Justizze.

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Justizze. Art. 343 StPO

Bundesgericht

Versuchter Mord: Verletzung des Unmittelbarkeitsprinzips bei Hauptbelastungszeugen führt zur Rückweisung (Art. 343 Abs. 3 StPO)

BGE / ATF / DTF
BGE 140 IV 196 · ATF 140 IV 196 · DTF 140 IV 196
Datum
10.12.2014
Geschäftsnummer
6B_529/2014
Abteilung
Strafrechtliche Abteilung
Ausgang
Teilweise gutgeheissen

Tragende Normen

Art. 29 BV Art. 32 BV Art. 6 EMRK Art. 5 StPO Art. 210 StPO Art. 343 StPO Art. 389 StPO Art. 405 StPO

Zusammenfassung

Der Beschwerdeführer wurde erstinstanzlich wegen versuchten Mordes und weiterer Delikte verurteilt. Das Obergericht verschärfte die Strafe auf 15 Jahre Freiheitsstrafe. Der Beschwerdeführer rügt vor Bundesgericht insbesondere eine willkürliche Beweiswürdigung, die Verletzung des Konfrontationsrechts gegenüber dem Hauptbelastungszeugen sowie die mangelnde Prüfung der Glaubwürdigkeit dieses Zeugen. Er beantragt die Aufhebung des obergerichtlichen Urteils und die Rückweisung der Sache.

Das Bundesgericht heisst die Beschwerde teilweise gut und weist die Sache zur neuen Beurteilung an die Vorinstanz zurück. Die Rüge des Beschwerdeführers, die Vorinstanz habe das Unmittelbarkeitsprinzip verletzt, ist begründet. Da der Beschwerdegegner 3 als Hauptbelastungszeuge für die zentrale Frage der Schussrichtung diente, hätte die Vorinstanz alles in ihrer Macht Stehende unternehmen müssen, um seine gerichtliche Befragung zu ermöglichen, insbesondere durch eine Fahndungsausschreibung nach Art. 210 Abs. 1 StPO, da sein Aufenthaltsort unbekannt war. Stattdessen wies sie den Befragungsantrag ab, was eine Verletzung von Art. 343 Abs. 3 i.V.m. Art. 405 Abs. 1 StPO darstellt.

Weiter stellt das Gericht fest, dass die DNA-Spur auf der Patronenhülse kein verwertbares Indiz für die Täterschaft ist. Das forensische Institut hatte die Wahrscheinlichkeit, dass die DNA vor der Schussabgabe auf die Patrone gelangte, als "eher unwahrscheinlich" eingestuft. Die Vorinstanz durfte zwar diese Variante wählen, jedoch bleibt die Zuordnung mit erheblicher Unsicherheit behaftet, weshalb ein genügender Beweis fehlt.

Hingegen sind die Rügen betreffend das Konfrontationsrecht unbegründet. Der Beschwerdeführer wurde anwaltlich vertreten und erhielt Gelegenheit zu Ergänzungsfragen; die fehlende Akteneinsicht im Zeitpunkt der Konfrontationseinvernahme schadet nicht, da die belastenden Aussagen wiederholt wurden. Auch der Verzicht auf ein psychiatrisches Gutachten zum Zeugen ist nicht willkürlich, da dessen Aussagen detailliert und konsistent waren und durch andere Beweismittel gestützt wurden. Bezüglich der Auskunftspersonen hat der Beschwerdeführer sein Konfrontationsrecht durch Unterlassen rechtzeitiger Anträge verwirkt.

Das Gesuch des Beschwerdeführers um unentgeltliche Rechtspflege wird abgewiesen, soweit es nicht gegenstandslos ist, während dem Gesuch der Beschwerdegegnerin stattgegeben wird. Dem Beschwerdeführer werden Gerichtskosten von Fr. 800.-- auferlegt.

