore" bei Einstellungsverfügungen und klärt, dass ein drohender Arbeitsplatzverlust keine Notstandslage im Sinne von Art. 17 StGB begründet.
Regeste
Anspruch auf ein auf Gesetz beruhendes Gericht; Zusammensetzung des Spruchkörpers; Art. 30 Abs. 1 BV und Art. 6 Ziff. 1 EMRK. Unter dem Aspekt des auf Gesetz beruhenden Gerichts verlangen Art. 30 Abs. 1 BV und Art. 6 Ziff. 1 EMRK einen justizförmigen, unabhängigen und unparteiischen Spruchkörper, der über Streitfragen auf der Grundlage des Rechts und in einem gesetzlich vorgesehenen Verfahren mit rechtstaatlichen Garantien entscheidet. Der Anspruch darauf, dass das Gericht richtig zusammengesetzt ist, schliesst ein gewisses Ermessen bei der Zusammensetzung des Spruchkörpers nicht aus, solange diese gesetzlich geregelt ist und auf im Voraus bestimmten, in jedem Einzelfall zu berücksichtigenden sachlichen, d.h. vernünftigen, einer sach- und zeitgerechten Fallerledigung dienenden Kriterien beruht. Die Regelung zur Besetzung des Spruchkörpers des Bundesgerichts gemäss Art. 32 BGG und Art. 40 Abs. 2-5 BGerR ist mit Art. 30 Abs. 1 BV und Art. 6 Ziff. 1 EMRK vereinbar (E. 2). Regeste Droit à un tribunal établi par la loi; composition de l'organe appelé à statuer; art. 30 al. 1 Cst. et art. 6 par. 1 CEDH. Sous l'angle du tribunal établi par la loi, les art. 30 al. 1 Cst. et 6 par. 1 CEDH exigent un organe juridictionnel indépendant et impartial, qui tranche des litiges sur la base du droit et à l'issue d'une procédure prévue par la loi en conformité avec les garanties de l'Etat de droit. Le droit à une composition correcte du tribunal n'exclut pas un certain pouvoir d'appréciation dans la composition de l'organe appelé à statuer, aussi longtemps que celle-ci est prévue par la loi et repose sur des critères déterminés d'avance pour chaque cas d'espèce à prendre en considération, et objectifs qui permettent un traitement approprié du cas dans un délai convenable. La réglementation relative à la constitution de la cour appelée à statuer au sein du Tribunal fédéral selon les art. 32 LTF et 40 al. 2-5 RTF satisfait aux art. 30 al. 1 Cst. et 6 par. 1 CEDH (consid. 2). Regesto Diritto a un tribunale fondato sulla legge; composizione del collegio giudicante; art. 30 cpv. 1 Cost. e art. 6 n. 1 CEDU. Sotto il profilo del tribunale fondato sulla legge, l'art. 30 cpv. 1 Cost. e l'art. 6 n. 1 CEDU impongono un organo giurisdizionale, indipendente e imparziale che si pronunci sulle controversie sulla base del diritto e nell'ambito di una procedura prevista dalla legge con le garanzie di uno Stato di diritto. Il diritto a una composizione corretta del tribunale non esclude un certo margine di apprezzamento nella costituzione del collegio giudicante, nella misura in cui essa è disciplinata dalla legge e poggia in ogni singolo caso su criteri prestabiliti e oggettivi, ovvero razionali, volti a evadere la vertenza in modo appropriato e in un termine ragionevole. La regolamentazione sulla costituzione del collegio giudicante del Tribunale federale prevista dall'art. 32 LTF e dall'art. 40 cpv. 2-5 RTF è compatibile con l'art. 30 cpv. 1 Cost. e con l'art. 6 n. 1 CEDU (consid. 2).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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