Helferin fördert rechtswidrige Einreise eines Asylbewerbers nach Dublin-Überstellung nach Italien: Notstandshilfe entfällt mangels absoluter Subsidiarität (Art. 116 Abs. 1 lit. a i.V.m. Abs. 2 AlG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 146 IV 297 · ATF 146 IV 297 · DTF 146 IV 297
- Datum
- 30.06.2020
- Geschäftsnummer
- BGE 146 IV 297
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Art. 116 AIG Art. 116 AlG Art. 116 AuG Art. 42 BGG Art. 81 BGG Art. 83 BGG Art. 106 BGG Art. 5 BV Art. 9 BV Art. 3 EMRK Art. 6 EMRK Art. 13 EMRK Art. 17 StGB Art. 52 StGB Art. 3 StPO
Zusammenfassung
Eine Helferin brachte einen aus Afghanistan stammenden Asylbewerber illegal von Italien über den Grenzübergang Gondo in die Schweiz zurück. Der Asylbewerber war zuvor im Dublin-Verfahren rechtmässig nach Italien überstellt worden, nachdem er in der Schweiz untergetaucht war. Die Helferin wurde vom Bezirksgericht Brig wegen Förderung der rechtswidrigen Einreise gemäss Art. 116 Abs. 1 lit. a i.V.m. Abs. 2 AlG gebüsst. Sie berief sich auf Notstandshilfe und Wahrung berechtigter Interessen und rügte Verletzungen von Grundrechten. Das Kantonsgericht Wallis bestätigte das Urteil. Die Helferin erhob Beschwerde in Strafsachen beim Bundesgericht.
Das Bundesgericht wies die Beschwerde ab. Es stellte fest, dass die Beschwerdeführerin sich wissentlich und willentlich über das Verbot der Förderung rechtswidriger Einreise hinweggesetzt hatte, nachdem der Flüchtling rechtmässig im Dublin-Verfahren nach Italien überstellt worden war. Ein Notstand war nicht gegeben, weil die absolute Subsidiarität fehlte: Der Flüchtling befand sich in Italien zwar in einer schwierigen, aber nicht ausweglosen Situation; er war handlungsfähig, kaufte Lebensmittel und eine Telefonkarte, suchte Rat bei afghanischen Mitbürgern und besorgte ein Zugbillett für die Rückreise. Die Beschwerdeführerin, als erfahrene Flüchtlingshelferin, hatte genügend Zeit und Mittel, legale Alternativen zu prüfen – etwa Kontakt mit NGOs, Gesundheitsinstitutionen, der Polizei oder dem Schweizer Grenzschutz aufzunehmen. Auch medizinische Hilfe war in Italien verfügbar, etwa über die STP-Karte. Eine Berufung auf Art. 17 StGB (Notstandshilfe) oder den aussergesetzlichen Rechtfertigungsgrund der Wahrung berechtigter Interessen scheiterte daher. Zudem war eine doppelte Privilegierung gemäss Art. 116 Abs. 2 AlG und Art. 52 StGB nicht gerechtfertigt, da kein Fehlen jeglichen Strafbedürfnisses vorlag. Die Beschwerde gegen die asylrechtlichen Entscheide des Bundesverwaltungsgerichts war unzulässig, sodass das Bundesgericht darauf nicht eintrat. Die gerügten Verletzungen von Art. 3 EMRK, Art. 6 EMRK, Art. 5 Abs. 3 BV, Art. 9 BV und Art. 29 Abs. 2 BV wurden als unbegründet verworfen, weil die Vorinstanz sachgerecht und nicht willkürlich entschieden hatte und die Beweiswürdigung im Ermessen lag. Die Entscheidung klärt, dass auch bei schweren psychischen Erkrankungen eines Flüchtlings die Voraussetzungen für Notstandshilfe streng geprüft werden müssen und die bloße Ablehnung einer Rückkehr in den Dublin-Staat nicht ausreicht.