Regeste

Art. 343 Abs. 3 und Art. 389 Abs. 1 und 2 StPO; Unmittelbarkeitsprinzip; Beweisabnahme im Berufungsverfahren; Verwertbarkeit der Beweise bei Unmöglichkeit einer gerichtlichen Einvernahme. Art. 343 Abs. 3 StPO verankert in den dort erwähnten Fällen eine (einmalige) Unmittelbarkeit im erstinstanzlichen Verfahren, in der Regel jedoch keine solche für das Rechtsmittelverfahren. Beweisabnahmen des erstinstanzlichen Gerichts sind im Rechtsmittelverfahren zu wiederholen, wenn eine Voraussetzung von Art. 389 Abs. 2 StPO erfüllt ist. Eine unmittelbare Beweisabnahme im Rechtsmittelverfahren hat auch zu erfolgen, wenn eine solche im erstinstanzlichen Verfahren unterblieb oder unvollständig war und die unmittelbare Kenntnis des Beweismittels für die Urteilsfällung notwendig erscheint. Weiter kann eine unmittelbare Beweisabnahme durch das Berufungsgericht erforderlich sein, wenn dieses von den erstinstanzlichen Sachverhaltsfeststellungen abweichen will. Zudem gilt auch im Rechtsmittelverfahren der Wahrheits- und Untersuchungsgrundsatz (E. 4.4.1 und 4.4.4). Begriff der Notwendigkeit der unmittelbaren Abnahme eines Beweismittels im gerichtlichen Verfahren (E. 4.4.2 und 4.4.3). Erachtet das Gericht eine erneute Erhebung eines Beweises als notwendig und ist das Beweismittel aus rechtlichen oder tatsächlichen Gründen nicht mehr erreichbar, weil der Zeuge zum Beispiel verstorben oder unbekannten Aufenthalts ist, sind die zuvor ordnungsgemäss erhobenen Beweise trotzdem verwertbar. Das Gericht hat diese allerdings besonders vorsichtig und zurückhaltend zu würdigen (E. 4.4.5). Regeste Art. 343 al. 3 et art. 389 al. 1 et 2 CPP; principe d'immédiateté; administration des preuves en procédure d'appel; exploitation des preuves lorsque l'audition par le juge n'est pas possible. L'art. 343 al. 3 CPP impose, dans les cas qui y sont énumérés, une immédiateté (unique) en procédure de première instance mais en principe pas en deuxième instance. Les preuves administrées par le tribunal de première instance doivent être répétées en deuxième instance lorsque l'une des conditions de l'art. 389 al. 2 CPP est réalisée. Il y a aussi lieu de procéder à une administration immédiate des preuves lorsque celle-ci a été omise ou effectuée de manière incomplète en première instance et que la connaissance directe du moyen de preuve apparaît nécessaire au prononcé du jugement. En outre, une administration immédiate des preuves par la juridiction d'appel peut s'imposer lorsque celle-ci envisage de s'écarter des constatations de fait de première instance. Par ailleurs, la maxime de l'instruction ou principe de la recherche de la vérité matérielle s'applique également en procédure de recours (consid. 4.4.1 et 4.4.4). Notion de nécessité pour un tribunal d'administrer une preuve conformément au principe d'immédiateté (consid. 4.4.2 et 4.4.3). Lorsque le tribunal estime qu'une nouvelle administration des preuves s'impose mais que le moyen de preuve n'est plus accessible, pour des motifs juridiques ou de fait, par exemple parce que le témoin est décédé ou sans domicile connu, les preuves administrées précédemment de manière régulière peuvent néanmoins être exploitées. Le tribunal doit toutefois les interpréter avec une prudence et une retenue particulières (consid. 4.4.5). Regesto Art. 343 cpv. 3 e art. 389 cpv. 1 e 2 CPP; principio dell'immediatezza; assunzione di prove nella procedura di appello; utilizzabilità delle prove nel caso in cui l'interrogatorio da parte del tribunale non sia possibile. L'art. 343 cpv. 3 CPP sancisce, per i casi ivi menzionati, un'immediatezza (unica) nella procedura di prima istanza, ma di regola non in quella di ricorso. Le assunzioni di prove del tribunale di primo grado devono essere ripetute se una delle condizioni dell'art. 389 cpv. 2 CPP è realizzata. Occorre pure procedere a un'assunzione diretta di prove in sede di ricorso qualora il tribunale di primo grado non le abbia assunte o lo abbia fatto in modo incompleto e la conoscenza diretta del mezzo di prova appaia necessaria per la pronuncia della sentenza. Inoltre un'assunzione diretta di prove da parte del tribunale d'appello può essere necessaria laddove esso intenda scostarsi dall'accertamento dei fatti compiuto in prima istanza. Il principio inquisitorio e quello della verità materiale vigono anche nella procedura di ricorso (consid. 4.4.1 e 4.4.4). Nozione di necessità dell'assunzione diretta di prove nell'ambito della procedura giudiziaria (consid. 4.4.2 e 4.4.3). Ove il tribunale ritenga necessario riassumere una prova e, per ragioni giuridiche o fattuali, il mezzo di prova non sia più disponibile, perché ad esempio il testimone è morto o di ignota dimora, le prove regolarmente raccolte in precedenza restano utilizzabili. Il tribunale deve nondimeno valutarle con particolari prudenza e riserbo (consid. 4.4.5).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.

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