Justizze.

Die Schweizer Rechtsdatenbank mit KI.

Justizze. Art. 7 FZA

Bundesgericht

Familiennachzug Drittstaatsangehöriger: Kein Vorbezug rechtmässigen Aufenthalts nötig, keine aktuelle Gefahr für öffentliche Ordnung (Art. 7 lit. d FZA)

BGE / ATF / DTF
BGE 136 II 5 · ATF 136 II 5 · DTF 136 II 5
Datum
29.09.2009
Geschäftsnummer
BGE 136 II 5
Ausgang
Gutgeheissen

Tragende Normen

Art. 17 ANAG Art. 13 BV Art. 8 EMRK Art. 5 FZA Art. 7 FZA

Zusammenfassung

Ein aus Palästina stammender Mann, der seit rund 13 Jahren in der Schweiz lebt und wegen Drogendelikten sowie Waffengesetzverstössen verurteilt wurde, heiratete eine spanische Staatsangehörige mit Niederlassungsbewilligung. Das kantonale Migrationsamt wies sein Gesuch um eine Aufenthaltsbewilligung EG/EFTA ab und ordnete seine Wegweisung an, da er sich nie rechtmässig in einem Vertragsstaat aufgehalten habe und eine Gefahr für die öffentliche Ordnung darstelle. Die Beschwerdeführer rügen die Verletzung des Freizügigkeitsrechts sowie offensichtliche Unrichtigkeiten in der Sachverhaltsfeststellung bezüglich der Mitwirkungspflicht bei der Ausschaffung.

Das Bundesgericht heisst die Beschwerde gut und weist das kantonale Migrationsamt an, dem Beschwerdeführer eine Aufenthaltsbewilligung EG/EFTA zu erteilen. Da die Ehefrau über eine Niederlassungsbewilligung verfügt, bestand bereits nach Art. 17 Abs. 2 ANAG sowie gestützt auf Art. 8 EMRK und Art. 13 BV ein Anspruch auf Bewilligung, weshalb auf die Beschwerde einzutreten war. Das Gericht berichtigt die tatsächlichen Feststellungen der Vorinstanz gemäss Art. 105 Abs. 2 BGG, wonach der Beschwerdeführer allein für das Scheitern der Ausschaffung verantwortlich sei; vielmehr war die Ausschaffung mangels Reisepapieren objektiv nicht vollziehbar.

Materiell-rechtlich passt das Bundesgericht seine Rechtsprechung an das EuGH-Urteil Metock an. Zur Gewährleistung einer parallelen Rechtslage entfällt die bisherige Voraussetzung, dass sich ein nachzugsberechtigtes Familienmitglied mit Drittstaatsangehörigkeit vorgängig rechtmässig in der Schweiz oder einem anderen Vertragsstaat aufgehalten haben muss (Art. 7 lit. d FZA, Art. 3 Anhang I FZA). Zudem liegen keine Voraussetzungen für eine Beschränkung der Freizügigkeitsrechte vor. Zwar beging der Beschwerdeführer früher schwere Drogendelikte, doch verstösst er seit acht Jahren nicht mehr gravierend gegen die Rechtsordnung. Ein Verstoss gegen das Waffengesetz liegt sechs Jahre zurück und wurde mild bestraft. Angesichts seiner Integration, Erwerbstätigkeit als Sicherheitsbeamter und intakten Ehe besteht keine gegenwärtige und hinreichend schwere Gefährdung der öffentlichen Ordnung gemäss Art. 5 Anhang I FZA.

Die Sache wird nicht zurückgewiesen, sondern das Bundesgericht entscheidet selbst, da alle Grundlagen für die Beurteilung in den Akten liegen. Über die Kosten- und Entschädigungsfolgen des vorinstanzlichen Verfahrens hat das Verwaltungsgericht neu zu befinden.

