Vorruhestandsurlaub des Grenzwachtkorps mit Lohnfortzahlung ohne Tätigkeit: Qualifikation als Nichterwerbstätiger und persönliche Beitragspflicht bestätigt (Art. 10 Abs. 1 AHVG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 139 V 12 · ATF 139 V 12 · DTF 139 V 12
- Datum
- 24.01.2013
- Geschäftsnummer
- 9C_356/2012
- Abteilung
- II. sozialrechtliche Abteilung
- Ausgang
- Gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 4 AHVG Art. 5 AHVG Art. 10 AHVG Art. 30ter AHVG Art. 28 AHVV Art. 28bis AHVV
Zusammenfassung
Ein Angehöriger des Grenzwachtkorps trat einen dreijährigen Vorruhestandsurlaub an, während dessen er den vollen Lohn erhielt, jedoch keine Arbeitsleistung mehr erbrachte. Die Eidgenössische Ausgleichskasse qualifizierte ihn für das Jahr 2009 als nichterwerbstätig und erhob persönliche Beiträge. Das kantonale Gericht hiess die dagegen erhobene Beschwerde teilweise gut und wies die Kasse zur Rückerstattung der Beiträge an, da der Vorruhestand einer arbeitsrechtlichen Freistellung gleiche und der Lohnanspruch fortbestehe. Das Bundesamt für Sozialversicherungen focht diesen Entscheid an.
Das Bundesgericht heisst die Beschwerde gut und bestätigt, dass der Versicherte im Jahr 2009 als Nichterwerbstätiger beitragspflichtig war. Der Vorruhestandsurlaub unterscheidet sich wesentlich von einer privatrechtlichen Freistellung, da eine Rückkehr an die Arbeitsstelle ausgeschlossen ist und sämtliche Zeitguthaben bezogen werden müssen. Massgebend für den Beitragsstatus ist die tatsächliche wirtschaftliche Tätigkeit; fehlte diese, liegt Nichterwerbstätigkeit vor. Die Weiterzahlung des Lohnes ändert nichts an diesem Status, auch wenn der Versicherte weiterhin obligatorisch versichert blieb.
Die Abgrenzung zur Freistellung ergibt sich daraus, dass einem freigestellten Arbeitnehmer eine anderweitige Tätigkeit nicht grundsätzlich verwehrt ist, während hier die Erwerbstätigkeit ausdrücklich untersagt wurde. Zudem dient der Vorruhestand teilweise als Entschädigung für schwierige Arbeitsbedingungen, was bei einer Freistellung fehlt. Eine Qualifikation als Erwerbstätiger scheitert daher mangels planmässiger Verwirklichung der Erwerbsabsicht durch Arbeitsleistung.
Hinsichtlich der Buchung im individuellen Konto gilt das Erwerbsjahrprinzip. Die Anwendung des Realisierungsprinzips würde zu einer verpönten Umgehung der Beitragspflicht für Nichterwerbstätige führen. Die neue Fassung von Art. 30ter Abs. 3 AHVG ist zwar intertemporal nicht anwendbar, kodifiziert aber die bestehende Rechtsprechung, wonach Einkommen im Jahr der Ausübung der Tätigkeit einzutragen sind, sofern keine Nachteile oder Umgehungen drohen. Hier bestand keine Gefahr einer Beitragslücke, da der Versicherte als Nichterwerbstätiger erfasst wurde.
Die Kostenfolge richtet sich nach dem Obsiegen des Beschwerdeführers; eine Parteientschädigung für den Beschwerdegegner wird nicht zugesprochen.
