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Justizze. Art. 16 StGB

Bundesgericht

Notwehrexzess nach verbaler Provokation: Entschuldbarkeit verneint, Strafmilderung nach Art. 16 Abs. 1 StGB (Art. 111 StGB)

BGE / ATF / DTF
BGE 142 IV 14 · ATF 142 IV 14 · DTF 142 IV 14
Datum
26.11.2015
Geschäftsnummer
6B_454/2015
Abteilung
Strafrechtliche Abteilung
Ausgang
Abgewiesen

Tragende Normen

Art. 15 StGB Art. 16 StGB Art. 33 StGB Art. 48a StGB Art. 111 StGB Art. 113 StGB Art. 117 StGB

Zusammenfassung

Ein Beschuldigter wehrte sich auf seiner Baustelle gegen einen Angriff des späteren Opfers mit einem Messer und tötete dieses durch einen Stich in den Brustbereich. Die Vorinstanz qualifizierte die Tat als eventualvorsätzliche Tötung in Notwehrexzess. Der Beschwerdeführer rügt Willkür bei der Feststellung einer verbalen Provokation («du Schwanz») sowie die Verneinung eines entschuldbaren Notwehrexzesses. Er beantragt alternativ die Qualifikation als Totschlag oder fahrlässige Tötung.

Das Bundesgericht weist die Beschwerde ab, soweit darauf einzutreten ist. Es bestätigt, dass die Vorinstanz den Notwehrexzess zu Recht nicht als entschuldbar im Sinne von Art. 16 Abs. 2 StGB einstufte.

Entscheidend war, dass der Beschwerdeführer das Opfer zuvor verbal provoziert hatte («du Schwanz»), was nach Auffassung des Gerichts eine tätliche Reaktion voraussehbar machte. Zudem beteiligte er sich an einer gegenseitigen Schlägerei, bevor er zum Messer griff. Das Gericht hielt fest, dass der Beschwerdeführer trotz grosser Aufregung besonnener hätte handeln können, etwa durch einen Stich in die Beine statt in den Oberkörper. Die Frage der Entschuldbarkeit sei eine Rechtsfrage, für die kein psychiatrisches Gutachten nötig war.

Hinsichtlich der rechtlichen Qualifikation wies das Gericht den Antrag auf Totschlag (Art. 113 StGB) zurück. Da die heftige Gemütsbewegung hier in der Aufregung über den Angriff lag, greift das Doppelverwertungsverbot; eine parallele Anwendung von Art. 113 StGB und Art. 16 Abs. 1 StGB ist ausgeschlossen. Der Schuldspruch nach Art. 111 StGB i.V.m. Art. 16 Abs. 1 StGB ermöglichte zudem eine mildere Strafzumessung als Art. 113 StGB. Ein Schuldspruch wegen fahrlässiger Tötung (Art. 117 StGB) kam nicht in Betracht, da der Beschwerdeführer den Todeseintritt zumindest in Kauf nahm.

Das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege wurde wegen Aussichtslosigkeit abgewiesen (Art. 64 BGG).

Regeste

Tötung in Notwehrexzess; Verhältnis zwischen vorsätzlicher und fahrlässiger Tötung sowie Totschlag; Art. 15 f., 111, 113 und 117 StGB. Ob der Angegriffene den Angriff provoziert hat, ist bei der Zulässigkeit bzw. der Verhältnismässigkeit der Notwehr und der Entschuldbarkeit eines allfälligen Notwehrexzesses zu berücksichtigen. Ein Schuldspruch wegen fahrlässiger Tötung mit der Begründung, der Täter habe die Notwehrsituation selbst verschuldet, wenn auch nur fahrlässig, kommt nicht in Betracht (E. 5.3). Totschlag und Notwehrlage schliessen sich nicht gegenseitig aus. Liegt die heftige Gemütsbewegung in der Aufregung oder Bestürzung über einen unrechtmässigen Angriff, gelangen Art. 113 und 16 Abs. 1 StGB jedoch nicht gleichzeitig zur Anwendung; die Tat ist als vorsätzliche Tötung nach Art. 111 StGB, begangen in Notwehrexzess, zu qualifizieren (E. 5.4). Regeste Meurtre commis en état de légitime défense excessive; rapport entre homicide volontaire, homicide par négligence et meurtre passionnel; art. 15 s., 111, 113 et 117 CP. Le fait que la victime a provoqué l'attaque est un élément dont il convient de tenir compte dans le cadre de l'examen de l'admissibilité, respectivement de la proportionnalité, de la légitime défense et du caractère excusable d'un éventuel excès de légitime défense. Une condamnation pour homicide par négligence justifiée par le fait que l'auteur serait lui-même responsable de la situation de légitime défense, même seulement par négligence, n'entre pas en ligne de compte (consid. 5.3). Le meurtre passionnel et l'état de légitime défense ne s'excluent pas l'un l'autre. Si l'émotion violente consiste justement dans l'état d'excitation ou de saisissement causé par l'attaque, les art. 113 et 16 al. 1 CP ne s'appliquent cependant pas concurremment; l'acte doit être qualifié de meurtre intentionnel au sens de l'art. 111 CP, commis en état de légitime défense excessive (consid. 5.4). Regesto Omicidio, eccesso di legittima difesa; rapporto tra omicidio intenzionale, omicidio colposo e omicidio passionale; art. 15 seg., 111, 113 e 117 CP. È nell'ambito della valutazione dell'ammissibilità rispettivamente della proporzionalità della legittima difesa e della natura discolpante di un eventuale eccesso di legittima difesa che occorre considerare se l'aggredito ha provocato l'aggressione. Una condanna per titolo di omicidio colposo fondata sul fatto che l'autore ha causato egli stesso la situazione di legittima difesa, quand'anche solo per negligenza, non è possibile (consid. 5.3). L'omicidio passionale e la legittima difesa non si escludono l'un l'altra. Tuttavia, se la violenta commozione dell'animo consiste in uno stato di eccitazione o di sbigottimento dovuto a un'aggressione ingiusta, non vi è spazio per applicare sia l'art. 113 sia l'art. 16 cpv. 1 CP; il comportamento dev'essere qualificato come omicidio intenzionale giusta l'art. 111 CP commesso in uno stato di eccesso di legittima difesa (consid. 5.4).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.

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