Vollständiger Ausschluss akkreditierter Gerichtsberichter von Berufungsverhandlung und Urteilseröffnung verstösst gegen Justizöffentlichkeit und Medienfreiheit (Art. 30 Abs. 3 BV, Art. 6 Ziff. 1 EMRK, Art. 70 StPO)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 143 I 194 · ATF 143 I 194 · DTF 143 I 194
- Datum
- 01.01.2017
- Geschäftsnummer
- BGE 143 I 194
- Abteilung
- CH_BGE_001
- Ausgang
- Gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 11 AEV/ZH Art. 27 BGG Art. 10 BV Art. 13 BV Art. 16 BV Art. 17 BV Art. 30 BV Art. 36 BV Art. 6 EMRK Art. 8 EMRK Art. 10 EMRK Art. 69 StPO Art. 70 StPO Art. 84 StPO Art. 117 StPO Art. 152 StPO Art. 154 StPO Art. 14 UNO-Pakt Art. 17 UNO-Pakt Art. 28 ZGB
Zusammenfassung
Akkreditierte Gerichtsberichterstatter führten Beschwerde gegen zwei Verfügungen des Obergerichts des Kantons Zürich, mit denen dieser den vollständigen Ausschluss der Medien von der Berufungsverhandlung und der mündlichen Urteilsverkündung in einem Strafverfahren wegen versuchter vorsätzlicher Tötung angeordnet hatte. Die Privatkläger hatten diesen Ausschluss beantragt, um ihre Privatsphäre und die psychische Integrität insbesondere der minderjährigen Kinder zu schützen. Das Bundesgericht musste entscheiden, ob der Ausschluss mit dem Grundrecht auf Justizöffentlichkeit, der Medienfreiheit und der Informationsfreiheit vereinbar war.
Das Bundesgericht hob die Verfügungen des Obergerichts Zürich auf und gestattete den akkreditierten Gerichtsberichterstattern den Zugang sowohl zur Berufungsverhandlung als auch zur mündlichen Urteilsverkündung. Der vollständige Ausschluss verletzte den Grundsatz der Justizöffentlichkeit nach Art. 30 Abs. 3 BV, Art. 6 Ziff. 1 EMRK und Art. 14 UNO-Pakt II sowie die Medienfreiheit nach Art. 17 BV und die Informationsfreiheit nach Art. 16 Abs. 3 BV. Die schutzwürdigen Interessen der minderjährigen Privatkläger am Ausschluss waren zwar ernst zu nehmen, da sie durch das versuchte Tötungsdelikt der Mutter gegen den Vater, die Inhaftierung der Mutter, die Fremdplatzierung und die Trennung der Eltern erheblich belastet waren und eine intensive therapeutische Betreuung benötigten. Dennoch überwogen die Interessen der Öffentlichkeit an einer wirksamen Justizkontrolle, insbesondere weil bereits das erstinstanzliche Verfahren unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattgefunden hatte und das Obergericht im Vergleich zum Bezirksgericht sowohl eine andere rechtliche Qualifikation der Straftat vornahm als auch das Strafmass verschärfte. Ein Ausschluss der Medien war daher unverhältnismässig, da weniger weitgehende Massnahmen wie anonymisierte Berichterstattung ausreichend gewesen wären. Die Richter hätten bei der mündlichen Urteilsverkündung zudem Spielraum gehabt, Sekundärviktimisierungen zu vermeiden. Die Entscheidung stützt sich auf Art. 30 Abs. 3 BV, Art. 6 Ziff. 1 EMRK, Art. 14 UNO-Pakt II, Art. 16 und 17 BV, Art. 70 StPO sowie weitere einschlägige Normen. Das Bundesgericht wies darauf hin, dass die Medienschaffenden bei Zulassung zur Verhandlung an die Verpflichtung zur anonymisierten Berichterstattung gemäss § 11 Abs. 2 AEV/ZH gebunden wären. Die Entscheidung präzisiert die enge Verhältnismässigkeitsprüfung beim Ausschluss der Medien aus Strafverfahren und betont die zentrale Wächterrolle der Presse für die Rechtsstaatlichkeit.