Regeste

Art. 7 lit. d FZA sowie Art. 3 und 5 Anhang I FZA; Nachzug von Familienmitgliedern mit Drittstaatsangehörigkeit; Anpassung der bundesgerichtlichen Rechtsprechung an die geänderte Rechtsprechung des Gerichtshofes der Europäischen Gemeinschaften; Voraussetzungen, unter denen eine Bewilligung verweigert werden kann. Prozessuales (E. 1). Tatsächliches (E. 2). Regelung des Familiennachzuges nach dem Freizügigkeitsabkommen (E. 3.1-3.3). Berücksichtigung der nachträglichen Entwicklung der Rechtsprechung des Gerichtshofes der Europäischen Gemeinschaften: Zur Gewährleistung einer parallelen Rechtslage zwischen den Mitgliedstaaten der Europäischen Gemeinschaft und zwischen derselben und der Schweiz kann nicht an der Voraussetzung festgehalten werden, dass sich das Familienmitglied mit Drittstaatsangehörigkeit, das ein Angehöriger eines EU-Staates in die Schweiz nachziehen will, vorgängig bereits rechtmässig in der Schweiz oder einem anderen Vertragsstaat aufgehalten hat (Änderung der Rechtsprechung gemäss BGE 130 II 1 und BGE 134 II 10 in Anpassung an das Urteil des EuGH i.S. Metock; E. 3.4-3.7). Voraussetzungen des Freizügigkeitsabkommens für die Verweigerung einer Bewilligung, auf die Anspruch besteht, insbesondere Erfordernis einer gegenwärtigen und hinreichend schweren Gefährdung der öffentlichen Ordnung (Fortführung von BGE 129 II 215 und BGE 130 II 176; E. 4). Rechtsfolgen (E. 5.1). Regeste Art. 7 let. d ALCP et art. 3 et 5 annexe I ALCP; regroupement familial de personnes ayant la nationalité d'un Etat tiers; adaptation de la jurisprudence du Tribunal fédéral à la nouvelle jurisprudence de la Cour de justice des communautés européennes; conditions auxquelles une autorisation peut être refusée. Aspects procéduraux (consid. 1). Aspects factuels (consid. 2). Réglementation en matière de regroupement familial prévue par l'Accord sur la libre circulation des personnes (consid. 3.1-3.3). Prise en compte d'un récent développement de la jurisprudence de la Cour de justice des communautés européennes: en vue d'assurer une situation juridique parallèle entre les Etats membres de la Communauté européenne et entre ceux-ci et la Suisse, il doit être renoncé à la condition voulant qu'une personne ayant la nationalité d'un Etat tiers ait préalablement déjà séjourné légalement en Suisse ou dans une autre partie contractante pour rejoindre un ressortissant communautaire en Suisse au titre du regroupement familial (modification de la jurisprudence publiée aux ATF 130 II 1 et ATF 134 II 10 conformément à l'arrêt de la CJCE dans l'affaire Metock; consid. 3.4-3.7). Conditions auxquelles l'accord sur la libre circulation des personnes permet de rejeter une demande d'autorisation fondée sur un droit reconnu par l'accord; en particulier, exigence d'une menace actuelle et d'une certaine gravité pour l'ordre public (confirmation des ATF 129 II 215 et ATF 130 II 176; consid. 4). Conséquences juridiques (consid. 5.1). Regesto Art. 7 lett. d ALC nonché art. 3 e 5 Allegato I ALC; ricongiungimento famigliare di cittadini di Stati terzi; adeguamento della prassi del Tribunale federale alla nuova giurisprudenza della Corte di giustizia delle Comunità europee; condizioni alle quali un'autorizzazione di soggiorno può essere rifiutata. Aspetti procedurali (consid. 1). Aspetti fattuali (consid. 2). Regolamentazione in materia di ricongiungimento famigliare prevista dall'Accordo sulla libera circolazione delle persone (consid. 3.1-3.3). Presa in considerazione della recente evoluzione della giurisprudenza della Corte di giustizia delle Comunità europee: per garantire una situazione giuridica parallela tra gli Stati membri della Comunità europea e tra questi e la Svizzera, si deve rinunciare all'esigenza secondo cui un cittadino di uno Stato terzo deve avere già risieduto legalmente in Svizzera o in uno Stato contraente prima di potere raggiungere un cittadino comunitario in Svizzera nell'ambito del ricongiungimento famigliare (modifica della giurisprudenza pubblicata in DTF 130 II 1 e DTF 134 II 10 conformemente alla sentenza Metock della CGCE; consid. 3.4-3.7). Condizioni alle quali l'Accordo sulla libera circolazione delle persone consente di respingere una richiesta di autorizzazione fondata su un diritto riconosciuto dall'Accordo; in particolare, esigenza di una minaccia attuale e di una certa gravità per l'ordine pubblico (conferma delle DTF 129 II 215 e DTF 130 II 176; consid. 4). Conseguenze giuridiche (consid. 5.1).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.

Verwandte Entscheide