Regeste
Art. 10 Abs. 3 AHVG; Art. 28 bis AHVV; Art. 34 BPV; Beitragspflicht im Vorruhestandsurlaub. Ob ein Versicherter erwerbstätig ist, beurteilt sich nicht in Funktion der Beitragshöhe, sondern nach den tatsächlichen wirtschaftlichen Gegebenheiten. Eine versicherte Person untersteht dann dem Beitragsstatut eines Erwerbstätigen, wenn sie im Zeitraum, auf den sich die Beitragserfassung bezieht, eine Erwerbstätigkeit mit gewissen Beiträgen auf dem Arbeitserwerb (Art. 10 Abs. 1 Satz 2 AHVG) und von bestimmten Umfang (Art. 10 Abs. 1 Satz 3 AHVG in Verbindung mit Art. 28 bis AHVV) ausübte (E. 5.2). Der Vorruhestand gemäss Art. 34 BPV kann nicht mit einer arbeitsvertraglichen Freistellung gleichgesetzt werden (E. 6.1). Eine arbeits- oder personalrechtliche abweichende Regelung vermag die zwingende AHV-rechtliche Definition der Nichterwerbstätigkeit nicht zu derogieren (E. 6.3). Entschädigen die Leistungen im Vorruhestand mindestens teilweise für die früheren schwierigen Arbeitsbedingungen und besteht in diesem Sinne eine sachliche Korrelation, sind sie - in Nachachtung von BGE 111 V 161 - nach dem Erwerbsjahrprinzip unter dem Jahr der letzten effektiven Arbeitstätigkeit im individuellen Konto einzutragen (E. 6.4). Regeste Art. 10 al. 3 LAVS; art. 28 bis RAVS; art. 34 OPers; obligation de cotiser durant le congé de préretraite. La question de savoir si un assuré exerce une activité lucrative ne se juge pas en fonction du montant de la cotisation, mais d'après les circonstances économiques concrètes. Un assuré est soumis au statut de personne exerçant une activité lucrative s'il exerçait, durant la période de calcul, une activité lucrative entraînant le paiement de cotisations sur le revenu du travail (art. 10 al. 1, 2 e phrase, LAVS) et revêtant une certaine importance (art. 10 al. 1, 3 e phrase, LAVS en corrélation avec l'art. 28 bis RAVS; consid. 5.2). La préretraite au sens de l'art. 34 OPers ne peut pas être assimilée à une libération de l'obligation de travailler (consid. 6.1). Une règle différente fondée sur le droit du travail ou le droit de la fonction publique ne permet pas de déroger à la manière dont le droit de l'AVS définit l'absence d'activité lucrative (consid. 6.3). Lorsque les prestations en cas de préretraite indemnisent en partie au moins des conditions de travail antérieures difficiles et qu'il existe un lien matériel entre les premières et les secondes, elles doivent - conformément à l' ATF 111 V 161 - être inscrites au compte individuel, suivant le principe de l'année d'acquisition, pour l'année durant laquelle l'assuré a exercé sa dernière activité effective (consid. 6.4). Regesto Art. 10 cpv. 3 LAVS; art. 28 bis OAVS; art. 34 OPers; obbligo contributivo durante il congedo di prepensionamento. La questione di sapere se un assicurato esercita un'attività lucrativa non va decisa in funzione dell'importo di contributo, bensì tenuto conto delle circostanze economiche effettive. Un assicurato rientra nella categoria contributiva di persona esercitante attività lucrativa se, nel periodo dell'assoggettamento contributivo, esercitava un'attività lucrativa soggetta al pagamento di determinati contributi sul provento del lavoro (art. 10 cpv. 1 seconda frase LAVS) e di una certa portata (art. 10 cpv. 1 terza frase LAVS in relazione con l'art. 28 bis OAVS; consid. 5.2). Il prepensionamento secondo l'art. 34 OPers non può essere equiparato all'esonero contrattuale dall'obbligo di lavorare (consid. 6.1). Una disciplina diversa prevista dal diritto del lavoro o da norme interessanti la funzione pubblica non permette di derogare alla definizione imperativa dell'assenza di attività sotto il profilo dell'AVS (consid. 6.3). Se le prestazioni erogate durante il prepensionamento indennizzano perlomeno parzialmente le difficili precedenti condizioni di lavoro e se sussiste, in tal senso, una correlazione materiale, esse - in considerazione della DTF 111 V 161 - vanno iscritte nel conto individuale per l'anno dell'ultima attività lavorativa effettiva, conformemente al principio per il quale è determinante l'anno dell'esercizio dell'attività lucrativa (consid. 6.4).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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