Regeste
Art. 16, 17, 30 Abs. 3 und 36 BV; Art. 6 Ziff. 1 EMRK; Art. 14 UNO-Pakt II; Art. 69 und 70 StPO; § 11 Abs. 2 AEV/ZH; Ausschluss der Medien von der Berufungsverhandlung und Urteilseröffnung. Die rechtsstaatliche und demokratische Bedeutung des Grundsatzes der Justizöffentlichkeit gebietet, einen Ausschluss des Publikums und der Medienschaffenden in gerichtlichen Strafverfahren nur sehr restriktiv, mithin bei überwiegenden entgegenstehenden Interessen, zuzulassen (E. 3.1). Zur Wahrung gewichtiger Anliegen des Kinder-, Jugend- oder Opferschutzes kommt eine Zugangsverweigerung nur dann in Frage, wenn sich weniger weitgehende Einschränkungen als zweckuntauglich erweisen; sie ist auf diejenigen Verfahrensabschnitte zu beschränken, in denen schwergewichtig besonders sensible Umstände thematisiert werden, die in der Öffentlichkeit auszubreiten den betroffenen Personen nicht zugemutet werden kann (E. 3.6.1). Im vorliegenden Fall verletzte der vollständige Ausschluss der akkreditierten Gerichtsberichterstatterinnen und -erstatter von der Berufungsverhandlung und mündlichen Urteilsverkündung den Grundsatz der Justizöffentlichkeit und die Medien- und Informationsfreiheit, zumal die Interessen am Schutz der Privatkläger nicht gegen die Interessen der Medienschaffenden an der Informationsbeschaffung bzw. -verbreitung und an einer wirksamen Justizkontrolle aufzukommen vermochten (E. 3.6 und 3.7). Regeste Art. 16, 17, 30 al. 3 et 36 Cst.; art. 6 par. 1 CEDH; art. 14 Pacte ONU II; art. 69 et 70 CPP; § 11 al. 2 AEV/ZH; exclusion des médias de l'audience d'appel et de la lecture du jugement. Vu l'importance du principe de la publicité des débats dans un Etat de droit et une société démocratique, une exclusion du public et de la presse dans les procès pénaux ne peut être ordonnée que de manière très restrictive, soit en présence d'intérêts contraires prépondérants (consid. 3.1). Une interdiction d'accès répondant à des préoccupations majeures liées à la protection des enfants, de la jeunesse ou des victimes ne peut être admise que lorsque des restrictions moins incisives se révèlent inadaptées au but poursuivi; elle doit se limiter aux moments de la procédure dans lesquels sont abordés des aspects particulièrement sensibles pour les personnes concernées qu'elles ne peuvent se voir imposer d'être débattus en public (consid. 3.6.1). Dans le cas particulier, les intérêts des correspondants des médias à la collecte et à la diffusion d'informations et à un contrôle efficient du fonctionnement de la justice l'emportent sur les intérêts à la protection des parties plaignantes; ainsi, l'interdiction faite aux chroniqueurs judiciaires accrédités d'assister aux débats d'appel et à la notification orale du jugement viole le principe de la publicité de la procédure judiciaire ainsi que la liberté d'information et des médias (consid. 3.6 et 3.7). Regesto Art. 16, 17, 30 cpv. 3 e 36 Cost.; art. 6 n. 1 CEDU; art. 14 Patto ONU II; art. 69 e 70 CPP; § 11 cpv. 2 AEV/ZH; esclusione dei media dal dibattimento dinanzi al tribunale d'appello e dalla pronuncia della sentenza. L'importanza per lo Stato di diritto e la democrazia del principio della pubblicità della giustizia esige che un'esclusione del pubblico e dei media da un processo penale possa essere ordinata soltanto in maniera molto restrittiva, segnatamente in presenza di interessi contrapposti preponderanti (consid. 3.1). Un divieto d'accesso a tutela delle esigenze di protezione dei bambini, dei giovani e delle vittime può entrare in considerazione solo quando restrizioni meno incisive sono inadeguate a raggiungere lo scopo perseguito; deve essere limitato alle fasi della procedura in cui sono affrontati aspetti particolarmente sensibili per le persone interessate, dalle quali una loro diffusione pubblica non può essere pretesa (consid. 3.6.1). Nella fattispecie, l'esclusione totale dei giornalisti accreditati dal dibattimento d'appello e dalla comunicazione orale della sentenza viola il principio della pubblicità della giustizia, la libertà dei media e quella d'informazione, tanto più che l'interesse alla protezione degli accusatori privati non prevale sugli interessi dei media alla raccolta e alla diffusione delle informazioni, nonché a un controllo efficace del funzionamento della giustizia (consid. 3.6 e 3.7).
Originalentscheid beim Gericht ↗
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