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Justizze. Art. 141 StPO

Bundesgericht

Beschuldigter beantragt Rückgabe versiegelter Aufzeichnungen nach Hausdurchsuchung: private Observationen durch Versicherung sind rechtswidrig, aber im Entsiegelungsverfahren nicht automatisch unverwertbar (Art. 141 Abs. 2 StPO)

BGE / ATF / DTF
BGE 143 IV 387 · ATF 143 IV 387 · DTF 143 IV 387
Datum
16.08.2017
Geschäftsnummer
BGE 143 IV 387
Ausgang
Abgewiesen

Tragende Normen

Art. 13 BV Art. 36 BV Art. 8 EMRK Art. 141 StPO Art. 197 StPO Art. 248 StPO Art. 282 StPO

Zusammenfassung

Ein Versicherter war von 2006 bis 2013 mehrfach durch Privatdetektive observiert worden; die Ergebnisse führten zur Strafanzeige wegen Versicherungsbetrugs und zur Hausdurchsuchung bei ihm. Nach der Sicherstellung verschiedener elektronischer Geräte und Unterlagen verlangte er deren Siegelung und reichte gegen den Entscheid zur Entsiegelung Beschwerde beim Bundesgericht ein. Streitig war, ob die mittels privater Observation gewonnenen Beweismittel bereits im Vorverfahren auszuscheiden seien oder ob ihre Verwertbarkeit erst im Hauptverfahren zu prüfen sei.

Das Bundesgericht wies die Beschwerde ab und bestätigte den Entsiegelungsentscheid des Zwangsmassnahmengerichts.

Die privaten Observationen durch Detektive im Auftrag der Versicherung waren rechtswidrig, weil im schweizerischen Recht keine ausreichende gesetzliche Grundlage für systematische private Observationen besteht – weder im Sozialversicherungsrecht noch im Strafrecht. Der Eingriff in die Privatsphäre verstösst daher gegen Art. 13 Abs. 1 i.V.m. Art. 36 Abs. 1 BV sowie gegen Art. 8 EMRK und Art. 8 CEDU. Die Observationen erfolgten jedoch ausschliesslich im öffentlich zugänglichen Raum, etwa am Zufahrts- und Gehweg zur Wohnung des Beschwerdeführers, und stellten daher nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts keinen schweren Eingriff dar. Die Videoaufnahmen und Berichte bildeten die einzige belastende Beweisgrundlage für das Privatgutachten und für den Tatverdacht; andere direkte Beweise standen den Strafbehörden nicht zur Verfügung. Da die Unverwertbarkeit der Beweismittel nicht klar auf der Hand lag, war gemäss Art. 141 Abs. 2 StPO eine abschliessende Prüfung ihrer Verwertbarkeit dem Sachrichter im Endentscheid vorbehalten. Ein Entsiegelungshindernis bestand daher nicht. Auch Art. 141 Abs. 4 StPO (Fernwirkung) war nicht anwendbar, weil kein klarer Fall der Unverwertbarkeit vorlag. Die strafprozessuale Verwertbarkeit der Beweismittel bleibt somit im Hauptverfahren zu entscheiden.

Die Entscheidung klärt die Anwendung von Art. 141 Abs. 2 StPO im Entsiegelungsverfahren und bestätigt die grundsätzliche Unterscheidung zwischen rechtswidriger Erhebung und strafprozessualer Unverwertbarkeit – insbesondere bei privaten Observationen im öffentlichen Raum.

Regeste

Art. 8 EMRK; Art. 13 Abs. 1, 36 Abs. 1 BV; Art. 141 Abs. 2, 197 Abs. 1 lit. a, 248, 282 StPO; Observationen durch Privatdetektive; Verwertbarkeit im Entsiegelungs- und Untersuchungsverfahren. Für systematische private Observationen im Strafprozess besteht keine gesetzliche Grundlage. Die Frage, ob die insofern rechtswidrig erhobenen Beweismittel im Entsiegelungsverfahren verwertbar oder bereits im Vorverfahren auszuscheiden sind, ist nach Art. 141 Abs. 2 StPO zu prüfen. Falls die Beweismittel nicht klarerweise unverwertbar sind, besteht kein Entsiegelungshindernis und ist die abschliessende Prüfung der Verwertbarkeit dem Sachrichter im Endentscheid vorzubehalten (E. 4). Regeste Art. 8 CEDH; art. 13 al. 1, 36 al. 1 Cst.; art. 141 al. 2, 197 al. 1 let. a, 248, 282 CPP; observations par des détectives privés; exploitation de ce moyen de preuve dans une procédure de levée des scellés et au cours de l'instruction. En procédure pénale, il n'existe pas de base légale autorisant des observations systématiques par des privés. Déterminer si le moyen de preuve obtenu dès lors illégalement est exploitable dans le cadre d'une procédure de levée de scellés ou doit être déjà retiré du dossier au cours de la procédure préliminaire s'examine en fonction de l'art. 141 al. 2 CPP. Dans le cas où le moyen de preuve n'est pas manifestement inexploitable, il n'existe aucun empêchement à la levée des scellés et l'examen définitif de son caractère exploitable incombe au juge du fond dans le cadre de la décision finale (consid. 4). Regesto Art. 8 CEDU; art. 13 cpv. 1, 36 cpv. 1 Cost.; art. 141 cpv. 2, 197 cpv. 1 lett. a, 248, 282 CPP; osservazioni da parte di investigatori privati; utilizzabilità nella procedura di dissigillamento e nell'istruzione penale. Nel diritto processuale penale non esiste una base legale per osservazioni private sistematiche. La questione di sapere se detti mezzi di prova raccolti illegalmente siano utilizzabili nella procedura di dissigillamento o debbano essere espunti dall'incarto già nella procedura preliminare, deve essere esaminata sulla base dell'art. 141 cpv. 2 CPP. Qualora i mezzi di prova non siano chiaramente inutilizzabili, non è dato un impedimento al dissigillamento e l'esame definitivo della loro utilizzabilità deve essere riservato al giudice di merito nell'ambito della decisione finale (consid. 4).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.

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