Regeste
Art. 5 Abs. 3 BV; Art. 116 Abs. 1 lit. a i.V.m. Abs. 2 AIG; Art. 17 StGB; Förderung der rechtswidrigen Einreise; Notstandshilfe; Dublin-Verfahren. Die Beschwerde ist gegen Entscheide des Bundesverwaltungsgerichts auf dem Gebiet des Asyls unzulässig. Das Bundesgericht tritt auf diesbezügliche Rügen nicht ein (E. 1.3). Der rechtfertigende wie der entschuldbare Notstand setzen voraus, dass die Gefahr nicht anders abwendbar war. Auch die Notstandshilfe steht deshalb unter der Voraussetzung der absoluten Subsidiarität. Entsprechendes gilt für den aussergesetzlichen Rechtfertigungsgrund der Wahrung berechtigter Interessen (E. 2.2.1). Der Asyl-Antragsteller befand sich im nach dem Dublin-Verfahren zuständigen Mitgliedstaat Italien (E. 1.3) in einer schwierigen, aber nicht ausweglosen und auch nicht in einer aussergewöhnlichen Situation im Sinne von Art. 3 EMRK (E. 2.2.3). Ein Notstand lässt sich nicht bejahen. Das tatbestandsmässige Handeln erweist sich als rechtswidrig (E. 2.2.9). Im Strafpunkt war keine doppelte Privilegierung (Art. 116 Abs. 2 AIG kumuliert mit Art. 52 StGB) vorzunehmen (E. 2.3). Regeste Art. 5 al. 3 Cst.; art. 116 al. 1 let. a en lien avec al. 2 LEI; art. 17 CP; incitation à l'entrée illégale; état de nécessité pour autrui; procédure Dublin. Les recours contre les décisions du Tribunal administratif fédéral dans le domaine de l'asile sont irrecevables. Le Tribunal fédéral n'entre pas en matière sur les griefs formulés à ce sujet (consid. 1.3). L'état de nécessité, qu'il soit justifiable ou excusable, suppose que le danger ne pouvait être écarté autrement. L'état de nécessité pour autrui est donc également soumis à une subsidiarité absolue. Il en va de même pour le motif justificatif extra-légal de la sauvegarde des intérêts légitimes (consid. 2.2.1). Le requérant d'asile se trouvait dans l'Etat membre responsable selon la procédure de Dublin, à savoir l'Italie (consid. 1.3), dans une situation difficile, mais pas sans issue, ni dans une situation exceptionnelle au sens de l'art. 3 CEDH (consid. 2.2.3). Un état de nécessité ne peut être admis. L'acte constitutif de l'infraction se révèle illicite (consid. 2.2.9). Sur le plan pénal, un double traitement privilégié (art. 116 al. 2 LEI cumulé avec art. 52 CP) ne devait pas être appliqué (consid. 2.3). Regesto Art. 5 cpv. 3 Cost.; art. 116 cpv. 1 lett. a unitamente al cpv. 2 LStrI; art. 17 CP; incitazione all'entrata illegale; aiuto in caso di stato di necessità; procedura Dublino. Il ricorso contro le decisioni in materia di asilo pronunciate dal Tribunale amministrativo federale è inammissibile. Il Tribunale federale non entra nel merito delle censure relative a tali decisioni (consid. 1.3). Sia lo stato di necessità esimente sia quello discolpante presuppongono l'esistenza di un pericolo non altrimenti evitabile. Anche l'aiuto in caso di stato di necessità è pertanto subordinato alla condizione della sussidiarietà assoluta. Lo stesso dicasi per il motivo giustificativo extralegale della tutela di interessi legittimi (consid. 2.2.1). Il richiedente l'asilo si trovava in Italia, Stato membro competente secondo la procedura Dublino (consid. 1.3), in una situazione difficile, ma non senza vie d'uscita e nemmeno straordinaria ai sensi dell'art. 3 CEDU (consid. 2.2.3). Non può essere riconosciuto uno stato di necessità. L'agire costitutivo di reato risulta illecito (consid. 2.2.9). Un trattamento doppiamente privilegiato (applicazione cumulativa dell'art. 116 cpv. 2 LStrI e dell'art. 52 CP) relativamente alla pena non si giustificava (consid. 2.3).
Originalentscheid beim Gericht ↗
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